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Vom Hörsaal in die Kirche

Wie erfinderisch Raumknappheit in Kassel macht

Eine Vorlesung von der Kanzel aus erleben – das können Sie sich nicht vorstellen? An der Universität Kassel ist das aufgrund der akuten Raumnot in Studiengängen wie Maschinenbau oder Architektur tägliche Realität.

Die akute Raumnot ist ein Problem, das an vielen staatlichen Universitäten Deutschlands vermehrt auftritt. Vorlesungen in Kirchen stattfinden zu lassen, ist allerdings eine Neuschöpfung der Universität Kassel, die versucht, ihre 20 000 Studenten unterzubringen. Diese Vorgehensweise wird nicht von allen Seiten positiv aufgenommen.

kassel_textTrotz der Einführung von Studienbeiträgen, reißt der Strom der Studierenden, die sich an der Kasseler Universität einschreiben, nicht ab. Diese ist für die Beliebtheit ihrer Studiengänge „Lehramt“, „Maschinenbau“ oder „Kunst“ bekannt. Die Universitätsleitung versuchte den Platzproblemen mit Videosälen, welche die Vorlesungen online übertragen, entgegenzuwirken. Doch selbst diese Säle sind überfüllt und wahrlich nicht die ideale Lösung.

Gegen die Idee, an Samstagen Vorlesungen stattfinden zu lassen, wehrten sich die Studierenden heftig. Auch ist nicht zu erwarten, dass das Schlangestehen in der Zentralmensa besser werden wird, da die Erstsemesterzahlen in den nächsten Jahren wohl eher noch steigen werden, in erster Linie bedingt durch diverse G8- Doppeljahrgänge aus bevölkerungsreichen Bundesländern sowie der ausgesetzten Wehrpflicht.

Der geplante Anbau der Universität, der weitere Hörsäle und Um- und Neubauten vorsieht, wird eine Gesamtsumme von 70 Millionen Euro erfordern und steht voraussichtlich erst 2013 zur Verfügung. Das Studentenwerk wird sich zeitgleich auch um die Errichtung eines Studentenwohnheims und einer Kindertagesstätte auf dem Campus- Gelände bemühen.
So schloss die Universität mit Kirchen, Kinos und dem Kasseler Klinikum, die alle eine zentrale Lage zum Campusgelände auszeichnet, Verträge über Räumlichkeiten, um dem Platzproblem Abhilfe zu schaffen. Vergessen wurde dabei allerdings, dass die Bedingungen für die Studierenden unzumutbare Ausmaße annehmen.

Caroline, 19, die in Kassel im ersten Semester Maschinenbau studiert, gehört auch zu denen, die Vorlesungen in der Auferstehungskirche an der Mombachstraße besuchen mussten. Sie beschreibt die Zustände als katastrophal: „Die Bänke waren sehr unbequem, es gab keine Tische zum Mitschreiben, stattdessen musste man sich eines Klemmbrettes bedienen oder einfach auf seinem Schoß schreiben. Die Akustik ist grauenhaft – schon aus der vierten Sitzreihe ist die Leinwand nicht mehr richtig zu sehen; durch die vor einem sitzenden Studenten“. Sollte sie noch weitere Vorlesungen in der Kirche haben, wird sie den Stoff selbst zuhause durcharbeiten und von der Kirchen-Vorlesung fernbleiben.

Trotzdem sieht Studentin Caroline die Raumproblematik eher gelassen. Die Alternative wäre ein Numerus Clausus, der es vielen Bewerbern nicht erlauben würde, ohne Wartesemester zu studieren. Dann doch lieber auf Treppenstufen sitzen, bis sich die Anzahl der Studierenden in den Folgesemestern durch nicht bestandene Prüfungen oder Ausschiede dezimiert hat, so Caroline. Auch für Pfarrerin Elisabeth Kawerau gestaltete sich diese Situation als ganz neue Erfahrung: Das erste, was sie nach der Premieren-Vorlesung tat, war einen großen Mülleimer vor die Kirche zu stellen. Auch Schilder die ein Rauch-, Ess- und Trinkverbot innerhalb des Gotteshauses deklarierten, mussten aufgestellt werden.

Kathrin, 22, studiert Deutsch und evangelische Religion auf Lehramt für Gymnasien. Sie beschreibt, dass die steigenden Studierendenzahlen sehr deutliche Auswirkungen in ihrem Fachbereich haben: „Die Räume und Hörsäle sind oftmals so überfüllt, dass einem nichts Anderes übrig bleibt, als den Boden, Tische oder ähnliches als Sitzgelegenheit zu nutzen“.

Für sie gibt es aber ein Problem, dass noch sehr viel schwerwiegender ist: Die meisten Veranstaltungen sind nur für eine begrenzte Anzahl von Studierenden freigegeben. „Im Fach Deutsch ist es so, dass man sich über ein prioritätenbasiertes Verfahren für die Veranstaltungen anmelden muss. Bei Bewerbern mit gleicher Priorität entscheidet das Fachsemester. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, die gewünschte Veranstaltung besuchen zu können, noch relativ hoch“, so Kathrin.

In Pädagogik, dem sogenannten „Kernstudium“ ist es so, dass ein reines Losverfahren entscheidet – in Kathrins unglücklichem Fall so, dass sie für keine einzige Veranstaltung dieses Semesters zugelassen ist. Das stellt die Studierenden schließlich vor das große Problem, die Regelstudienzeit nicht einhalten zu können, was wiederum deren Bafög-Berechtigung  gefährdet und das Problem der Studentenmassen nicht mindert.

Anna, 21, musste noch keine Vorlesung in einer Kirche oder einem Kinosaal besuchen. „Die Uni bemüht sich schon, genügend Platz für alle zu finden. Es stimmt, dass dazu auch Kinosäle, Kirchen oder Räume im Klinikum angemietet werden müssen, allerdings muss ich sagen, dass ich bisher kaum auf Treppenstufen oder enge Kellerräume ausweichen musste, da ich mich immer rechtzeitig um einen Platz kümmere“. Anna studiert Englisch und Französisch auf Lehramt für Gymnasien in Kassel und betont den guten Ruf des Studienstandorts in ganz Deutschland. Sie begründet dies damit, dass die Universität drei schulbezogene Praktika anbietet, was im Vergleich relativ viel ist, aber insgesamt leider ihrer Meinung nach noch zu wenig Raum für das Erproben in der Praxis darstellt.

Wer bereit ist, die Strapazen der gegebenen Umstände auf sich zu nehmen, dafür aber auch nicht mit hohen NC’s kämpfen muss, hat also die Chance ein weiterer Erstsemester an der Universität Kassel zu werden – vielleicht sogar nicht zwangsläufig als Student von Lehramt, Maschinenbau oder Kunst. Mit Platzproblemen werden allerdings in den kommenden Semestern  Universitäten und Fachhochschulen bundesweit zu kämpfen haben.

(Text und Foto: Lisa Brüßler)
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