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Viva la Revolución?

Es geht auch anders – Konstanz in der Bundesliga
Die Bundesliga schreibt grade mal den siebten Spieltag, der Hamburger SV hat mit Michael Oenning seinen Trainer entlassen. Auch in Aachen und Bochum wurde die Krise mit einem Wechsel in der Coachingzone beantwortet. Der Trainer als schwächstes Glied – es gibt jedoch in der Bundesligageschichte auch einen Gegenbeweis: Es geht auch anders.

Der FC Nürnberg war 1983/84 ohne einen einzigen Auswärtspunkt und mit der insgesamt drittschlechtesten Bilanz der Geschichte abgestiegen. Ganz branchenunüblich handelte daraufhin der FCN und verlängerte den Vertrag von Trainer Heinz Höher um zwei weitere Jahre.

die Oktoberrevolution
Als jedoch auch der angestrebte Wiederaufstieg in Gefahr geriet und man mit dem Führungsstil des Trainers unzufrieden war, rumorte es in der Mannschaft. Im Oktober 1984 reichten einige Spieler entsprechende Anträge beim Vorstand ein, wurden aber nicht erhört. Die Konzentration sollte den kommenden Spielen gelten, die Kicker dachten aber gar nicht daran. Sie verfassten eine Erklärung, in der sie sich von Heinz Höher distanzierten, und ließen diese diversen Zeitungen zukommen.

Am nächsten Tag stand der wankende Coach mit fünf Standhaften auf dem Trainingsplatz. Insgesamt 15 Spieler revoltierten und verweigerten das Training. Lediglich die Akteure Fred Klaus, Reiner Geyer, Frank Nitsche, Dieter Eckstein und Rudi Stenzel hielten am Trainer fest oder hatten nicht den Mut für den absoluten Bruch.

Revolutionsführer rausgeschmissen
Der Trainer schien brüskiert, seine Autorität war in alle Einzelteile zersplittert. Doch der Club und sein Vorstand vollzogen einen einzigartigen Schritt. Wie schon nach dem Abstieg in die Zweite Bundesliga sprach man auch diesmal Höher das Vertrauen aus. Anstelle den Trainer auszutauschen, wurde beinahe die gesamte Mannschaft umgekrempelt. Die Revolutionsführer Udo Horsmann, Rudi Kargus, Horst Weyerich, Stefan Lottermann und Thomas Brunner wurden verbannt. Der FCN erwog rechtliche Schritte gegen sie.

Das anstehende Spiel gegen Aachen wurde dann zur General- und Zerreisprobe. Die fünf entlassenen Spieler spielten keine Rolle mehr, doch auch der Rest des Teams dachte an Boykott. Immerhin hatte man kurz zuvor noch den gemeinsamen Aufstand geprobt. Doch auf Anraten ihrer Anwälte konnten die Spieler überzeugt werden. Zudem wurde das Team mit zahlreichen Jungspunden aus der Reserve und der Jugend aufgefüllt. Das Spiel in Aachen ging zwar 1:2 verloren, dennoch war es ein entscheidender Sieg.  Das Spiel setzte einen Hebel in Bewegung. Die blutjunge Mannschaft mit einem Durchschnittsalter von ca. 20 Jahren brannte, die Revolution von gestern war beinahe vergessen.

Neubeginn in Nürnberg
Der Kontakt mit den Revoluzzern verblasste schnell, der Zusammenhalt in der Mannschaft wuchs immer weiter. Charly Dorfner, ehemals FCN-Spielmacher, sprach von einer „unglaublichen Kameradschaft“ und einer „verschworenen Gemeinschaft“.  Als die alten Zöpfe dann einmal abgeschnitten waren, rückte auch der Aufstieg wieder in greifbare Nähe.

Am Ende war es der einzige rehabilitierte Revoluzzer Thomas Brunner, der mit dem Treffer zum 2:0 am letzten Spieltag gegen Kassel den Aufstieg besiegelte. Mit einem Punkt Vorsprung vor eben jenem Kassel schaffte der „Glubb“ den Sprung in die Erstklassigkeit.

Die große Revolution blieb in Nürnberg aus. Es waren vielmehr die Revolutionäre, die sich ins eigene Bein schossen und eine Umwälzung anstießen, an deren Ende sie im Nirwana und der FCN in der Bundesliga standen. Eine Geschichte der Konstanz, die im 21. Jahrhundert doch etwas verloren gegangen scheint. Sie demonstriert jedoch eindrucksvoll: Es geht auch anders.

(Text: Jerome Kirschbaum)


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Über den Autor

Jerome Kirschbaum
Ressortleiter Sport

Jerome Kirschbaum schreibt am liebsten über Sport, wenn er denn nicht selbst auf einem Platz steht. Seit Oktober 2010 verdingt sich Jerome als Schreiberling für back view, neben den Leibesübungen widmet er sich sich auch politischen Themen. Im wahren Leben musste Jerome zahlreiche Semester auf Lehramt studieren, um dann schlussendlich doch etwas ganz anderes zu werden.

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