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Viva la libertad!

Kommentar über das Singledasein als typische Win-Win-Situation

Der Ex-Partner ist in einer neuen Beziehung, die ehemalige beste Freundin hat gerade ihre Hochzeitsfotos auf Facebook hochgeladen und der alte Sandkastenkumpel fotografiert sein Kind beim Verschmieren des Schokopuddings auf Mamas Lieblingsbluse. Für überzeugte Singles unfassbar und das aus gutem Grund!

Viel Spaß und trink nicht so viel!
„Hey Marc, gehen wir heute tanzen? Lilli kommt heute auch, du weißt schon, die kleine Blonde aus der Empirie-Vorlesung.” Diese Frage verneint mein Kumpel Marc sofort mit einer simplen Begründung: „Ne man, du weißt ja, das gibt nur wieder Stress mit meiner Freundin.”

So oder so ähnlich verabschieden sich Freunde, die man früher nur mühsam aus dem Go-Go-Käfig des Stammclubs zerren konnte, in die soziale Isolation, die sogenannte „Beziehung”.

Als überzeugter Single weiß ich meine Unabhängigkeit zu schätzen. Zeitlich, emotional und auch finanziell. Wenn ich lieber zuhause die Wand anstarren möchte, anstatt den Eltern meines Partners mal wieder einen Besuch abzustatten, dann mach ich das.

Wenn ich heute auf Blond stehe, morgen auf Brünett und übermorgen möglicherweise aufs andere Geschlecht, dann tu ich sogar das. Und, wenn ich mein gesamtes Erspartes beim Online Pokern auf den Kopf hauen möchte, anstatt sie mal wieder zum Essen einzuladen, dann kann ich auch das tun!

Geteiltes Leid ist halbes Leid
Von wegen! Geteilte Probleme sind doppelte Probleme. Wenn mein Partner schlecht drauf ist, kann ich ihn kaum mit Konfetti bewerfen, nur weil ich selbst gute Laune habe. Viel schlimmer noch: man muss also gemeinsam Trübsal blasen, um vorbildlich den verständnisvollen Partner zu mimen. Langweilig! Vielmehr setzt man sich also zu einem anderen Menschen aufs Schiff, dessen Segel nur gemeinsam gehisst werden können. Weder der Kurs, noch die Position können im Alleingang gehalten oder bestimmt werden.

Keine Diskussionen, keine Kompromisse
Jeder Schritt, der zwar zur persönlichen Entfaltung, nicht aber zur Harmonie der Beziehung beitragen könnte, muss erst diskutiert werden. Jede noch so kleine Freiheit muss man sich erkämpfen. Man ändert sich, um dem Ideal des Anderen nachzueifern.

Das Individuum wird immer kleiner – an dessen Stelle rücken nämlich feinsäuberlich ausgeklügelte gemeinsame Zukunftspläne, ein ausgeprägter Kinderwunsch und alle anderen „Pflichten”, die man sich unter enormen gesellschaftlichen Druck aufzwingen lässt.

Und mal ehrlich: Jeder von uns saß mindestens schon einmal bei Schwiegereltern, von denen wir uns insgeheim gewünscht hätten, sie seien nur die Adoptiv-Schwiegereltern. Jeder von uns hat sich auch sicherlich schon schlechten Ausreden bedient, um nicht mit der hyperaktiven besten Freundin der Freundin Tee trinken zu gehen. Und wer liegt nachts gerne neben einem schnarchenden Faultier, das einem nicht nur die Decke, sondern auch den erholsamen Schlaf raubt.

Es lässt sich nur mithilfe von geistiger Abwesenheit erklären, dass Menschen ihren beruflichen und persönlichen Weg nach einem anderen Menschen ausrichten, dessen Existenz ihnen ein paar Jahre zuvor noch nicht einmal bekannt war. Die Romantiker finden natürlich eine ganz andere Erklärung: Liebe. Stimmt, allerdings liebe ICH meine Mama, Schokolade und vor allem meine Freiheit.

Freiheit ist kostbar, denn sie bedeutet unter Anderem: keine Verantwortung für einen anderen Menschen tragen, keine Rechtfertigungen für durchzechte Nächte und keine Tränen, wenn man außerplanmäßig das Gleis wechselt.

Lieber Single, als anspruchslos
Viele nehmen die Macken des potentiellen Partners von vorneherein einfach hin, seien die äußerlicher oder innerlicher Art. Zunächst, weil man durch die rosarote Brille schlecht sieht und später, weil die Angst davor, im Alter allein im Schaukelstuhl zu sitzen größer ist, als die Defizite, die der – mehr oder weniger – Auserwählte aufweist.

Selbst der banalste Vergleich mit einem Autokauf, dessen Wahl ähnlich subjektiv verläuft wie die des Partners, zeigt, wie kontraproduktiv eine Beziehung für die persönliche Entfaltung ist. Denn: Wer kauft schon den quietschgrünen Ford Fiesta mit Baujahr 1934, obwohl er eigentlich auf schwarze Geländewagen steht, nur weil der Fiesta eben auch fährt? Ne, dann fahr ich doch lieber weiterhin Fahrrad.

Marc hat das übrigens auch eingesehen und zieht wieder als glücklicher Single um die Häuser. Mittlerweile tanzt er aber nur noch auf Boxen.

(Text: Laura Gassner)

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Über den Autor

Laura Gassner
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