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Britische Weihnachten

Ein Winter in Manchester – Teil II

01trafficlightVeronika Schubert verbringt drei Wintermonate in Manchester. Dort sammelt sie für back view Geschichten über Sprache, Land und Leute. Mit ihrer freundlichen Gastfamilie hat sie ihr erstes Britisches Weihnachten erlebt.

 

 


Weihnachten ist vorbei. Sechs Wochen lang haben wir hier auf dieses eine verlängerte Wochenende hingefiebert, haben darauf gewartet, dass es endlich Weihnachten wird. Und es kam unübersehbar stetig näher, das merkte man deutlich an den Lichterketten in der Oxford Road, an den Weihnachtsliedern, die bei Sainsbury’s aus den Lautsprechern dudelten, und an den Menschenmassen in der Market Street. 02xmascal

Vorweihnachtliches Einstimmen
Bereits im November haben sie überall in der Innenstadt Weihnachtsmärkte aufgebaut, und ein gigantischer kugeliger und leuchtender Weihnachtsmann (der hier Santa heißt) besetzte das Rathaus und observierte seitdem das Treiben auf dem Albert Square. Das Wetter wurde winterlich, eisig, hagelig, graupelig, während man Bratwurst und „authentic German Gluhwein“ genoss. Und in meinem Bauch breitete sich ein warmes Gefühl von Zuhausesein aus, wenn ich die gemütlichen Holzhütten und Stände mit Kerzen, Wollsachen und billigem Schmuck betrachtete.

Mitte Dezember waren alle auf der Jagd nach Geschenken, und der Menschenstrom im Arndale Centre wurde täglich dichter. In der letzten Woche vor Weihnachten begannen die Leute sogar, ihre britische Geduld und Höflichkeit zu verlieren. Hatte sich die Person, auf deren Fuß man trat, zuvor noch selbst dafür entschuldigt, so hatte sie nun lediglich böse Blicke übrig, wenn sie eine über den Haufen rannte. Weihnachten war das ultimative Ziel geworden, das Versprechen von ein paar fröhlichen Tagen mit Familie und FreundInnen, das Ende von Arbeit und Stress.

02authenticgluhwein2Und dann war es plötzlich Weihnachten. Völlig unvorhersehbar, wie aus heiterem Himmel. So lange und so innig hatten wir es erwartet, dass es ganz unwirklich erschien, als es dann tatsächlich stattfand. Der letzte Arbeitstag war mit einem netten Pint gefeiert worden, das letzte Geschenk war besorgt, der letzte Einkauf erledigt. Weihnachten.

Christmas Eve
Während Weihnachten in Deutschland letztendlich in etwa acht Stunden vorüber ist (Kirche für die, die es mögen, dann Weihnachtsessen, dann Bescherung – das war’s), dauert das Britische Weihnachten drei ganze Tage. Am 24. Dezember beginnt das große Kochen. Dann besucht man Freunde, tauscht Geschenke aus, hat ein nettes Weihnachtsessen zusammen, kommt langsam in Weihnachtsstimmung und hängt einen überdimensionierten Strumpf an die Schlafzimmertür. Um Dankbarkeit gegenüber dem Weihnachtsmann auszudrücken, stellt man ein Tellerchen mit Keksen und ein Gläschen Sherry neben den Kamin, außerdem ein Möhrchen für Rudolph. Soviel zum Weihnachtsabend oder „Christmas Eve“.

Christmas Day
Am 25. Dezember sind die Leckereien verschwunden, und alle Strümpfe quellen über vor Süßkram und netten Kleinigkeiten. Noch im Schlafanzug, eilt man nach unten, um den Bereich unter dem Weihnachtsbaum zu begutachten. Für alle braven Mädchen und Jungen hat Santa Berge von Geschenken unter dem Baum abgelegt. Mit Tee und Toast beginnt nun ein langer entspannter Tag; Geschenke werden ausgepackt und ausprobiert, es wird gegessen, ferngesehen, mehr ausgepackt und ausprobiert, mehr gegessen, mehr ferngesehen.02authenticgluhwein

Wer will, kann dann um drei der Rede der Königin im Fernsehen beiwohnen. Da steht sie: Ihre Königliche Majestät, in ihrem Wohnzimmer, mit einem wohlproportionierten Weihnachtsbaum zur einen Seite und einem kleinen Sofatischchen mit Familienfotos zur anderen, und sie strahlt nur so vor Würde. Ihr Englisch ist sehr ruhig und gewählt, RP genug, um ihre Position zu demonstrieren, ohne dabei übertrieben posh oder herablassend zu wirken. Sie trägt eine Brille, hält aber kein Papier in der Hand. Ausgesprochen höflich und aufrichtig erinnert sie daran, dass Freundschaft zu Weihnachten ein besonders wichtiger Wert ist, dass sie über das Jahr ein paar fremde Länder besucht hat, dass dieses Jahr für viele Menschen schwierig war, dass es für einige von ihnen gerade an Weihnachten besonders hart sein kann, wenn geliebte Menschen nicht mit ihnen feiern können, und dass aber, wenn man auf Jesus vertraut, alles gut wird. Sie sieht weise aus, sanft und tapfer zugleich, und dann richtet sich die Kamera auf die Familienfotos und blendet aus.

Dann wird wieder gekocht, und abends setzen sich alle an den hübsch dekorierten Tisch und essen das Weihnachtsessen mit der Familie ihrer Wahl. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich einen Christmas cracker knallen lassen und ein kleines Gimmick, einen Witz und eine silbrige Papierkrone bekommen, und obwohl wir in Deutschland nie solche Weihnachtsknaller hatten, ist dies der Moment, der sich für mich am meisten nach vertrautem Weihnachten anfühlt.
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Boxing Day
Und dann ist Boxing Day, welcher offenbar so benannt ist, weil reiche Leute ihren Angestellten am 26. Dezember Geschenke in Boxen zu geben pflegten. Heutzutage ist die Haupteigenschaft des Boxing Day, dass dann in den meisten Geschäften der Schlussverkauf beginnt. Noch am 25. Dezember kann man beobachten, wie sich die Werbung im Fernsehen ändert und für den nächsten Tag besondere Angebote ankündigt. Und als hätte man nicht bereits vor Weihnachten genug Zeit mit Shopping in der Innenstadt verbracht, steht man trotzdem am Boxing Day sehr früh morgens auf, um die Market Street aufs Neue zu bevölkern. Was das Soziale angeht, ist der Boxing Day der breiteren Verwandtschaft und FreundInnen gewidmet, und man geht zu privaten Partys oder schmeißt selbst eine, um Großelter, Tanten, Onkels und FreundInnen mit ihren Kindern zu treffen. Es wird ausgiebig geschnackt, gespielt, gefeiert und gegessen.

Nachweihnachtliches Erholen
Wenn dann schließlich, am 27. Dezember, alle vom leckeren Essen fünf Kilo zugenommen haben, vom Schlafmangel erledigt sind und sich nach ein paar einsamen Minuten zum Spazieren oder Lesen sehnen, dann ist Weihnachten vorbei. Endlich!

Veronika schreibt ihre Artikel regelmäßig auch auf Englisch. Die Englische Übersetzung findet ihr hier. Und zum nächsten Teil geht es hier lang.

(Text und Fotos: Veronika Schubert)
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