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Über die seelische Abhängigkeit von Facebook

Senf der Woche: Eine Ode an das Jammernetz

Ich kann nicht mehr ohne – und doch will ich eigentlich gar nicht immer mit: Facebook hat es geschafft, nicht nur ein Teil meines Lebens zu werden, sondern meinen Alltag zu übernehmen. Auf der Suche nach einem Ausweg lande ich erschreckender Weise fast im realen Leben.


Meine Fingerspitzen sind schon ganz zittrig. Mein linkes Auge zuckt, als würde es gleich heraus rausfallen und vor mir auf die Tastatur klatschen. Seit geschlagenen drei Stunden hatte ich nun schon keine Dröhnung mehr. Vollkommene Leere in meinem Kopf – und ich bekomme Panik, weil sich die Welt ganz ohne mich weiter dreht.

Senf der WocheDer Akku meines Smartphones war leer und ich musste während eines ganzen Seminars in der Uni ohne einen erlösenden und beruhigenden Blick auf mein Facebook-Profil auskommen. Ja, genau: Kaum vorstellbar.

Facebook geht an die Börse, Facebook zwingt mich zur Verwendung der „Timeline“ und dann verrät mir eine Studie auch noch, dass Facebook süchtiger machen soll als Zigaretten und Alkohol. Und überhaupt verkauft Facebook meine Daten und damit auch meine Seele! Na und. Lasst mich doch in Ruhe stalken und nervt mich nicht mit solch unwichtigen Panikmeldungen.

Mir doch egal, wie viele neue Milliarden Mark Zuckerberg mit dem Börsengang seines Unternehmens verdient. Mir doch egal, dass Facebook uns nach und nach allen die freiwillige Möglichkeit diktiert, die neue Timeline zu verwenden. Mir doch egal, welche Daten von mir auf irgendwelchen amerikanischen Surfern gespeichert werden.

Die neue Chronik ist doch toll – jetzt kann ich noch mehr Zeit mit Stalken verbringen und es macht noch mehr Freude, in fremden Profilen zu wühlen. Es ist ja jetzt auch alles so viel geordneter und übersichtlicher.

Überhaupt: dieses World Wide Web ist schon ein verrücktes Ding. Irgendwie ganz weit weg und nicht greifbar, aber dann doch so nah und ein fester Bestandteil meines täglichen Lebens. Da klingt es auch gar nicht mehr so abwegig, tatsächlich darüber nachzudenken, was ich mit dem neu entdeckten Planeten alles anstellen könnte. Ein Planet, der 22 Lichtjahre entfernt ist, aber in der letzten Woche dennoch die Astronomen und Wissenschaftler überraschte.

Denn dieser Himmelskörper soll tatsächlich bewohnbar sein. Nur die Anreise wird wohl etwas länger dauern. Trotzdem habe ich in Gedanken schon die ersten Dinge und Personen in Richtung neuer „Super-Planet“ geschickt. Denn in meinem Kopf ist kein Platz mehr für all den erdrückenden virtuellen Müll, der bei mir von morgens bis abends abgeladen wird!

Aber in Wahrheit ist es vollkommen egal, wie weit all die Exkremente entfernt durchs Weltall schweben. Aus dem Weg gehen kann ich ihnen dann ja doch nicht. Bei meinen ständigen Facebook-Suchtattacken werde ich ja sowieso wieder zugemüllt. Ein Link da, ein Foto dort, ein unwitziges Zitat da oben. Und, ach ja, da unten ist ja auch der alte Song, der mich die nächsten Stunden noch als nerviger Ohrwurm verfolgen wird.

Ich kann machen, was ich will. Ich werde all diese Nerv-Quallen wohl nie wieder loswerden. Die einzige – gar unmöglich umsetzbare – Alternative ist, mich einfach bei Facebook abzumelden und mal etwas ganz Neues wagen? Mal raus gehen in die Realität. Das wahre Leben genießen und mich nicht mit dem Berg an digitalem Schmutz abgeben, der meine Hirnströme stündlich aufs Neue verklebt und die früher so freien Gedanken so furchtbar eng einschnürt.

Doch noch bevor ich es im Geiste zu Ende spinnen konnte, klingelt mein Smartphone schon wieder. Hektisch schnappe ich mir mein – immer noch vor mir auf der Tastatur liegendes linkes Auge und schiebe es zurück in meine Augenhöhle. Fehlalarm. Nur eine Einladung zu einer Party. Habe ich sowieso keine Zeit. Und außerdem ist die Location im Keller – das heißt ich habe keinen Empfang. Was soll ich da ohne mein Facebook? Da bleibe ich doch lieber in meiner eigenen virtuellen Welt und lass mich weiter zumüllen.

(Text: Konrad Welzel / Zeichnung: Christina Koormann)
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Über den Autor

Konrad Welzel
Gründer und Chefredakteur von back view

Konrad hat back view am 06. April 2007 gegründet - damals noch in diesem sozialen Netzwerk StudiVZ. Mittlerweile tobt sich Konrad ganz gerne im Bereich Social Media aus und versteht Menschen ohne ein Facebook-Profil nicht - dafür ist er viel zu neugierig!!!

Anzahl der Artikel : 158

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