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Über die Müllsituation in München

Warum weniger manchmal mehr ist

München – die Stadt der Reichen. Hier fließt der Schampus aus dem Wasserhahn und die Bürgersteige blitzen. Marketingtechnisch brüstet sich die Stadt mit dem Slogan „Munich Loves You“ beziehungsweise „München mag dich“. Die Frage ist: wen genau? Menschen, die etwas wegwerfen wollen, sicher nicht.

München mag vieles sein, die sauberste Stadt ist sie per Definition aber nicht. Denn das Blitzblank-Licht unter den Städten ist Singapur. Doch trotzdem ist auffällig, dass München im Gegensatz zu anderen deutschen Großstädten – wie der Werber sagen würde – lupenrein ist. Keine Blätter,  keine Tauben, kein Hundekot.

Es stellt sich die Frage, wie die Stadt diesen Status aufrecht erhält. Verwunderlich ist nämlich, dass es in der bayerischen Landeshauptstadt keine öffentlichen Mülleimer zu geben scheint. Die offizielle Zahl von 2 000 dieser Objekte der Wegwerfbegierde klingt zwar erst einmal gut – aber zum Vergleich: Berlin hat immerhin 21 000 Mülleimer auf den Straßen verteilt.Anders als in anderen Städten werden die Eimer in München auch nicht von der Müllabfuhr geleert sondern von der Straßenreinigung. Diese hat  ganze zehn „Fahrzeuge für Abfallbehälterentleerung“ in ihrem Fuhrpark. Auch, wenn der Münchner den Vergleich mit der Bundeshauptstadt gerne scheut: In Berlin gibt es rund 2 000 Fahrzeuge im Fuhrpark der Stadtreinigungsbetriebe. Diese sind unter anderem für die Leerung der erwähnten öffentlichen Papierkörbe zuständig.

Diese Zahlen zeigen eine große Diskrepanz Münchens zur Bundeshauptstadt. Berlin ist zwar flächenmäßig dreimal so groß und hat etwa doppelt so viele Einwohner wie München – es gibt aber mehr als das Fünffache für die Müllabfuhr aus als München. Trotzdem ist Berlin keineswegs für seine Sauberkeit berühmt. Sind die Berliner einfach  schmutziger als die Südstaatenbewohner? Steckt hinter dem geringen Müllaufwand ein System?

Auffällig ist nämlich auch, dass die Münchner Müllabfuhr ebenfalls nur rund 200 Fahrzeuge in ihrem Fuhrpark hat. Zugrunde liegt vielleicht ein effizienteres Modell: In München gibt es in vielen Hausverwaltungen noch große Restmülltonnen, die jeweils 1 100 Liter fassen. Es lässt sich schlussfolgern, dass die Müllabfuhr die Tonnen dadurch seltener leeren muss und deshalb auch weniger Fahrzeuge braucht als in Berlin, wo die Tonnen kleiner sind.

Hinter dem ganzen Aufwand für München steckt aber auch ein psychologisches System. Wenn eine Stadt sogar Graffiti-Sprayer mit dem Hubschrauber jagt, was tut sie dann mit Müll-Verbrechern? Fest steht, dass die Stadt gegen Müll-Sünder ein Bußgeld von bis zu 500 Euro verhängen darf. Wie oft sie diese Maßnahme ergreift, ist zwar fraglich, genügend Polizei um eventuelle „Täter“ zu ertappen ist in München jedenfalls zur Stelle. Außerdem gibt es seit einigen Jahren keine Mülleimer mehr in alten U-Bahn-Wagons. Die Münchner Verkehrsbetriebe begründeten die Abmontage mit der wachsenden Terrorgefahr und der Anschaffung einer Gleisbettreinigungsmaschine namens „Schlucki“.

Fehlende Mülleimer haben in München scheinbar einen positiven psychologischen Effekt auf die Einwohner. Wo keine Mülleimer sind, alles aber trotzdem sauber wirkt, schmeißt keiner etwas auf die Straße – und wenn doch, wird er saftig verwarnt.
So ärgerlich es für den Einzelnen sein mag, wenn keine Abfalleimer in der Nähe sind, desto gewinnbringender ist es für die Stadt. Die Optik beweist: München ist offenkundig sauberer als Berlin – trotz Mülleimermangel.

(Text: Lea Kramer)
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Über den Autor

Lea Kramer
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