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Über die Macht von Sprache im Jahre 2017

Wovon sprechen wir eigentlich? Was noch zu sagen bleibt

„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“, erkannte einst der Philosoph Ludwig Wittengenstein. Heute scheint die Welt technisch immer grenzenloser zu werden. Ängste und Unsicherheiten der globalisierten Welt hingegen scheinen diese aber nicht selten geistig kleiner werden zu lassen. Die großen, komplexen Herausforderungen machen oft sprachlos. Hier schreib ich nun und kann nicht anders als zu fragen, wovon sprechen wir eigentlich? Was noch zu sagen bleibt. Ein Beitrag zu Luther und die Macht der Sprache heute.

Wie sagt man…..?

Viele glauben, Martin Luther sei derjenige gewesen, der die Bibel ins Deutsche übersetzte. Dies ist jedoch nicht ganz richtig. Bereits zu Luthers Lebzeiten gab es einige Bibelausgaben in deutscher Sprache. Vielmehr liegt die herausragende Leistung des Reformators darin, die Worte allen zugänglich zu machen, sie in einer Sprache zu schreiben, welche auch das einfache Volk verstand. Damals war Deutschland noch ein Flickenteppich aus Königshäusern, Reichsstädten und vielen Dialekten. Erst die Bibelübersetzung legte den Grundstein für eine gemeinsame deutsche Sprache, einer langsam entstehenden deutschen Nation. Heute ist Hochdeutsch die allgemein verbindliche Sprache innerhalb Deutschlands. Auch dieser Text ist im Standarddeutsch verfasst, doch sprechen wir trotz Sprachreform noch dieselbe Sprache? Verstehen wir uns überhaupt noch?

Wer spricht da?  

Wer spricht da?

„Satu nusa, satu bangsa, satu bahasa (Ein Land, ein Volk, eine Sprache)“, ist der Wahlspruch Indonesiens. Daraus wird ersichtlich, eine Nation definiert sich klassischerweise über ein Staatsgebiet, eine gemeinsame Sprache und Kultur. Doch diese Definition steht zur Debatte. Seit einigen Jahren steigt die Zahl derer, die Deutsch lernen, und die derer, die nach Deutschland kommen. Diese Menschen bringen ihre Bräuche und Traditionen mit, beeinflussen unsere Kultur. Zuwanderung wirft  die Frage auf, was überhaupt noch oder was jetzt die deutsche, europäische oder gar westliche Kultur sei. Die Suche nach einer Antwort auf diese Frage wird kontrovers diskutiert.

Einst schaute Martin Luther dem Volk „aufs Maul“, schrieb seine Übersetzung nach dem Volksmund. Er verstand zu übersetzen, dass jeder die Worte der Bibel verstand. Damit machte er einst auch den einfachen Menschen ohne große Bildung die komplexe, damals bestimmende Glaubenswelt des Christentums zugänglich. Auf diese Weise ermöglichte er einen neuen kritischen Umgang mit den Fragen der damaligen Zeit. Heute stehen wir vor neuen Herausforderungen. Migration, Flucht, Integration und die Frage nach der eigenen Kultur, ja der eigenen Identität bestimmen den gesellschaftlichen Diskurs. Sind wir Bayern oder Berliner, Deutsche oder Türken, Staatsbürger oder Weltenbürger?

Die Globalisierung hat uns wieder eine neue Welt eröffnet, die eigenen Regeln und einer eigenen Sprache folgt. In dieser verschwinden alte Erwartungshaltungen, Sicherheiten und die Zukunft erscheint vielen immer ungewisser. Viele fühlen sich verloren, stehen vor der großen Sprachbarriere, die Sprache der Globalisierung zu verstehen und zu erlernen.

Grenzenlos und doch begrenzt?

Computer

Neue extreme politische Kräfte haben dieses Phänomen für sich entdeckt, bieten sich als „Übersetzer“ an. Sie interpretieren die Welt nach ihren radikalen Vorstellungen. Einst schaute Martin Luther dem Volk „aufs Maul“, heute scheinen die neuen Kräfte dem „Volk“ nach dem „Maul“ zu reden. Aktuell wird dies besonders deutlich. Es scheint fast so, als durchziehe ein verbaler Graben die Gesellschaft. An beiden Rändern stehen sich „Gutmenschen“ und „besorgte Bürger“ gegenüber.

Beide Lager plädieren dafür, vermeintlich für die Mehrheit der Menschen in Deutschland zu sprechen. Viele Anhänger glauben diesen Anspruch und positionieren sich entweder links oder rechts am Rand des Grabens, welcher immer breiter zu werden scheint. Während die eine Gruppe die bestehenden Strukturen radikal verändern möchte, leiten andere hieraus die Notwendigkeit ab, die „eigene Kultur“ vor diesen fremden Einflüssen zu schützen. Sinnbildlich hierfür steht die Frage, wie wollen oder müssen wir in Zukunft sprechen?

Während von einem Rand die Rufe nach einer aus Eigenperspektive nicht diskriminierenden Sprache immer lauter werden, sieht man am anderen Rand hierin die Verkörperung des Orwellschen Neusprech. Wenn bestimmte Begriffe nicht mehr verwendet würden, so hätten sie keine Bedeutung mehr, würden sie irgendwann ihre kritische Gedankenkraft einbüßen. Bestes Beispiel ist die Frage nach der Löschung von Hasskommentaren im Internet. Welche Begriffe, Ausdrücke sind „Hasskommentare“, welche müssen gelöscht werden? Was widerspricht meiner persönlichen Vorstellung ist aber vom Grundrecht der Meinungsfreiheit geschützt?

Diese Fragen werden unsere digitale und analoge Gesellschaft in Zukunft begleiten. Beide Lager finden hierauf aber immer extremere Antworten, werfen sich „Rassismus“, „Zensur“, „Lügenpresse“, ein vermeintlich schlicht falsches Verständnis von der Welt vor. Begibt man sich einmal in die Tiefen der Kommentarfunktionen, durchsucht die großen sozialen Medien so ist zu hören, der Ton wird schärfer. Immer größere „Schreckensszenarien“ immer gewaltigere Bildsprachen sollen die andere Seite von der eigenen Meinung überzeugen. Es ist zu fragen, wofür diese Entwicklungen sprechen mögen. Vieles ist ungewiss, die neuen Problemstellungen sind komplex, einfache Antworten, die radikale Kräfte bieten sind da sicherlich verlockend. Natürlich lässt es sich an heißer Luft wunderbar wärmen, doch gemäß den Grundsätzen der Physik, fällt auf diese bald der kalte Luftschauer der Realität.

Macht das noch Sinn?

Diese Realität ist es, in der wir alle leben. Nicht Wort für Wort sondern der Sinn unserer demokratisch, freiheitlichen Ordnung muss immer wieder übersetzt und verstanden werden. Luther prägte viele Ausdrücke, die bis heute fester Bestandteil unsere Umgangssprache sind. Bis heute haben sie nichts an ihrer Bildhaftigkeit und Brisanz eingebüßt. Vielen erscheint die moderne Welt mit ihren modernen Erscheinungen ein Buch mit sieben Siegeln. Sie erwarten Antworten, bleiben diese aus, so wird mit Denkzetteln gedroht. Unsere demokratisch, freiheitliche Ordnung, unsere Art wie wir leben steht vor einer Feuertaufe. Aber, jeder Versuch, einfache, radikale Antworten auf diese Frage zu finden ist auf Sand gebaut. In einer immer komplexeren Welt wird es immer schwieriger nur eine Lösung zu besprechen. Es gibt nicht eine vermeintliche „Wahrheit“ mehr, sondern immer nur verschiedene Wege sich dieser zu nähern. Hierfür bedarf es aber Dolmetscher, welche an den Rändern jenseits und diesseits übersetzen und eine Brücke über diesen Graben bauen. Vielleicht sprechen Menschen verschiedener, auch gegensätzlicher Ansichten, Meinungen dann nicht mehr übereinander sondern auch miteinander darüber, wie wir in Zukunft leben wollen.

Völlig vernetzt und völlig verloren

Sprache 2017Die modernen Kommunikationstechnologien haben eine neue Brücke von Mensch zu Mensch geschaffen, frei nach der Rede Charlie Chaplins an die Menschheit. Einst war es die Erfindung des Buchdrucks, die es Martin Luther und seinen Zeitgenossen ermöglichte, ihre Meinungen, Ansichten schnell zu verbreiten, auch wenn Inquisitoren und Zensoren dies zu verhindern versuchten. Heute ermöglicht es das Internet binnen Sekunden eigene Ideen, Ansichten, Meinungen unzähligen Menschen auf der ganzen Welt mitzuteilen. In Zeiten digitaler Vernetzung scheinen Zensur und Begrenzung der Vergangenheit anzugehören.

Im digitalen Raum mit ihren vielen Möglichkeiten und Schlupflöchern kann sich die Meinungsfreiheit frei entfalten. Aber wozu brauchen wir diese Freiheiten heute noch?

Die digitale Welt ist immer bei uns, ob am Rechner oder unterwegs auf dem Smartphone. Google und Co erklären uns diese Welt. Mit einem Klick, oder einem Touch haben wir binnen Sekunden alle Antworten. Überall sind wir vernetzt, und doch verloren, denn sind wir überhaupt noch erreichbar für einander?

Es zeigt sich, je besser die Verbindung, desto schlechter die Kommunikation. Längst wurde unsere Sprache dem Highspeed angepasst.  Die Welt wird in 140 Zeichen erklärt. Ständig den Blick auf den Bildschirm gewandt, ein neuer Like, ein neuer Tweet.. Forscher der Oxford-University untersuchten das Userverhalten von Smartphonebesitzern. Sie kamen zu dem Schluss, dass Eltern kaum mehr mit ihren Kindern sprechen. Daher warnen sie davor eine neue Generation heranwachsen zu lassen, die weder sprechen noch zuhören kann.

Was soll man da noch sagen.?!

„Sprache ist eine ausschließlich  dem Menschen eigene, nicht im  Instinkt wurzelnde Methode zur  Übermittlung von Gedanken, Gefühlen und Wünschen mittels eines Systems von frei geschaffenen Symbolen.“ wie Edward Sapir (1961:17) formulierte.  Kurzum, die Sprache ist das, was den Menschen zum Menschen macht. Die Globalisierung führt dazu, dass Menschen, deren Sprachen und Kulturen einander näher kommen. Einheitliche Sprachen werden immer wichtiger. Esperanto, von esperanto esperi hoffen, als Kunstsprache, war die Hoffnung, eine neutrale allgemein verständliche Sprache zu schaffen Heute scheint Englisch diese Funktion übernommen zu haben.

Aber, auch wenn wir zunehmend Weltsprachen sprechen, eine Sprache müssen alle Menschen immer wieder lernen, ihre Vokabeln wiederholen und ihre Grammatik studieren. Es ist die Sprache der Menschlichkeit. Mit tausend Worten kann man nichts sagen, oder aber ohne Worte alles sagen. Darum ist wichtig miteinander zu sprechen und zu kommunizieren.

Einst war es Martin Luthers Anliegen, die Kirche zu reformieren. Dabei wollte er gegen das Geschäft mit der Angst einer mächtigen, klerikalen Bildungselite und deren Meinungsmonopol vorgehen. Darum schuf Martin Luther eine biblische Sprache, die allen Menschen verständlich war, sie dazu befähigte mit dem Wissen der damaligen Zeit die vorherrschende Meinung kritisch zu hinterfragen.

Heute bestimmen wieder Angst und Unsicherheit unseren gesellschaftlichen Diskurs. Wissen ist heute allgemein zugänglich und frei, doch die Globalisierung mit ihren großen ungelösten Problemen lässt uns häufig sprachlos zurück. Wie wollen wir in Zukunft leben? Wie wollen wir diese gestalten? Diese Fragen gilt es zu diskutieren. Für alles weitere bleibt zu wünschen:

Wir sprechen uns noch.



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Über den Autor

Stephan Raab

Stephan Raab interessiert sich für Warum und die Welt: Seit 2014 gehe ich für backview.eu scheinbar alltäglichen Dingen auf den Grund, betrachte warum manches so ist wie es ist. Wenn ich nicht gerade an einer neuen Idee für einen Artikel sitze, beschäftige ich mich gerne mit Fotographie oder Fremdsprachen oder widme mich meinen Politikstudium.

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