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Tschernobyl reloaded in Fukushima

Die japanische Katastrophe nach der Katastrophe

Samstag, 12. MĂ€rz, 7:36 Uhr: Tschernobyl reloaded hat einen Namen: Fukushima Dai-ichi. Das Dach des Reaktorblocks ist durch eine Explosion zerstört wurden. back view blickt zurĂŒck auf die Chronologie der Katastrophe und die verwirrende Nachrichtenpolitik der japanischen Regierung.

Freitag, 11. MĂ€rz 2011, 9:04 Uhr
Die vergangenen Wochen hatten uns in den Medien neben PlagiatsaffĂ€ren noch jede Menge arabische Revolutionen gebracht und einen beginnenden BĂŒrgerkrieg in Libyen. Die nĂ€chste Hiobsbotschaft ist eingetroffen: ein Erdbeben der StĂ€rke 9,0 und ein dadurch ausgelöster Tsunami erschĂŒttern die japanische OstkĂŒste.12:33 Uhr
In wenigen Minuten wird die Flutwelle Hawaii treffen. Im Internet kann man das ganze live miterleben. Die Welt hat sich extrem verÀndert. Vor 20 Jahren hÀtte diese Nachricht wohl erst nach einigen Stunden die andere ErdhÀlfte erreicht. Der Wikipedia-Artikel zum Sendai-Erdbeben ist zu dem Zeitpunkt knapp vier Stunden alt.

12:35 Uhr
Neben einigen BrĂ€nden ist im Atomkraftwerk (AKW) Fukushima der KĂŒhlwasserkreislauf ausgefallen. Nach einer kurzen Schreckenssekunde die Erleichterung: Japaner gelten als perfektionistisch und technisch versiert. Sie brauchen ja nur wieder diesen Kreislauf zu starten und schon ist die Welt gerettet. Doch kein Tschernobyl reloaded – Japan hat die Naturgewalten im Griff.

16:41 Uhr
Libyen ist weg vom Fenster: Fukushima bestimmt das Bild aller Live-Ticker. Erste Teile der Bevölkerung werden evakuiert. Ein Kabel fĂŒr Notstromgeneratoren fehlt, deswegen kann der KĂŒhlkreislauf fĂŒr die Reaktoren nicht wieder anlaufen. Am Ende wird doch nicht der GAU wegen einem fehlenden Kabel kommen!? Langsam kocht mit den BrennstĂ€ben auch die weltweite Unruhe wieder hoch. Die Japaner werden doch nicht etwa… Nein, die bekommen das hin!

17:14 Uhr
Japanische Atomenergiekonzerne arbeiten wohl doch nicht so anders wie russische Kernkraftbetreiber: Die Firma TEPCO betreibt das AKW Fukushima und hat wohl schon seit 1986 PrĂŒfberichte gefĂ€lscht, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Zufall oder Absicht, dass ausgerechnet seit Tschernobyl diese Berichte gefĂ€lscht waren?

19:56 Uhr
In den Nachrichten ĂŒberschlagen sich die Meldungen ĂŒber Fukushima. Quasi jeder, der etwas sagen möchte – ob kompetent oder nicht – Ă€ußert seine Besorgnis im Fernsehen ĂŒber eine mögliche Katastrophe. Die Japaner geben sich demonstrativ gelassen: Der Energieminister meldet, dass es zwar einige ernste Probleme gibt, aber doch bitte alle ruhig bleiben sollen. Was die Öffentlichkeit zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Innerhalb weniger Stunden ist in der Umgebung des Kernkraftwerkes bereits so viel Strahlung ausgetreten, wie ein Mensch ĂŒber das ganze Jahr verteilt höchstens aufnehmen sollte. Wie lange wird die japanische Gelassenheit noch andauern?

21:44 Uhr
UnfĂ€lle in japanischen Atomanlagen gehören wohl eher zur Tradition als zur Ausnahme: 1995 kam es im AKW Monju zu einem schweren KĂŒhlmittelleck. Der Vorfall wurde damals systematisch vertuscht. Trotz öffentlicher Proteste ging der Reaktor letztes Jahr wieder ans Netz. 1999 gab es  einen ernsten Unfall in Tƍkai-mura. In der Umgebung der Uranfabrik wurden 400 Menschen extremer Strahlung ausgesetzt. Ein Arbeiter der Fabrik starb. Die IAEO bewerte den Unfall mit der Stufe 4-5. Tschernobyl hatte Stufe 7 bekommen. Mit welcher Stufe wird Fukushima wohl in die GeschichtsbĂŒcher eingehen?

23:22
Bittere Ironie des Tages: Angeblich sollte Reaktorblock I des AKW Fukushima im Laufe diesen Monats stillgelegt werden.

23:56 Uhr
In Japan versucht man, das Allerschlimmste zu verhindern. Die Anlage wird mit Meerwasser geflutet werden. Die gute Nachricht zum Schluss: Es geht hier nicht nur um einen problematischen Reaktor sondern gleich um drei. Tschernobyl hoch drei. Gute Nacht Japan.

Samstag, 12. MĂ€rz, 7:36 Uhr
WĂ€hrend man in Deutschland Kaffee kocht, fliegt der Reaktor I des AKW Fukushima in die Luft. Wer kann einen atomaren GAU eigentlich im Ernstfall noch aufhalten? Nach Tschernobyl wurde der deutschen Bevölkerung gebetsmĂŒhlenartig erlĂ€utert, dass mit westlichen Standards und westlicher Atomtechnik ein solcher Unfall nie passiert wĂ€re. In Fukushima gab es westliche Kontrollstandards und einen Reaktor von General Electric – und es ist doch passiert: Tschernobyl reloaded.

(Text: Gerald Vogt)
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