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Transnationale Djihadisten vs. Nationale Islamisten

Der Begriff „Terrorismus“

Gegen wen richtet sich der „war on terror“? KĂ€mpft „der Westen“ gegen „den Islam“ mit seiner mĂ€chtigen Guerilla-Armee zentral gefĂŒhrter  al Qaida-KĂ€mpfer? Ein flĂŒchtiger Blick hinter die Kulissen zeigt die widersprĂŒchliche Vielzahl nationaler und religiöser Interessen in der islamischen Welt.

Von Nordafrika ĂŒber den Nahen Osten bis hin zum Hindukusch weht dieser trockene Hauch von Resignation, Perspektivlosigkeit und IdentitĂ€tszerfall. Das ergibt sich aus dem seltsamen Gegensatz von autoritĂ€ren Regimes, der Allgegenwart des Religiösen und der kulturellen Entwurzelung. Tourismus, industrielle Arbeitsweise und moderne Bauweise dringen immer mehr ins Gebiet ein. Die Menschen spĂŒren den Verlust ihrer IdentitĂ€t und der „Seele“ ihres Landes, beschreibt der Journalist Beat Staufer im Internet-Portal qantara.de die Lage am Maghreb.

Islamisches BedrohungsgefĂŒhl und der „war on terror
Seine Beschreibung verdeutlicht eine wichtige Facette des „war on terror“: Weite Teile der islamischen Welt fĂŒhlen sich von der Globalisierung bedroht. Der Ă€gyptische Philosophieprofessor Hassan Hanafi nannte dies eine „Form westlicher Hegemonie“. Innerhalb von zwei Jahrhunderten habe Europa sich die ganze Welt untertan gemacht, „der Westen“ setze dies nun durch das MilitĂ€r, die Ökonomie und den Markt fort.
Damit hĂ€tte nur noch eine Idee und ein Gesetz Geltung, und wer sich dem widersetze, wie zum Beispiel Afghanistan, Irak oder Libanon das getan hĂ€tten, mĂŒsse mit den Konsequenzen rechnen. Der westliche Glaube an die Menschenrechte beruhe auf einer rein individualistischen Philosophie, verachte aber gleichzeitig die „Rechte der Völker“.

Die „reine Lehre“ islamistischer Staatsdenker
Dabei darf freilich nicht vergessen werden, dass die blutigen AnschlĂ€ge seit dem September 2001 ebenfalls Ängste in der „westlichen Welt“ ausgelöst haben. Das Weltbild der radikalen Islamisten von al Qaida orientiert sich stark am islamischen Staatsdenker Sayyid Qutb. Dieser war vom technischen Fortschritt des Westens fasziniert, der „american way of life“ aber schockierte ihn. Den einzig legitimen Schutz vor dieser Bedrohung sah er im Islam, den er auch als politisches System interpretierte.

Die „reine Lehre“ sollte die unbedingte Herrschaft Allahs ĂŒber den Menschen verwirklichen. Das bedeutete Chancengleichheit fĂŒr alle muslimischen MĂ€nner und eine ökonomische Grundversorgung fĂŒr BedĂŒrftige. Allerdings auch die Durchsetzung der Scharia mitsamt den vorgeschriebenen Körperstrafen und das Modell der islamischen Ehe mit der Vorherrschaft des Mannes bis hin zu umfangreicher Zensur.
Die international agierende al Qaida versteht ihren „Djihad“ daher als legitime Verteidigung des Islams und dessen Ausbreitung in der ganzen Welt. Holzschnittartig formuliert: Dieser „Kampf“ gleicht der Verbreitung westlicher Menschenrechte – nur mit einer anderen Ideologie und umgekehrten Vorzeichen.

Transnationale Djihadisten und nationale Islamisten
Mit diesem GefĂŒhl der religiös-moralischen Überlegenheit werden selbst Moslems fĂŒr unglĂ€ubig erklĂ€rt, wenn sie nicht dieser „reinen Lehre“ folgen. Damit tritt al Qaida durchaus in Konkurrenz zu einem mystischen Volksislam oder den „weltlichen“ Regierungen. Studien der Forschungsgruppe „Naher Osten und Afrika“ der „Stiftung Wissenschaft und Politik“ haben ergeben, dass der „wahre Kulturkampf“ im islamischen Raum zwischen einer deutlichen Mehrheit nationaler Islamisten und einer Minderheit von transnationalen Djihadisten tobt.
Zwar gibt es im Maghreb, im Nahen Osten, am Hindukusch und so weiter lose organisierte al Qaida-Zellen mit KĂ€mpfern in und aus aller Herren LĂ€nder. Ihnen stehen aber islamische oder weltliche Gruppen gegenĂŒber, die sich lediglich fĂŒr nationale Interessen einsetzen – zum Beispiel fĂŒr einen eigenen Staat mit islamischer IdentitĂ€t. Taktische BĂŒndnisse sind freilich nicht ausgeschlossen.

Der große Unterschied
Es wĂ€re also unglaubwĂŒrdig, die so genannte „reine Lehre“ eines expansionistischen al Qaida-Islam auf alle Moslems zu ĂŒbertragen – wie die deutsche Islamkritik das gerne tut. Die Motivation der Nationalen sowie der Transnationalen ist womöglich dieselbe, nĂ€mlich die Angst vor der Globalisierung als „Form westlicher Hegemonie“.
Art und Ausbreitung des Widerstandes unterscheiden sich jedoch. Zafer Mokadem, langjĂ€hriges FĂŒhrungsmitglied einer arabisch-sozialistischen Bewegung fĂŒr ein unabhĂ€ngiges PalĂ€stina, sagte dem Journalisten Nico Colmer, dass die Djihadisten seinem nationalen Anliegen schadeten: „Sie bringen unsere Ziele in Misskredit, sie werden einfach von den Medien bei uns eingemeindet.“

Nun sind Mokadem und andere nationale Widerstandsgruppen der islamischen Welt mitnichten UnschuldslĂ€mmer. Es darf auch bestritten werden, dass die jeweiligen Ideologien mit westlichen Demokratievorstellungen kompatibel wĂ€ren. Trotzdem wĂŒrde Mokadem heutzutage keine AnschlĂ€ge in Europa oder den Vereinigten Staaten verĂŒben.
Das ist kein kleiner und kein feiner Unterschied. FĂŒr LinienflĂŒge, HochhĂ€user, den öffentlichen Personennahverkehr, Atomkraftwerke, Public Viewing oder das Oktoberfest ist das der Unterschied zwischen „ganz nah“ und „ziemlich weit weg“. Letzteres ist mir lieber. Denn wenn „o’zapft is“, dann will ich meine Ruhe haben.

(Text: Martin Böcker)
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