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Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein!

Gastbeitrag ĂŒber den unschuldig zum Tode verurteilten Lancelot Armstrong

Im FrĂŒhjahr 2012 grĂŒndete Peter Koch mit einem Mitstreiter die Initiative „Hilfe fĂŒr Lancelot“. Sie kĂ€mpfen bis heute fĂŒr die Freilassung des zum Tode Verurteilten Lancelot Armstrong. Und sie setzen sich fĂŒr die Abschaffung der Todesstrafe ein. In einem Gastbeitrag erzĂ€hlt uns Peter Koch von seinen Erfahrungen der letzten Jahre.

Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein!

Dieser Satz aus der Bibel trifft wie ein eben solcher Stein ins Schwarze. Ja, wer ist ohne Schuld… Wer hat nicht einen schweren Fehler in seinem Leben begangen? Ist nicht schon mal „ausgerastet“ oder hat seinem GegenĂŒber schlimmes gewĂŒnscht? Es ist diese zentrale Frage, die „uns“ von „denen“ im Todestrakt eben nicht trennt.

Ein jeder von uns hat in seinem Leben Schuld auf sich geladen. Nicht alles war wieder gut zu machen. Und doch manches konnten wir reparieren oder wenigstens den Schaden schmĂ€lern. Und ja, viele von uns haben schon gedacht: „Diesen Verbrecher sollte man töten!“. Die wenigsten von uns kennen dabei die genauen HintergrĂŒnde. Was fĂŒr ein Mann oder eine Frau war das? Wie sah seine Kindheit aus? Wie kam es zu der Tat? Und vor allem, wie denkt der TĂ€ter in 20 Jahren darĂŒber und welche SchlĂŒsse und Konsequenzen wird er fĂŒr sich daraus ziehen…

Todesstrafe Lancelot

 

Die Todesstrafe scheint ein Reflex aus grauer Vorzeit zu sein

Über ihre Geschichte haben wir uns meist keine Gedanken gemacht. Damals wurden Menschen geopfert um die Götter gnĂ€dig zu stimmen. Um mit dem Opfer uns von unserer eigenen Schuld zu befreien. Indem wir „den da“ töten, grenzen wir uns von ihm ab. Machen ihn zum Unmenschen, der nicht mehr zu uns, zu denen die ohne Schuld sind, gehört. Wir betrachten sein Verbrechen isoliert von uns. Es ist etwas „womit wir nichts zu tun haben“. Und indem wir uns dem TĂ€ter entledigen, entledigen wir uns unserem eigenen Anteil, an seiner Tat.

Denn, was haben wir denn „damit“ tun! – „Wir sind keine Monster! Wir sind Menschen! – Er ist das „Monster!“ – Und wir ĂŒbersehen dabei, dass wir selbst zu Mördern werden, wenn wir ihn töten. Das gelingt uns nur, weil wir dem TĂ€ter alles Menschliche absprechen. Ihn zur Bestie erklĂ€ren und ihn somit aus der menschlichen Gemeinschaft ausstoßen…

Der TĂ€ter ist in unserer Gesellschaft aufgewachsen

Er wurde von unserer Gesellschaft geformt. War eingebunden in „unsere“ Vorstellung davon, was richtig und falsch ist, was gut und schlecht ist. Wir erzogen ihn mit unserer Moral und unseren Werten. Dabei scheinen diese Werte und Moral fĂŒr uns so selbstverstĂ€ndlich, als wĂ€ren sie schon immer da gewesen… Wir hinterfragen sie kaum…

Was wĂŒrde wohl ein Ureinwohner Papuas zu unseren Lebensvorstellungen sagen. Vieles aus unserem Leben erscheint anderen Kulturen nicht nur absurd, sondern oft sogar als Verbrechen… Und so lösen sich vielleicht unsere heiligen Werte in Luft auf, wenn wir es zulassen wĂŒrden sie zu hinterfragen.

Irgendwo wissen wir alle, dass unser Leben falsch ist

Dass es das Gegenteil von dem ist, was die Natur fĂŒr uns vorgesehen hat, mal vorausgesetzt sie könnte denken. Wir vernichten unseren Planeten. Blasen mit unseren Autos Abgase in die Luft und tun eben solches mit unseren Fabriken. Wir fliegen in Massen um die Welt und nennen das Urlaub, dabei wissen wir genau, dass wir mit diesem Verhalten unseren Kindern eine kranke Welt hinterlassen.

Wir produzieren Unmassen von ĂŒberflĂŒssigen Konsumartikeln und lassen es zu, dass unsere Kinder durch die allgegenwĂ€rtige Werbung verfĂŒhrt, ja vergewaltigt werden, all diesen MĂŒll zu kaufen… Ein jeder kann sich hier seine eigenen Gedanken machen und sie hinzufĂŒgen, zu viel fĂ€llt dem Autor dazu ein, als das es hier Platz finden könnte.

Ja! – Wir sind schuldig!

Und irgendwo in unserem Hinterkopf wissen wir es auch. Und darum muss „der da“ sterben. Wir fesseln ihn ans Kreuz und lassen ihn elend verrecken… In der unbewussten Hoffnung damit frei von unserer eigenen Schuld zu werden.

Mörder sind meist ganz normale Menschen

Mir stellte sich die Frage der Todesstrafe gegen Ende der 1970er Jahren, als ich beruflich Kontakt mit zwei Mördern hatte. Ganz anders, als ich es mir damals vorstellte, erlebte ich sie als Menschen. Ja als ganz normale Menschen. Es waren keine Bestien. Es waren Menschen die durch gewisse UmstÀnde in eine Situation hineingeraten waren, in der sie einen schwerwiegenden Fehler begingen. Und sie litten furchtbar unter ihrer Tat.

In der Bundesrepublik ist die Todesstrafe abgeschafft und so erhielten sie LebenslĂ€nglich, was hier die Höchststrafe fĂŒr Mord darstellt. Nach 15 Jahren Haft, kann dann ein erstes Gnadengesuch gestellt werden. Und so hatten beide die Chance einen Neuanfang zu machen und in ihrem weiteren Leben noch viel Gutes zu tun, was beiden ein starkes BedĂŒrfnis war, auch weil ihre Schuld auf ihrer Seele drĂŒckte.

Jahre SpÀter wurde ich mit einem schlimmen Schicksal konfrontiert

Im Fernsehen lief Anfang der 1990er Jahre eine Dokumentation ĂŒber einen Todestraktinsassen. Edward Earl Johnson war ein Mann, der sehr viel bewegt hat, indem er seine letzten 14 Tage mit einem TV-Team teilte. Das Fernsehteam begleitete ihn bis kurz vor seine Hinrichtung in der Gaskammer am 20. Mai 1987… (Filmtitel: Fourteen Days in May / 14 Tage im Mai) Ich sah diese Dokumentation im Fernsehen und war tief betroffen von Edward Earl Johnson, wie er bereit war seine Hoffnung, sein Leid, seine Ängste mit uns zu teilen, um damit ein Zeichen zu setzen gegen diese unmenschliche Todesmaschinerie.

Am Ende des Berichts, als sich das TV-Team von ihm verabschiedete, kurz bevor sie ihn umbrachten, brach ich in TrĂ€nen aus und konnte kaum aufhören zu weinen… Irgend ein Impuls lies mich in diesem Zustand in mein Tonstudio gehen, zu einer Gitarre greifen und so schrieb ich das Lied „Freund“, das auf meiner SolidaritĂ€ts-CD fĂŒr Lancelot Armstrong zu hören ist. Der Text dieses Liedes handelt von einer Freundschaft und dem GefĂŒhl alles tun zu wollen um einen Freund zu retten, ihn wiederzusehen.

Dieses Lied begleitet mich nun seit Jahrzehnten. Das MusikstĂŒck ist durch Edward Earl Johnson entstanden und fĂŒhrte mich letztendlich zu meinem heutigen Brieffreund Lancelot Armstrong, fĂŒr den ich mit meinem Mitstreiter Kai Friedrich kĂ€mpfe… Durch Edward hat mich das Thema Todesstrafe nicht mehr los gelassen und neben vielen Briefen, in denen ich um Gnade bat fĂŒr Todeskandidaten, reifte in mir der Wunsch mehr tun zu wollen.

Lancelot Armstrong seit 1991 im Todestrakt von Florida

Todesstrafe fĂŒr Lancelot Armstrong

Lancelot Armstrong

Auf der Suche nach einem Brieffreund, der im Todestrakt ist, lernte ich Lancelot Armstrong durch eine Organisation kennen, die sich gegen die Todesstrafe einsetzte. Diesen Verein gibt es nicht mehr, aber meine Freundschaft zu Lancelot ist geblieben.

Lancelot Armstrong wurde 1963 in Jamaika geboren und ist in den 1980’er Jahren in die USA ĂŒbergesiedelt. 1990 soll er einen Polizisten erschossen und einen weiteren schwer verletzt haben. FĂŒr diesen Mord wurde er 1991 zum Tode verurteilt. Er selbst bestreitet die Tat! Die Hauptzeugin, Kay Allen, wurde durch die Untersuchungsbeamten unter Druck gesetzt und belastete ihn, zog jedoch spĂ€ter ihre Aussage wieder zurĂŒck und entlastete so Lancelot Armstrong! – Laut ihrer Aussage vor Gericht soll Wayne Coleman der TĂ€ter sein.

Und tatsĂ€chlich sagte die Freundin Colemans in einem Interview mit der Zeitung SunSentinel, am 30. April 1990, dass ihr Freund Wayne Coleman ihr gestanden hat: Er mĂŒsse abhauen, denn er habe eine großen Fehler gemacht. Er habe zwei Polizisten erschossen.

Es wĂŒrde hier zu weit fĂŒhren, die ganzen Details zu erklĂ€ren, ich gehe jedoch davon aus, dass Lancelot Armstrong unschuldig hingerichtet werden soll. Und dies ist nichts ungewöhnliches, denn immer wieder werden FĂ€lle bekannt, in denen Menschen unschuldig im Todestrakt in den USA waren.

Hier einige Beispiele dafĂŒr:

Lancelot Armstrong hatte kein faires Verfahren

Auch im Fall von Lancelot wird deutlich, was in vielen Teilen der USA, so auch in Florida wo Lancelot Armstrong verurteilt wurde, Rechtsprechung bedeutet. Denn selbst wenn Lancelot Armstrong die ihm vorgeworfenen Tat begangen hĂ€tte, so hat er kein faires Verfahren bekommen. Sieht man allein die Gutachten, die teils vom Gericht nicht mal zur Kenntnis genommen wurden, wĂ€re eins auf jeden Fall klar. Er hĂ€tte niemals zur Höchststrafe verurteilt werden dĂŒrfen.

Lesen Sie hier weiter in Teil 2 des Gastbeitrags ĂŒber die Kindheit von Lancelot und die Initiative „Hilfe fĂŒr Lancelot“.

(Text und Foto: Peter Koch)
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