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Vom fast abhanden gekommenen Sieger-Gen

THW Kiel nutzt letzte Chance auf einen Titelgewinn

Krise. Allgegenwärtig ist das Wort bei Handball-Rekordmeister THW Kiel in dieser Saison. In der Liga weit abgeschlagen hinter dem HSV, in der Champions League das Aus im Viertelfinale – das sind nicht die Ansprüche des aktuellen deutschen Meisters und Champions-League-Siegers. Mit dem gestrigen Sieg im DHB-Pokalfinale retten sie zumindest die Ehre, wenn auch nicht die bislang verkorkste Saison.

 

„Das ist Freude pur. Das ist nach dieser schwierigen Saison Balsam auf der Seele”, sagte der aktuelle Welthandballer in Diensten des THW, Filip Jicha nach Abpfiff. Nach dem souveränen 30:24-Erfolg über die SG Flensburg-Handewitt sicherten sich die Kieler den ersten und einzigen Titel in diesem Jahr. Sie sind Pokalsieger und damit Nachfolger vom kommenden deutschen Meister HSV Hamburg.

Final Four erstmals ohne HSV
In gewohnter Stärke präsentierten sich die Zebras gestern in der Hamburg o2-World beim Final Four, das in diesem Jahr erstmals ohne die Heimmannschaft HSV ausgetragen wurde. Das tat der Stimmung erstaunlicherweise keinen Abbruch, die Fans der im Halbfinale ausgeschiedenen Teams Frisch Auf Göppingen (gegen Kiel) und Rhein-Neckar Löwen (gegen Flensburg) unterstützten das Team aus Flensburg lautstark.

Zwar startete die SG stark und konzentriert, ließ sich nach wenigen Fehlern aber entmutigen. Der THW wartete, spielte souverän, kaltschnäuzig und geduldig – also ganz anders als im bisherigen Saisonverlauf. Schon nach zehn Minuten war klar, dass die SG hier keine Chance gegen den Erzrivalen hatte und sich zum vierten Mal mit dem Vizetitel begnügen muss.

Eine kleine Ehrenrettung
Für Kiel ist der – sicherlich unwichtigste der drei Titel – nur eine kleine Ehrenrettung. Vor dem Titelgewinn war überall von der Krisensaison zu lesen. Diese Stimmen dürften zumindest etwas leiser werden.

In den vergangenen drei Jahren führte der THW die Liga dominant an, wurde mit sechs, drei und sieben Verlustpunkten Deutscher Meister. In diesem Jahr sind es bereits 13 – und für den THW stehen noch drei Spiele aus. Damit steht Kiel nur dank eines Spiels mehr und des deutlich besseren Torverhältnis auf Rang Zwei in der Liga, denn auch die Rhein-Neckar Löwen und die Füchse Berlin haben 13 Verlustpunkte. Gewinnt keiner der beiden verbliebenen deutschen Teams (Rhein-Neckar Löwen und HSV Hamburg) die Champions-League, ist sogar der Einsatz dort in der kommenden Spielzeit gefährdet. Dann wären nur drei deutsche Mannschaften in der Königsklasse spielberechtigt.

Viertelfinal-Aus gegen Barcelona
In der Champions League war für den Titelverteidiger nämlich bereits im Viertelfinale gegen Barcelona Schluss. Damit steht der THW erstmals seit der Spielzeit 2005/2006 nicht im Halbfinale der Königsklasse. „Ein Krisenjahr ist es nicht, aber es ist schwierig”, sagte Jicha nach dem Einzug ins Pokalfinale am Samstag. „Wir dachten immer, wir müssen siegen, und das war stressig. Wir wollen gewinnen und versuchen es immer, aber das geht im Sport eben nicht.”

Er sprach damit auch die Ergebnisse in der Vergangenheit an. In den vergangenen Spielzeiten siegte der THW immer mal wieder nur mit ein oder zwei Toren Vorsprung. „Es war knapp, und dann fehlt eben auch mal das Glück”, sagte Jicha nüchtern. Außerdem seien die Ausfälle von Stars wie Daniel Narcisse und Kim Andersson, die beide monatelang fehlten, nicht zu kompensieren. „Wir haben zu viele Spieler, die die komplette Saison mit Dreifachbelastung in den Vereinen und der Weltmeisterschaft in Schweden durchspielen mussten. Sie sind am Ende ihrer Kräfte”, sagte Trainer Alfred Gislason schulterzuckend.

„Sieger-Gen nicht verloren”
Dennoch, betonte er, sei die Stimmung im Team gut. Das bestätigt auch Jicha: „Wir waren in der letzten Woche zusammen Essen und haben viel in der Mannschaft unternommen – ohne über Handball zu reden. Das tat gut”, sagte er. „Es macht nach wie vor Spaß und jeder von uns will in Kiel spielen.”

Der Nationalspieler Dominik Klein zeigte sich nach dem Erfolg im DHB-Pokal deutlich erleichtert. Die Saison sei nicht einfach gewesen, sagte er, „aber wir haben das Sieger-Gen nicht verloren.” Von einem Befreiungsschlag wollte er nicht sprechen und auch darüber, ob der Sieg nun die Ehrenrettung ist, sagte er nichts.

(Text: Miriam Keilbach)

 

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Über den Autor

Miriam Keilbach
Redakteurin

Miriam war 2007 im Gründungsteam von backview.eu. Sie volontierte beim Weser-Kurier in Bremen und arbeitet seit 2012 als Redakteurin bei der Frankfurter Rundschau. Ihre Themen: Menschen, Gesellschaft, Soziales, Skandinavien und Sport.

Anzahl der Artikel : 59

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