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Steigende Preise für Lebensmittel in Indien

back view spricht mit Menschen vor Ort

In den vergangenen Tagen machten Meldungen zu vermehrten Hungersnöten in Indien Schlagzeilen. Der Grund sind deutlich gestiegene Lebensmittelpreise. back view Mitarbeiter Sebastian Heilmann hat mit Indern über ihre Situation gesprochen.

tabelleAls ich selbst bemerkt habe, wie sich vor allem die Gemüsepreise hier in Indien enorm nach oben entwickeln, habe ich mich gewundert, warum die Menschen hier nicht schon längst auf den Straßen sind.
In den zwei Monaten, in denen ich nun hier lebe, haben sich die Preise für die meisten Gemüsesorten wie Tomaten, Bohnen und Knoblauch verdoppelt. Für Zwiebeln muss man in Indien im Moment bis zu sechs Mal mehr zahlen als noch im November 2010.
Extreme Preissteigerungen in einem Land in dem laut Weltbank 44 Prozent der Bevölkerung weniger als einen Dollar am Tag zur Verfügung hat. Jeder vierte Inder ist zu arm um sich ausreichende Ernährung leisten zu können.Vor ein paar Tagen hätte man meinen können, es wäre so weit – beim Aufwachen war irgendetwas anders.

Kein Lärm auf den Straßen, kein Hupen. Als ich Vivek, den Besitzer meiner kleinen Lodge, fragen will, was in der Stadt passiert ist, sehe ich auf seinem Fernseher Bilder von brennenden Reifen und zerstörte Bussen. „Jetzt ist es auch in Indien so weit“, dachte ich mir. Kurz darauf muss ich leider Abschied von meinen revolutionären Gedanken nehmen. Vivek klärt mich auf, es geht um korrupte Politiker in der Regierung, mal wieder.
Und deswegen wird im ganzen Bundesstaat gestreikt und mancherorts bereits randaliert. Sind die Inder also gerade mit anderen Dingen beschäftigt als über die Gemüsepreise nachzudenken? Derartige Preissteigerungen müssen doch Folgen haben, und: Warum sind die Preise eigentlich so hoch? Ein Streik ist eigentlich eine gute Gelegenheit ein paar Menschen hier zu befragen. Keiner arbeitet, alle haben den ganzen Tag frei.

vivekBeginnen wir mit Vivek: Er erzählt mir, dass sich in den letzten zwei Monaten der Kilopreis für Zwiebeln fast versechsfacht hat, Bohnen nun mehr als doppelt so viel kosten und sogar Äpfel teurer wurden. Er meint die Ursache dafür sei hauptsächlich der übermäßige Regen 2010 in Indien, der die Ernte  vieler Bauern zerstört habe. Aber er verdächtigt auch Mittelmänner, die beim Handel mit Lebensmitteln mehr Geld verdienen wollen.

Vivek glaubt nicht, dass sich die Preise in absehbarer Zeit entspannen werden und auch auf ein Einschreiten der Regierung vertraut er nicht. Seit einem Monat kauft er nun weniger Gemüse, vor allem weniger Zwiebeln. Seine Mahlzeiten fallen kleiner aus und er weicht mehr auf nicht-vegetarisches Essen wie Fisch aus. Der Kilopreis für Fisch ist teilweise niedriger als der für manches Gemüse. „Das ist billiger und schmeckt den Leuten gut“, sagt er. Hinzu kommt, dass viele Hindus traditionell Vegetarier sind.

mohammadAußen auf der Straße treffe ich auf Mohammad, einen Rikshawfahrer. Er nickt auf die Frage, ob er gemerkt habe, dass Gemüse nun teurer sei. Als ich ihn frage welche Konsequenzen das für ihn hat, ob er seitdem weniger isst, zeigt er auf seinen Bauch und meint, er hätte gerade gut zu Mittag gegessen. Nach ein paar Fragen wird mir klar, dass er mich nicht versteht, aber es scheint ihm gut zu gehen.

Ich will noch jemanden fragen, der sich mit der Situation auskennen muss Am Nachmittag treffe ich Dhondup, einen Bauern und Leiter eines Bildungszentrums für nachhaltige Landwirtschaft. Er spürt die Mehrausgaben für die Mahlzeiten auf seinem Hof deutlich, da er kein Gemüse anbaut. Er erzählt, dass die Preise so hoch sind, weil vor allem in den Regionen, in denen Gemüse angebaut wird, 2010 ungewöhnlich viel Regen gefallen ist. Das Gemüse auf den Feldern begannen zu verrotten an, noch bevor die Bauern es ernten konnten.

dhondupWas zur aktuellen Preisentwicklung beiträgt, ist, laut der indischen Zeitung „The Hindu“  (Anmerkung der Redaktion: lokale Tageszeitung) das stetige Steigen der Treibstoffpreise.  In den letzten sechs Monaten hat die indische Regierung die Preise sechs Mal erhöht. Das hat zu Protesten, bis hin zu einem landesweiten Streik geführt.

Der Hauptgrund ist allerdings, wie es Dhondup und Vivek bereits erwähnt hatten, der ungewöhnlich heftige und langanhaltende Monsun 2010. Sieht man sich zum Beispiel die Niederschlagszahlen des Bundesstaates Tamil Nadu für 2010 an, wird sehr deutlich wie stark sich das Klima geändert hat. Nur fünf der 32 Regionen dort haben „normale“ Niederschlagszahlen erfahren.
Im Rest des Landes fiel bis zu 127 Prozent mehr  Regen (in ml) als durchschnittlich zuvor. Das viele Wasser hat dazu geführt, dass nur halb so viel geerntet werden konnte als im vorherigen Jahr. Dies führt nun zu einem Versorgungsengpass und zu stark erhöhten Gemüsepreisen.

Die Regierung gibt laut „The Hindu“ zu, die Lage nicht voll im Griff zu haben und versucht, ihr durch Importe aus Nachbarländern und gezielte Subventionen entgegenzuwirken. Fragt sich nur, wie die Ernte 2011 ausfallen wird, sollte sich das Klima tatsächlich verändert haben. Die globalen Wetterdaten verheißen nichts Gutes: 2010 war das regenreichste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1880. Dazu kommt, dass wir neun der zehn heißesten Jahre seit Anfang 2001 erlebt haben.

(Text und Fotos: Sebastian Heilmann / Tabelle: back view)


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