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Stadt- und Landflucht

Eine Entscheidung, die jeder im Leben treffen muss

Stadt- und Landflucht

Es gibt immer weniger bezahlbare Wohnungen, vor allem in Universitätsstädten. Davon sind aber nicht nur Studenten und Singles betroffen, auch Rentner können sich immer seltener für ihre 40 Arbeitsjahre ein Dach über dem Kopf leisten. Eine Lösung könnte da sein könnte: Aufs Land ziehen?

Landflucht – Die große Freiheit
Wer vom Land kommt, der kennt das. Kaum ist die Schule vorbei, soll endlich das „echte“ Leben beginnen. Ob Uni oder Ausbildung ist da nebensächlich – Hauptsache raus aus dem verschlafenen Kaff, wo der letzte Bus um 20 Uhr fährt. Oder man sich einen älteren Freund angeln muss, um mit dem Auto von A nach B zu kommen! Man will ordentlich feiern, kurze Wege haben und auch nachts noch eine gute Anbindung mit dem öffentlichen Nahverkehr haben.

Alle Freunde sind in der direkten Nachbarschaft aufzufinden, weil alle genau dasselbe wollen und somit scheint der perfekte Mikrokosmos gefunden zu sein, aus dem man nie wieder heraus will! Man hat die große Auswahl, wo man einkauft und zwar nicht nur bei Lebensmitteln. Gerade was der Frauen liebstes Hobby ist – Shoppen! – kann in der Stadt in einer Exzessivität zelebriert werden, die an Konsumperversion grenzt. Man muss ja schließlich den ganzen „Bauern“-Kleiderschrank revolutionieren und an das neue tolle Leben anpassen.

Das echte „echte“ Leben in der Stadt
Wenn man sein ganzes Ich dann im wahrsten Sinne des Wortes verkauft hat und meint, dass alles perfekt ist, fangen die kleinen Mängel der Stadt an sich bemerkbar zu machen. Die „alten“ Freunde sind so weit weg, dass man schnell den Kontakt verlieren kann, beziehungsweise den echten Anschluss. Man kann schließlich nicht zu jeder Geburtstagsfeier oder anderen Festivitäten aufkreuzen. Und zum anderen ist die eigene kleine Welt auch viel bequemer und noch spannender.

Auch die Wohnsituation kann Mangels Platz und Geld schnell unschön werden. So zum Beispiel, wenn man wegen dieses Mangels in einer Chaos-5er-WG landet, wo in den ersten 3 Monaten alles super ist und dann keiner mehr putzt. Auch ständige Zwischenmieter, weil jemand im Praktikum oder Ausland ist, bringen keine schöne Wohnatmosphäre. Wer will schon im Vier-Wochen-Rhythmus aufs Neue eine Kennenlern-Runde machen und sich mit den Marotten des „Neuen“ anfreunden? Dann doch lieber eine eigene Wohnung! Aber woher nimmt man die? Entweder bezahlt man einen Immobilien-Hai oder, der neueste Trend, man besticht die arme derzeitige Mieterin, sich beim Vermieter besonders für einen einzusetzen.

Im Erfolgsfall bekommt besagte derzeitige Mieterin dann 200 Euro und alle sind vermeintlich glücklich.In besagter neuer, eigener Wohnung angekommen, stellt sich erneut ein Glücksgefühl völliger Freiheit ein.Aber auch dann kann möglicherweise wieder etwas schief gehen. Schimmel im Bad ist da noch der kleinste und am einfachsten zu bekämpfende Feind. Und schließlich ist das kein für Städte reserviertes Problem. Aber schlechte Dämmung und nur einfach verglaste Fenster eines 50er Jahre Baus scho. Ganz zu schweigen von Wänden, die beim Bohren der Löcher für Regale oder Gardinenstangen einen Regenbogen aus Lehm, Dreck, Möchtegern-Putz und Ziegelsteinen ausspucken. So etwas nennt man dann gern „gemütliches Wohnen im Altbau“. Was da nicht steht ist: Unsaniert, die Heizung frisst im Winter lieber Ihre Moneten an Stelle von Gas oder, dass die Nachbarn gerne täglich bis vier Uhr feiern. Auch, wenn die Klausuren anstehen.

Was tun? – StadtfluchtStadt- und Landflucht
Selbstverständlich sind die aufgeführten Beispiele nicht die Regel, sollten sie zumindest nicht sein. Jedoch sind mie selbst viele solcher Beispiele bekannt und ich hab auch Einiges davon durch. Und was haben wir alle beschlossen? Stadtflucht! Zwar ist es nun wieder so, dass der Bus nicht bis vier Uhr fährt, aber man ist ja nun selbst alt genug, um mit dem Auto von A nach B zu kommen, ohne sich an Ältere ranschmeißen zu müssen.Auch bei Freunden, die erfolgreich die Schwierigkeiten des Stadtlebens gemeistert haben, oder es zumindest denken, zu übernachten ist eine nette Idee.

Zu mir kommen am Wochenende auch immer wieder gestresste Städter und genießen morgens den tollen Blick aus dem Fester.Die Mietpreise „weiter draußen“ sind viel niedriger, die Nachbarn wirklich nett und arbeitendes Volk, das selbst gern unter der Woche schlafen möchte oder Rentner. Und das, was man an der Miete spart, kann man für einen Ausflug in das unschlagbare Nachtleben in der Stadt investieren.Auch fürs morgendliche Joggen bietet sich eine Bleibe auf dem Land viel besser an, denn man kann auf seinem Weg Neues entdecken und in der echten Natur verweilen, während man in der Stadt blöd durch einen Park rennt, um den außen rum Unmengen von Autos fahren und die Luft verpesten.

In der Nähe gibt es auch einen See mit sehr sauberem Wasser, in dem man umsonst schwimmen gehen kann und die Dorffeste sind irgendwie ein Stück Heimat, von der man nie dachte, dass man sie vermissen würde.Letztendlich muss jeder für sich selbst entscheiden, beziehungsweise herausfinden, wo er wie leben möchte. Ich allerdings möchte gern selbst entscheiden, wann ich Halli-Galli oder meine Ruhe haben möchte. Daher ist auf dem Land die wirkliche Freiheit zu finden, die gerne einen Abstecher in die Stadt macht, um sich den dortigen Verlockungen hinzugeben, ohne von ihnen gefressen zu werden.

(Text und Foto: Julia-Friederike Barbier)

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Über den Autor

Julia-Friederike Barbier
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