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Sport / Wintersport 27.08.09

Nie mehr vom Winde verweht

Text: Katrin Brunner

simonammann_schweiz_skispringenDie neuen Regeln im Skispringen
Die ersten Wettkämpfe des Sommer Grand Prix der Skispringer sind vorüber und der Gewinner des 4- Nations Grand Prix steht mit Simon Ammann fest. Neben der Überprüfung der Sommerform des internationalen Starterfeldes bei den Skispringern und Nordischen Kombinierern standen auch die Testläufe für die Einführung eines neuen Regelements im Skisprung unter Beobachtung.

Erstmals wurden Anfang August beim Sommer Grand Prix im schwarzwäldischen Hinterzarten sowohl im Skispringen als auch in der Nordischen Kombination die neuen Regeln zur Berechnung der Sprungnote herangezogen. Der FIS Head of Skijumping and Nordic Combined Walter Hofer und seine Mitarbeiter diskutierten während der Wettkampfpause viele Möglichkeiten, um den Sport Skispringen wieder attraktiver zu gestalten. Die Fairness des Freiluftsports soll wieder in den Vordergrund gelangen und den Glücksfaktor verdrängen. Der Probelauf im Sommer wird zeigen, ob die Regeln, die sich auf eine Regulierung der Anlauflänge und eine Einberechnung des Windes konzentrieren, den Anforderungen des Sports gerecht werden und ob sie auch im Winter eingesetzt werden können.

Ab sofort ist es der Jury möglich die Anlauflänge während der Durchgänge sowohl zu verlängern als auch zu verkürzen, ohne, dass der Wettkampf neu gestartet werden muss. Auch der Wechselfaktor Wind, durch den sich viele Springer benachteiligt fühlten und oft zu Unterbrechungen und Verschiebungen führte, wird in dem neuen Regelement berücksichtigt.

cimg2070Entscheidet sich die Jury den Anlauf während des laufenden Wettkampfes zu verlängern, bekommen die darauf folgenden Athleten Punktabzug. Verkürzt man den Anlauf, gibt es Bonuspunkte. Die Berechnung dieser Punkte obliegt einer bestimmten Formel, die für jede Schanze speziell errechnet wurde. Da alle Schanzen von Grund auf unterschiedliche Flugkurven und unterschiedliche Hill-Sizes (Schanzengrößen) haben, macht sich eine Anlaufverlängerung von z.B. einem Meter auf jeder Schanze in unterschiedlich mehr Weite bemerkbar. Dieser Weitenunterschied wird dann mit dem Punktewert der Schanze multipliziert.

Ein Meter mehr Anlauf entspricht beispielsweise sieben Meter mehr Sprungweite. Bei einer Großschanze gibt es pro Weitenmeter 1,8 Punkte, somit gibt es 7 x 1,8 = 12,6 Punkte Abzug. Bei einem Meter Verkürzung gibt es 12,6 Bonuspunkte. Da nicht jede Schanze Verlängerung in Einmeterschritten zulässt, muss die Berechnung an den Abstand der einzelnen Sprungluken dementsprechend angepasst werden. Aber nicht nur die Jury hat die Möglichkeit die Anlauflänge zu ändern. Auch die Trainer können die Anlauflänge bestimmen, dürfen diese jedoch nur verkürzen.

cimg3040Bleibt der Anlauf gleich, sind jedoch die Windbedingungen bei jedem Springer unterschiedlich. Auch dieser Faktor wird in den neuen Regeln berücksichtigt. Der Windwert jedes ersten Springers eines Durchgangs wird als Richtwert erfasst. Ein Athlet, der bei schlechteren Bedingungen springt bekommt somit Bonuspunkte und ein Athlet, der bessere Bedingungen hatte erhält Punktabzug. Mit dieser neuen Regelung fällt die bisherige Festlegung eines Windkorridors, einer Eingrenzung zwischen zwei Werten, bei denen die Springer abgewinkt werden durften, weg und die Sportler sollen trotz verschiedener Windbedingungen fairer behandelt werden. Der genaue Wert, den der Springer hinzu beziehungsweise abgezogen bekommt errechnet sich aus einer Formel, die auf den Hill-Size abgestimmt ist.

Da eine Veränderung des Anlaufes oft mit der Veränderung der Windbedingungen einhergeht, werden bei Auftreten beider Tatbestände auch beide Formeln herangezogen und fließen in die Endberechnung der Sprungnote ein.

Für den Zuschauer am Fernsehen und vor Ort ist die Berechnung der Endnote und die daraus resultierende Platzierung des Athleten noch sehr undurchsichtig. So fordert auch der Eurosport Kommentator Dirk Thiele „eine graphische Unterstützung" für den Zuschauer vor den Bildschirmen. Sonst sei es nicht nachvollziehbar warum ein Athlet, der weitaus kürzer gesprungen ist vor dem Athleten mit der größeren Weite platziert ist.

martinschmitt_deutschland_skispringen1Athleten, Trainer und Experten äußern sich unterschiedlich über die neuen Regeln. Während viele der Regeländerung sehr positiv gegenüber stehen, gibt es auch einige Zweifler. Der Österreicher Gregor Schlierenzauer, der Weltcupgesamtsieger der vergangen Saison, steigt genauso wie seine Teamkollegen Loitzl und Koch erst zum Wettkampf in Zakopane, Polen in den Sommer Grand Prix ein und äußerte sich auf skispringen.com eher skeptisch. Er befürchtet, dass „die Wettbewerbe in eine taktische Angelegenheit, inszeniert von Trainern und Athleten, enden können". Weiterhin sagte er, dass der Wettkampf für den Zuschauer zu unübersichtlich wird und, dass der Springer mit dem weitesten Sprung gewinnen soll. Ähnlicher Meinung ist auch der DSV Adler Martin Schmitt, der befürchtet, dass die neuen Regeln „den Sport kaputt machen" und „für die Zuschauer schwer nachvollziehbar ist".

kornilovAn den Ergebnissen und Abläufen der ersten Sommerwettkämpfe lässt sich jedoch erkennen, dass die Veränderungen sich durchaus positiv auf den Sport auswirken. Die ersten drei Wettbewerbe gewann der Schweizer Simon Ammann und somit auch die Wertung des 4- Nations Grand Prix vor Adam Malyz (POL) und Denis Kornilov (RUS). Die Durchführung der Durchgänge verläuft wesentlich reibungsloser, da Veränderungen in der Witterung nun aktiv durch Anpassung der Anlauflänge entgegen gewirkt werden kann. Auch die Trainer können aktiv eingreifen und ihre Sportler mit weniger Anlauf starten lassen. Ob dies nun eine Vorsichtsmaßnahme ist, um den Springer vor zu weiten und gefährlichen Sprüngen zu schützen oder als taktisches, psychologisches Mittel eingesetzt wird, bleibt jedem selbst überlassen.

Die Jury hat nun die Möglichkeit schnell zu reagieren und kann die Wettkämpfe attraktiver gestalten, da nun allen Athleten die Chance geboten werden kann weite Sprünge zu zeigen. Ob dies auch in den Wintermonaten eingesetzt wird, zeigen die Erfahrungen aus den Sommerwettkämpfen. Nach den bisherigen Erfahrungen sieht es jedoch so aus, als müssten sich Athleten, Trainer, Jury und Zuschauer bald an ein neues Regelwerk gewöhnen. Und für die Fernsehstationen wird der Sport dann auch wieder interessanter; wenn eine Übertragung tatsächlich nur 90 Minuten dauert und am Ende ein Sieger feststeht - im Gegensatz zu vielen Veranstaltungen der letzten Jahre.

(Text: Katrin Brunner / Fotos: Miriam Keilbach, Sabrina Seidler, Sabine Ihli)

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