Sport /
Wintersport
07.04.09
Text:
Katrin Brunner
Die Favoriten wurden geschlagen – Ein Saisonrückblick
Die Saison 2008/2009 der Nordischen Kombination versprach spannend zu werden. Der Star der vergangenen Jahre, Hannu Manninen, trat im Sommer zurück und auch das Regelwerk wurde mir einer neuen Wettkampfform reformiert: Das neue Gundersen Format, das einen Skisprung und zehn km Langlauf vorsieht.
Die größte Änderung im Bezug zur vorangegangen Saison war sicherlich die Änderung der Wettbewerbe. Die klassischen Disziplinen Sprint (ein Sprung, 7,5 km Langlauf), Gundersen (zwei Sprünge, 15 km Langlauf) und Massenstart (zehn km Langlauf und zwei Sprünge) wurden durch das neue, bereits beschriebene Gundersen Format ersetzt. Die Umstellung gelang zunächst einem Deutschen am Besten: Der Gewinner des ersten Wettkampfs beim Nordic Opening in Kuusamo hieß Ronny Ackermann. Der Weltcupgesamtsieger des letzten Jahres bewies erneut, dass ihm die Schanze und die wohl schwierigste Langlaufstrecke im Weltcupzirkus sehr liegen. Nicht umsonst hat er an dieser Stelle schon vier Mal gewonnen.
Doch schon im zweiten Wettkampf der Saison deutet sich eine neue Tendenz an: Der erst 20-Jährige Finne Anssi Koivuranta gewann seinen ersten Weltcup. Im Laufe seiner ersten kompletten Weltcupsaison entbrannte ein Kampf zwischen Koivuranta und dem Norweger Magnus Moan. Am Ende hatte Altmeister Moan das Nachsehen und der Jungspund gab das gelbe Trikot nicht mehr her. Er verteidigte seine Führung mit einem Vorsprung von 111 Punkten und brachte die große Glaskugel, gleichbedeutend mit dem Gesamtsieg, nach Hause. Insgesamt siegte er sieben Mal und stand 14 Mal auf dem Treppchen. Alles in einem war die Saison 2008/2008 geprägt von Überraschungen. Das neue Wettkampfformat ließ das Teilnehmerfeld näher zusammen rücken, die Gesichter auf dem Siegertreppchen waren abwechslungsreicher und die Wettkämpfe spannender als in manch vergangener Saison. Die jungen Sportler, die bereits sehr gut auf der Schanze zurechtkamen, verbesserten ihre Laufleistungen und ärgerten die „Überläufer“ in der Loipe im Kampf um die Weltcuppunkte.
Nicht nur im Weltcup, auch bei den Nordischen Ski Weltmeisterschaften gab es Ergebnisse, mit denen so nicht zu rechnen war. Die Medaillen wurden aus Sicht der Experten schon im Voraus unter Koivuranta, Moan und dem Amerikaner Bill Demong verteilt. Bei den Teams sah man die Deutschen, die Norweger, die Finnen und die US-Amerikaner vorne. Dass jedoch Weltmeisterschaften ihre eigenen Regeln haben und sowieso immer alles anders kommt als man denkt, zeigte gleich der erste Wettkampf. Der Amerikaner Todd Lodwick, der eigentlich schon Ende der Saison 2005/2006 zurückgetreten war, verblüffte Zuschauer und Experten. Der 32-Jährige stieß erst Ende 2008 in Oberhof wieder zum Weltcupzirkus hinzu und wurde bei beiden Wettkämpfen Zweiter.
Der Massenstart wurde das erste und gleichzeitig auch das letzte Mal bei einer Weltmeisterschaft ausgetragen. Lodwick führte nach dem Lauf knapp vor dem finnischen Überflieger Koivuranta. Die Experten kürten den Finnen bereits vor dem Sprungwettbewerb als Weltmeister. Dieser zeigte jedoch Nerven und so konnte Lodwick, der älteste Teilnehmer im Starterfeld, die Gelegenheit nutzen und mit zwei soliden Sprüngen erster und einziger Weltmeister im Massenstart werden; vor dem Deutschen Tino Edelmann und dem Franzosen Jason Lamy Chappuis. Auch den Weltmeistertitel in der Gundersen von der Normalschanze sicherte sich der US-Amerikaner vor Jan Schmid aus Norwegen und seinem Teamkollegen Bill Demong.
Der kurioseste und aus Sicht der Betroffenen wohl ärgerlichste Vorfall ereignete sich im Teamwettbewerb. Nach den beiden Goldmedaillen und einer Bronzemedaille im Einzel wurden die US-Boys als Favoriten für den Sieg gehandelt. Allerdings kam alles anders: Demong konnte am Ablauf seine Startnummer nicht finden, die in sein Hosenbein gerutscht war. Er fand das Leibchen erst zu spät wieder und wurde disqualifiziert. Mit über drei Minuten Rückstand für den Langlauf war das amerikanische Quartett weit entfernt von jeglichen Chancen auf einen Topplatz.
Der junge Finne Koivuranta musste aufgrund einer Krankheit mit Fieber den Teamwettbewerb im Fernsehen betrachten. Die Franzosen starteten zwar als Sprungsieger zuerst in die Loipe, hatten bei der Vergabe der Podestplätze gegen Japan, Deutschland und Norwegen aber das Nachsehen. Die letzten Läufer der Teams aus Deutschland und Norwegen, Edelmann und Moan, schienen den Sieg unter sich auszufechten, die Japaner waren allerdings noch immer in Schlagdistanz. Statistisch gesehen hatte Moan, der im Weltcup 15 Mal der Schnellste in der Loipe war, die größte Chance, den Sieg für Norwegen zu holen. Allerdings taktierten Moan und Edelmann zu viel und der Japaner Norihito Kobayashi ging in der letzten Kurve an beiden vorbei und sicherte im Fotofinish mit dem Deutschen den Überraschungssieg für Japan.
Die Amerikaner entschieden sich nach dem Fiasko beim Springen gar nicht erst zum Langlauf anzutreten. Sie wollten sich ihre Kräfte für den noch ausstehenden Gundersen von der Großschanze aufsparen. Diese Strategie sollte sich auszahlen und bescherte Demong den Weltmeistertitel von der Großschanze vor dem Deutschen Björn Kircheisen und dem Franzosen Lamy Chappuis. Die großen Favoriten Moan und Koivuranta, dem der Gewinn eines Weltmeistertitels wichtiger war als der Sieg im Gesamtweltcup, sowie Titelverteidiger Ronny Ackermann blieben hinter den Erwartungen zurück.
Insgesamt erfüllten die Deutschen bei weitem nicht die Hoffnungen, die man in sie hatte. Die Silbermedaille im Team und die Silbereinzelmedaillen von Edelmann und Kircheisen, der im Gesamtweltcup als bester Deutscher auf Platz vier landete, waren die einzigen Lichtblicke. Trotz nur dreier Weltcupsiege im Einzel wiederholten die DSV-Athleten den Sieg im Mannschaftsweltcup. Ronny Ackermann konnte jedoch nicht an die Erfolge vergangene Saisons anknüpfen und beendete die Saison sogar vorzeitig. Er bereitet sich nun auf seinen nächsten Lebenshöhepunkt vor, denn im Sommer erwartet er mit seiner Freundin das erste gemeinsame Kind.
Noch enttäuschender war das Abschneiden des Teams Austria. Mit Platz sechs im Gesamtweltcup und dem einzigen österreichischen Sieg der Saison war der Eisenerzer Mario Stecher der Erfolgreichste seiner Mannschaft, die am Ende des Jahres Platz drei belegte. Bei den Weltmeisterschaften belegte das Team Platz fünf, in den Einzeldisziplinen kamen sie über einen sechsten Platz von Christoph Bieler nicht hinaus. David Kreiner, der in den letzten Jahren eine konstante Steigerung zeigte, war einen Großteil der Saison durch eine Viruserkrankung außer Gefecht gesetzt und konnte seine Mannschaft nicht unterstützen.
Zu den Gewinnern des Jahres gehören neben Anssi Koivuranta auch Jan Schmid, Pavel Churavy, Janne Ryynänen, Alessandro Pettin und Tino Edelmann. Der Deutsche absolvierte mit Platz fünf im Gesamtweltcup und seinen Erfolgen bei der Weltmeisterschaft sein bestes Saisonergebnis. Auch der in der Schweiz geborene Norweger Jan Schmid und der Tscheche Pavel Churavy zeigten mit ihren Saisonergebnissen ihre bisher besten Leistungen. Der Finne Janne Ryynänen verbesserte sich wie sein Teamkollege Koivuranta im Langlauf und bewies gleich zu Beginn mit zwei zweiten Plätzen seine Form. Bei den Juniorenweltmeisterschaften verwies der Italiener Alessandro Pettin in beiden Einzelwettkämpfen seine Mitstreiter auf die Plätze. Mit Platz acht im finnischen Lahti erreichte der Doppeljuniorenweltmeister seine beste Saisonplatzierung im Weltcup.
In der kommenden Saison geht es vor allem um eines: Bei den Olympischen Spielen in Vancouver zu punkten. Nach dieser Saison ist Anssi Koivuranta sicherlich einer der Favoriten auf das Edelmetall. Aber auch die Deutschen und Österreicher werden nach den Ergebnissen diesen Winters höchst motiviert in die neue Saison starten – einen Fauxpas will in Kanada keiner erleben.
(Text: Katrin Brunner)
Kommentare