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Sport / Wintersport 22.03.09

Skisprungwunderland Österreich

Text: Miriam Keilbach

Mit dem Skifliegen in Planica ging die Saison zu Ende
altAuch wenn er beim Finale heute nicht ganz oben stand: Noch nie hat einer eine Saison dominiert wie er: 2083 Punkte, 13 Weltcupsiege, 22 Podestplätze, kein einziges Mal die Top Ten verfehlt. Musste sich Gregor Schlierenzauer im vergangenen Winter noch Teamkollegen Thomas Morgenstern geschlagen geben, so hatte in diesem Jahr keiner den Hauch einer Chance.



Es war keine Weitenjagd, wie viele es für das Saisonfinale erwartet haben. Simon Ammann ließ kurz aufblicken, was auf dieser Anlage möglich ist: 233 Meter. Ansonsten war das Finale im slowenischen Planica vom Winde geprägt – wie im Skispringen nicht ungewöhnlich.

altSchon zum Saisonstart in Kuusamo und Trondheim zeichnete sich ab, dass gegen die Österreicher Gregor Schlierenzauer, Thomas Morgenstern und Wolfgang Loitzl nur der der Olympiasieger von 2002, Simon Ammann, ein Wörtchen mitzureden hat. Überraschend weit vorne: Ville Larinto, ein Jungspund im finnischen Team. Nach dem Rücktritt von Janne Ahonen zu Beginn der Saison der einzige, der die blau-weiße Fahne oben hielt. Ein ähnliches Bild bei den Norwegern, abwechselnd ein Lichtlein von Anders Bardal und Anders Jacobsen, aber zum großen Durchbruch, wie zuvor erhofft, reichte es nicht. Da konnte auch der Neue im Team, Johan-Remen Evensen nichts ändern.

In Pragelato passierte aus deutscher Sicht etwas, worauf viele Fans und Experten jahrelang gewartet hatten, die Hoffnung war schon fast aufgegeben: Martin Schmitt, einst Aushängeschild des deutschen Skispringens, gelang ein Befreiungsschlag. Platz 4 in Italien, er war wieder ganz dicht dran an der Weltspitze. Er biss sich fest, doch während in den Medien schon von einem Sieg geträumt wurde, mussten sich alle erst einmal mit Top Ten Platzierungen zufrieden geben. Martin Schmitt war zurück auf der Erfolgsspur und hinter ihm stand eine deutsche Mannschaft, die ebenfalls regelmäßig in die TopTen springen konnte

altDann stand das erste Highlight der Saison an. Die Vier-Schanzen-Tournee. Mit dem Auftakt durfte das deutsche Team zufrieden sein, Schmitt, Uhrmann und Michael Neumayer sprangen in die Top Ten, Stephan Hocke wurde 15. Ein Auftakt nach Maß. Den Wettkampf führte Ammann an. Doch was im Verlauf der Tournee geschah, ist das Aufblühen eines Sportlers, auf das alle seit Jahren gewartet haben, aber so recht dran glauben wollte keiner mehr. Wolfgang Loitzl, bis dahin ewiger Zweiter, zeigte eine Flugshow vom Besten. Er gewann die folgenden Springen der Tournee, holte etliche Male die Traumnote 20,0 und war plötzlich in der Form seines Lebens. In Innsbruck, der dritten Station der Tournee, passierte dann das Wunder aus deutscher Sicht. Martin Schmitt sprang nach knapp zwei Jahren wieder aufs Podest, wurde Dritter. Angestachelt von dieser Leistung schafften mit Schmitt, Neumayer und Uhrmann in Bischofshofen gleich drei deutsche Athleten den Sprung in die Top 8.

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Nach der Tournee das erste Skifliegen und einer zeigte, dass hier nichts zu holen war: Gregor Schlierenzauer. Bei den Weltcups in Zakopane und Vancouver, der Olympia-Generalprobe, lieferte er sich immerhin wieder ein Duell mit Landsmann Loitzl, der durch den Gesamtsieg bei der Tournee Blut geleckt hatte und sich mit der Rolle des Zweitplatzierten nicht mehr zufrieden gab. Doch bei all der Freude, die die Österreicher in dieser Saison hatten, blieb einer auf der Strecke: Thomas Morgenstern. Der Weltcup-Gesamtsieger der vergangenen Saison war über weite Strecken ein Schatten seiner selbst. Top Ten Platzierungen sind keine Ansprüche für den Weltmeister und Olympiasieger, er will nach ganz oben. Doch das war in diesem Winter nicht möglich, nur Platz sieben im Gesamtweltcup, noch hinter Martin Schmitt. Eine enttäuschende Leistung für den bis dato erfolgsverwöhnten Morgenstern.

Dafür platzte der Knoten bei einem anderen jungen Springer. War der Finne Harri Olli in der vergangenen Zeit eher mit Alkohol- und Partyeskapaden aufgefallen, zeigte er sich in dieser Saison lammfromm. Dafür gab es eine Belohnung: Beim Skiflug-Weltcup in Oberstdorf stand er ganz oben auf dem Podest und holte den ersten finnischen Sieg der Saison.

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Noch ein weiteres Highlight gab es gegen Ende der Saison: Die Weltmeisterschaften im tschechischen Liberec. Und den Sieg machten die drei unter sich aus, die sowieso den Winter anführten. Loitzl setzte sich gegen Schlierenzauer und Ammann durch und holte das erste WM-Einzel-Gold. Am zweiten Wettkampftag von Liberec gab es den größten deutschen Triumph. Martin Schmitt sprang nach nur einem Durchgang auf den zweiten Platz und holte die Silbermedaille nach Deutschland. Überraschungssieger war Andreas Küttel aus der Schweiz. Doch während einige schon die Wiederauferstehung des deutschen Skispringens feierten, kam es beim Teamwettbewerb der WM zu einem deutschen Fiasko. Platz zehn, nur Italien und Kasachstan waren schlechter. Ein Tag, über den man schnell die Hülle des Schweigens legen wollte, denn es wurde deutlich, was das deutsche Skispringen ohne Schmitt war: nur wenig. Zwar gelang im Teamwettbewerb in Lahti in der Woche danach der vierte Platz, aber während vor allem Uhrmann und Neumayer zu Beginn der Saison noch einige Lichtblicke hatten, ging nach der Vier-Schanzen-Tournee im deutschen Team kaum noch was.

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Das vorletzte Event, das Nordic Tournament, begann wie üblich in Lahti, endete dieses Mal aber nicht wie sonst in Oslo. Da der Holmenkollen Umbaumaßnahmen weichen musste, fand das Finale der nordischen Tournee, einer skandinavischen Adaption der deutsch-österreichischen Vier-Schanzen-Tournee, in Vikersund statt. Im finnischen Kuopio wartete die letzte Überraschung der Saison. Dem 38-jährigen Japaner Takanobu Okabe gelang der Sprung nach ganz vorne. Damit wurde er zum ältesten Weltcupsieger aller Zeiten. Auch ein Russe machte vor allem gegen Ende der Saison auf sich aufmerksam. Dimitry Vassiliev sprang bei vier der letzten sechs Wettbewerbe aufs Treppchen und holte Martin Schmitt in Planica damit noch im Gesamtweltcup ein. Der Russe wurde hinter Schlierenzauer, Ammann, Loitzl und Olli fünfter, Schmitt sechster.

Diese Saison war geprägt von einem neuen Teamgeist. Gleich sieben Mannschaftswettbewerbe fanden statt, zwei mehr als im vergangenen Winter. 37 Wettkämpfe insgesamt, so viele wie noch nie zuvor. Im Vergleich dazu sei der Winter 2005/2006 genannt, in dem „nur“ Springen auf dem Terminplan standen. Aber es war auch eine Saison der Rekorde. 2083 Punkte, so viele holte noch nie einer im Gesamtweltcup. Den bisherigen Rekord hielt Martin Schmitt mit 1833 Punkten in der Saison 1999/2000. Auch 13 Siege eines Athleten in einer Weltcupsaison gab es bisher noch nicht, bislang hatte Janne Ahonen mit 12 Siegen die meisten Weltcuperfolge.

Letzterer möchte in der kommenden Saison wieder in das Geschehen eingreifen. Er gab vor kurzem den Rücktritt vom Rücktritt bekannt. Denn ein ganz großes Highlight steht auf dem Programm: die Olympischen Spiele in Vancouver. Wenn Janne Ahonen auch sonst schon alles gewonnen hat, eine olympische Goldmedaille fehlt in seiner Sammlung. Ob er aber mit einem übermächtigen Gregor Schlierenzauer, wie wir ihn in dieser Saison gesehen haben, mithalten kann, werden wir erst ab November 2009 wissen.

(Text: Miriam Keilbach / Fotos: Sabine Ihli, Sabrina Seidler und Miriam Keilbach)

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