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Sport / Wintersport 16.03.09

Deutschlands Nachwuchs tritt ein schweres Erbe an

Text: Franziska Herr

Anders als viele Sportarten hat der Biathlon kein Nachwuchsproblem
altZweimal nach Madrid und wieder zurück, und das innerhalb eines Jahres. Das klingt verlockend nach Urlaub im warmen Süden. Für Biathleten ist dies die Distanz, die sie pro Saison auf Langlaufskiern zurücklegen. Dabei müssen sie Nerven zeigen, denn neben der Schnelligkeit auf der Loipe ist Zielgenauigkeit beim Schießen erforderlich.


8.000 km auf denen die Athleten an ihre Grenzen und darüber hinaus gehen. Runde um Runde treiben die steilen Anstiege den Puls auf bis zu 180 Schläge pro Minute. Jeder, der seine Herzschlagfrequenz einmal in diesen Bereich getrieben hat, weiß, dass selbst kurzzeitige Anstrengungen auf diesem Niveau äußerst kräftezehrend sind. Doch als wäre diese Leistung allein nicht schon bemerkenswert genug, üben Biathleten – wie der Name schon verrät – noch eine zweite Sportart aus: das Schießen. Je nach Wettkampfart absolvieren die Sportler zwei oder vier Schießübungen à fünf Schüsse. Dafür senken sie ihren Puls auf 120 bis 140 Schläge. Ein bemerkenswertes Beispiel der Selbstkontrolle. Ab dem Zeitpunkt, in dem sich das Gewehr im Anschlag befindet, sind die gerade gelaufenen Kilometer vergessen. Ein tiefer Atemzug, dann wird die Luft angehalten und im Abstand von ca. zwei Sekunden geben die Athleten ihre Schüsse ab. Im Optimalfall fünf Schuss und fünf Treffer, nur keine „Fahrkarte“ (Treffer außerhalb des schwarzen Zielbereichs) schießen!

Über Sieg und Niederlage entscheidet oft erst der Zielsprint. Trotz der hohen Belastung während des Rennens sind die Wintersportler in der Lage auf den letzten Metern das Tempo noch einmal rasant zu steigern. Dabei überschreiten sie jegliche Leistungsgrenze, die Beine zittern, ihnen wird schwarz vor Augen und der Körper ist kurz davor, seinen Dienst zu verweigern. In Sportlerkreisen nennt man diesen Zustand „blau sein“. Wie sehr sich die Athleten verausgabt haben sieht man spätestens, wenn sie über die Ziellinie taumeln oder im Zielbereich erschöpft in den Schnee fallen.

Die Regenerationsfähigkeit der Biathleten ist aber ähnlich bemerkenswert wie ihre sportlichen Leistungen: schon nach einer knappen halben Minute haben sich die meisten soweit erholt, dass sie den Zielbereich verlassen und sogar bereits den Medienvertretern Rede und Antwort stehen können.

Biathlon, der heimliche König des Wintersports verlangt den Sportlern täglich Extremleistungen ab. Um ganz nach oben zu gelangen quälen sich die Athleten täglich stundenlang im Schnee oder auf Rollski und absolvieren zahllose Schießübungen. Der Weg an die internationale Spitze ist so hart wie in kaum einer anderen Sportart. Dennoch kann Deutschland auf eine lange Reihe von Topstars zurückblicken, angefangen bei Fritz Fischer über Ricco Groß und Frank Luck bis hin zu Deutschlands erfolgreichstem Biathleten Sven Fischer. Bei den Damen ist die Liste mindestens genauso lang. Petra Behle, Uschi Disl oder Kati Wilhelm sind nur einige Beispiele. Letztere ist noch aktiv und hielt in den letzten Jahren gemeinsam mit Kollegen wie Magdalena Neuner, Michael Greis und Michael „Ebs“ Rösch die deutsche Fahne im Weltcup hoch.

Seit dieser Saison mischt jedoch eine Reihe junger deutscher Athleten den Weltcup-Zirkus auf. Namen wie Christoph Stephan, Arnd Peiffer, Daniel Böhm oder Simon Schempp sollten wir uns merken. Den größten Erfolg der „jungen Wilden“ konnte der aus Rudolstadt/Thüringen stammende Christoph Stephan (23) für sich verbuchen. Nach abgeschlossener Ausbildung zum Polizeimeister konnte der dreifache Juniorenweltmeister in dieser Saison zum ersten Mal voll trainieren. Bereits im Sprint von Oberhof belegte er den fünften Platz, und das, obwohl Teamkollege Arnd Peiffer ihm nur wenige Tage zuvor beim Fußball versehentlich die Nase gebrochen hatte. Kurz darauf gewann er mit dem Massenstart im italienischen Antholz das erste Rennen seiner noch jungen Weltcup-Karriere. Die Krönung folgte schließlich einige Wochen später mit der Silbermedaille im Einzel bei den Weltmeisterschaften im südkoreanischen Pyeongchang.

Aber auch die Leistungen der anderen Neulinge können sich sehen lassen: Daniel Böhm (22, Clausthal-Zellerfeld) belegte bei seinem zweiten Weltcup-Start im kanadischen Vancouver einen sensationellen zweiten Platz, der Mutlanger Simon Schempp (20), der ebenfalls auf der Olympialoipe sein Weltcup-Debüt feierte, wurde mit der jüngsten je für Deutschland im Weltcup gestarteten Staffel Dritter und Arnd Peiffer, der erst im Januar 2009 sein Debüt gegeben hatte, gewann bei den Weltmeisterschaften in Südkorea Bronze in der Mixed- sowie in der traditionellen Staffel.

Bei den Damen zählt die erst 22-jährige Magdalena Neuner aus Wallgau bereits seit der Saison 2006/2007 zur absoluten Weltspitze. Als Gesamtweltcupsiegerin und sechsfache Weltmeisterin gehört „Lena“, wie sie von ihren Fans genannt wird, zu den erfolgreichsten deutschen Biathletinnen. Und weitere hoffnungsvolle Talente tummeln sich derzeit im IBU-Cup, der zweiten Liga des Biathlon. Wie sie sich entwickeln wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Eines ist jedoch bereits jetzt klar: Auch in den kommenden Saisons werden uns diese sympathischen Athleten jede Menge Grund zum Jubeln geben.

(Text: Franziska Herr / Foto: [formula] Müller-Wohlfahrt)

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