Sport 02.08.09
Text: Steffi Geihs
Leichtathletiktrainer Herbert Czingon im Interviewback view: Herr Czingon, Sie sind seit den olympischen Spielen in Peking im Amt des Cheftrainers für die Sprung- und Wurfdisziplinen. Wie war das erste Jahr für Sie?
Herbert Czingon: Die Berufung erfolgte für mich sehr überraschend und hat meinen Arbeitsalltag stark verändert. Anstatt im täglichen Training oder in Lehrgängen und Trainingslagern direkt mit den Athletinnen und Athleten zusammen zu arbeiten, stehen jetzt Besprechungen mit Trainern und Funktionären, Schreibtischarbeit und Telefonate im Mittelpunkt.
Was würden Sie als ihre wichtigsten Arbeiten bezeichnen?
Ich bin insbesondere verantwortlich für die Zusammenarbeit des Deutschen Leichtathletik Verbands DLV mit dem Topteam, das ist der Kern der Nationalmannschaft mit den aussichtsreichsten Athleten. Hier gilt es die Förderung individuell zu optimieren, die berufliche und sportliche Karriere zu koordinieren. Außerdem versuche ich, zusammen mit den DLV-Disziplintrainern, in meinem Bereich für jede Disziplin optimale Entwicklungsstrategien auszuarbeiten und umzusetzen.
Was haben Sie sich für Ihre Arbeit vorgenommen?
Ich möchte mit meiner Arbeit dafür sorgen, dass die Fördermöglichkeiten des DLV für seine besten Athleten optimal zur Wirkung kommen.
Konnten Sie schon etwas verändern?
Es ist nicht überall Veränderung erforderlich, in vielen Bereichen wurde bisher schon gut gearbeitet. Allerdings war die Kommunikation nicht immer gut und hier sehe ich einen wichtigen Ansatzpunkt meiner Arbeit.
Das Abschneiden der deutschen Leichtathletikmannschaft bei den olympischen Spielen in Peking war sehr schwach. Gab es Konsequenzen?
Eine der Konsequenzen bestand ja in der Schaffung der beiden Cheftrainerpositionen. Mittlerweile zeigt sich, dass Peking ein Ausrutscher nach unten war: In den Ergebnissen diesen Jahres von der Hallen-EM über die Team-EM in Leiria bis hin zur Deutschen Meisterschaft in Ulm wird ein Aufschwung deutlich, der bereits vor zwei, drei Jahren begonnen hat, allerdings nicht in allen Disziplinen gleichmäßig.
Wie wurde versucht, die deutsche Mannschaft bis zu den Heim-Weltmeisterschaften in diesem August in Berlin fit zu machen? Was lässt sich überhaupt in einem Jahr verändern?
In einem Jahr lässt sich nur sehr wenig wirklich verändern. Aber durch die verbesserte Kommunikation wurden Reibungsverluste verringert. Und wichtig war auch die WM im eigenen Land nicht als Bedrohung, sondern als Chance zu vermitteln. Das Auftreten der Nationalmannschaft bei der Hallen-EM in Turin und in Leiria hat gezeigt, dass sich die Athleten darauf freuen, sich vor eigenem Publikum in der Konkurrenz mit der Weltspitze zu präsentieren.
Seit einer Woche sind die Nominierungen bekannt. Wieso stehen die Sprinter, die bei den Deutschen Meisterschaften in Ulm fantastische Leistungen gezeigt haben, nicht im Aufgebot?
Die Sprinter haben, wie auch eine ganze Reihe anderer Athleten, allesamt die Nominierungsvoraussetzungen bisher nicht vollständig erfüllt. Für diese Athleten wurde festgelegt, dass sie erst am 02.08.2009 endgültig nominiert werden. Außerdem hat hier die Staffelvorbereitung eine sehr hohe Bedeutung, so dass nur einige wenige Sprinter in einem Einzelrennen starten werden.
Wer sind für Sie die größten Medaillen-Favoriten in der deutschen Mannschaft?
Die Papierform ist nicht immer ein guter Indikator, aber aus der Analyse der Ergebnisse der letzten Monate wird deutlich, dass drei unserer Frauen die größten Chancen haben: Irina Mikitenko, Ariane Friedrich und Christina Obergföll.
Unter welchen Bedingungen wäre es für Sie eine erfolgreiche WM?
Hierfür gibt es für mich mindestens zwei Indikatoren: Zum einen streben wir an, dass möglichst viele Athleten bei der WM ihre Bestleistung erreichen oder steigern. Zum anderen hoffen wir, dass die Leichtathletik in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit wieder einen höheren Stellenwert bekommt. Zeigt sich ein hohes Leistungsvermögen vor dem eigenen, begeisterten Publikum wird am Ende auch die Medaillen- und Punktebilanz erfreulich sein.
Müssen Sie eigentlich selbst um Ihren Job fürchten, wenn das Abschneiden der deutschen Athleten nicht wunschgemäß verläuft?
Die Aufgabe als Cheftrainer ist bis zum 30.09.2009 befristet, das war von vornherein klar. Mein Vertrag läuft aber im olympischen Vier-Jahres-Rhythmus, so dass ich danach nicht um meinen Job fürchten müsste. Nachdem Sportdirektor Jürgen Mallow zum Ende des Jahres in den Ruhestand geht, wird es im DLV auch eine neue Führungsmannschaft geben und ich hoffe, dabei zu sein.
Lassen Sie uns über Ihre Arbeit sprechen. Sie gelten als einer der besten deutschen Stabhochsprungtrainer und waren mit Ihren Athletinnen sehr erfolgreich. Wieso wechselten Sie dennoch auf den Posten des Cheftrainers?
Ich habe seit vierzig Jahren Stabhochspringer trainiert, davon über dreißig Jahre hauptamtlich. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht und wir waren auch immer wieder erfolgreich. Trotzdem ist es natürlich schon sehr reizvoll, eine solche übergreifende Aufgabe angeboten zu bekommen. Ich bin jetzt 57, da sollte es schon einmal erlaubt sein, auch eine andere Funktion im Spitzensport auszuüben.
Vermissen Sie nicht die Arbeit auf dem Sportplatz, direkt mit den Athleten?
Natürlich, es gibt nichts Schöneres für einen Trainer, als an der Anlage mit seinen Athleten zu arbeiten. Hier kann er seine Energie einsetzen und spüren, wie sich seine Arbeit direkt auf die Bewegung auswirkt. Diese Situation vermisse ich durchaus und ich komme sehr gerne immer wieder an die Anlage um zuzusehen oder auch mal meine Meinung mitzuteilen...
Und vermissen die Athleten Sie? Gute Stabhochsprungtrainer sind rar.
Es war mir sehr wichtig, dass meine eigene Athletengruppe weiter gut betreut wird und hier habe ich mit Balian Buschbaum einen idealen Nachfolger gefunden. Und als Bundestrainer für den Frauenstabhochsprung ist Andrei Tivontchik ebenso meine Wunschbesetzung. Ich bin ja nicht aus der Welt und wenn mein Rat gebraucht wird, bin ich zur Stelle.
Abschließend noch ein paar Worte über die Zukunft der Leichtathletik. In den Medien wird die Leichtathletik oft als „sterbende Sportart" dargestellt. Sie soll moderner werden und „fernsehtauglicher". Dazu werden immer wieder Regeländerungen durchgesetzt wie z.B. beim diesjährigen Europacup. Was halten Sie von solchen Bestrebungen?
Es gibt viele Möglichkeiten, die Leichtathletik besser zu präsentieren und aus meiner Sicht gehören Regeländerungen eher nicht dazu. Viel wichtiger wären bessere Anzeigetafeln, der Wettkampf lebt ja von der Information über den aktuellen Stand. Hier gibt es noch viel zu verbessern. Auch die Arbeit der Kampfrichter ist nicht immer so professionell wie die Vorbereitung der Athleten.
Ebenso ist das Dopingproblem seit Jahren ungelöst. Was denken Sie: Lässt sich der Kampf gegen das Doping überhaupt gewinnen?
Ich sehe durchaus, dass der Vorsprung der Betrüger kleiner wird, insbesondere müssen die Dopingnester größer sein als früher, um einen technologischen Vorsprung vor den Fahndern organisieren zu können. Je mehr Menschen eine solche Organisation aber umfasst, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass irgendein Mittäter aussteigt und zum Kronzeugen wird. Das haben die Fälle Fuentes und Conte in den vergangenen Jahren deutlich gezeigt.
Haben die Deutschen, die stärker kontrolliert werden als in vielen anderen Ländern, noch reelle Chancen?
Im Gegenteil, wir haben den Vorsprung, dass wir schon viel länger als andere daran arbeiten, wie man mit sauberen Mitteln erfolgreich sein kann.
Was müsste geändert werden, um wieder eine Chancengleichheit herzustellen?
Es ist sehr wichtig, dass es ein Antidopinggesetz gibt, damit staatsanwaltliche Ermittlungen möglich werden. Im Fall Springstein/Elbe war das der Schlüssel zur Verurteilung eines Minderjährigen-Dopers.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Leichtathletik?
Ich wünsche mir, dass wir Wege finden, die Leichtathletik wieder besser in den Medien zu präsentieren, den Menschen nahe zu bringen. Das Internet bietet hierfür ganz neue Möglichkeiten der Bildung von Communities à la Facebook und StudiVZ. Hier liegen Chancen, die wir in Angriff nehmen sollten.
Dann hoffen wir, dass es mit der Heim-Weltmeisterschaft gelingen wird, die Leichtathletik einem breiten Publikum zu präsentieren. Wir wünschen Ihnen und Ihrer Mannschaft viel Erfolg und bedanken uns ganz herzlich für das Interview.
(Interview: Steffi Geihs / Fotos: Herbert Czingon)
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