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Sport / Handball 19.02.09

Der Welthandballer, sein Trainer und zwei Millionen Euro

Text: Miriam Keilbach

altDas größte Wechsel-Hickhack der Handball Bundesliga
Nikola Karabatic ist derzeit der beste Handballspieler der Welt. Trotzdem machte er in der jüngsten Vergangenheit nicht etwa durch sportliche Leistungen auf sich aufmerksam. Wird er oder wird er nicht den THW Kiel am Ende der Saison verlassen?


Die Erfolge des Nikola Karabatic bilden eine Liste, die länger kaum sein könnte. Viermal französischer Meister, dreimal deutscher Meister. Viermal französischer Pokalsieger, zweimal DHB-Pokalsieger. Zweimal Sieger der Champions League und dreimal Supercup-Sieger. Zweimal WM-Bronze, und je einmal Weltmeister, Europameister und Olympiasieger. Dreimal stand er im Allstar-Team und bei der EM in Norwegen im vergangenen Jahr wurde er zum wertvollsten Spieler gewählt. Gerade erst wurde er vom deutschen Publikum zum Handballer des Jahres 2008 gewählt. Wenn man ihn fragt, hat er das vor allem einem zu verdanken: Ziehvater Zvonimir "Noka" Serdarusic. Nicht das Geld oder die sportlichen Erfolge sind für einen Wechsel von der Förde an den Rhein verantwortlich. Um Trainer Noka soll es gehen.

Die Rekordsumme im Handball: Zwei Millionen Ablöse?
Nikola Karabatic ist aufgrund seiner Erfolge und seiner unglaublichen Wurfkraft heiß umworben auf dem Handballer-Transfermarkt. Mit seinen 24 Jahren ist er jung und ein großes Talent, das noch immer heiß auf den Erfolg ist und seine Gegner gerne in den Schatten stellt. BM Ciudad Real, ein spanischer Topklub, der im vergangenen Jahr die Champions League gewann, bot angeblich zwei Millionen Euro Ablöse für den französischen Rückraumspieler, der beim THW Kiel noch bis 2012 einen Vertrag hat. Der bisherige Rekord war 800.000 Euro. Und auch die Jahresgehälter liegen in Spanien weit über denen in Deutschland. Jedenfalls bisher noch. Denn die Rhein-Neckar Löwen, aktuell Tabellenfünfter, rüsten auf und machen dafür ordentlich Geld locker. Der Dorfverein, der den Aufstieg ins Handball Oberhaus aus eigener Kraft schaffte, seither aber mit Mitteln der SAP und Dietmar Hopps Sohn Daniel versorgt wird, hat mit dem dänischen Unternehmer Jesper Nielsen des Schmuckkonzerns Kasi-Group einen großzügigen Sponsor gefunden. Rivalisierte Vereine werfen den Löwen gar vor, mit "Fußballgehältern" zu locken.

Darum dürfte es Nikola Karabatic aber nicht gehen. Hätte er sich für das Geld entschieden, wäre er bei Ciudad im Gespräch. Vielmehr zeigte er öffentlich seine Neigung zu den Rhein-Neckar Löwen. Und das hat vor allem einen Grund: Noka Serdarusic. Karabatic hat nach eigenen Aussagen seinen Vertag in Kiel nur bis 2012 verlängert, weil ihm versprochen wurde, dass auch Noka über diesen Zeitraum Trainer bleiben würde. Nun musste Serdarusic im Juni 2008 aber weichen, obwohl der Vertrag bis 2009 lief. Karabatic, der sogar das Weihnachtsfest mit seinem Ziehvater verbrachte, war darüber zunächst enttäuscht, inzwischen aber kämpft er, um wieder unter Serdarusic spielen zu dürfen - und er kämpft mit allen Mitteln. Der erfolgreichste Trainer der Handball-Bundesliga-Geschichten (elf Meisterschaften) steht nämlich seit einigen Monaten als neuer Coach der Rhein-Neckar Löwen fest.

Karbatic, Lövgren, Kavtincnik und Jicha?
Der THW muss in der neuen Saison allerdings schon auf Spielmacher Stefan Lövgren verzichten. Eigentlich sollte Karabatic in seine Fußstapfen treten. Nun auch noch den Weggang von von Karabatic zu verschmerzen, würde eine große Herausforderung für den Serienmeister. Denn falls "Niko" wechseln sollte, würde wohl auch sein bester Freund und ebenfalls großer Fan von Noka Serdarusic, Vid Kavticnik, einer der besten Flügelspieler, zu den Löwen abwandern. Und auch Filip Jicha, tschechischer Rückraumspieler, liegt ein Angebot der Rhein-Neckar Löwen vor.

altDass es sich hier um keine üblichen Wechselgerüchte und einen normalen Transfer handelt, ist inzwischen lange klar geworden. Zum einen ist die Methode, mit der sich zwei rivalisierende Vereine, die wahrscheinlich beide vom Neid geplagt sind, bekämpfen, neu. Die Rhein-Neckar Löwen haben finanzielle Mittel, die sich jeder andere Bundesligist nur wünschen kann. Obwohl sie in den vergangenen Jahren gut eingekauft haben und in der Saison 2007/2008 fünf Weltmeister und vier Vize-Weltmeister stellten, haben sie es noch nicht zur Topmannschaft geschafft. Sie wollten um die Meisterschaft mitspielen und die beste Mannschaft der Welt werden, doch davon sind sie mit aktuell zwölf Verlustpunkten (im Vergleich: Der THW führt mit 39:1 Punkt die Tabelle an) noch weit entfernt. Anders sieht das bei den Kieler aus. Sie konnte jeden erdenklichen sportlichen Triumph feiern, holten 2007 sogar das Tripple aus DHB-Pokal, Deutscher Meisterschaft und Champions League-Sieg. Doch die Summen, die die Rhein-Neckar Löwen ihren Spielern zahlen können, können die Nordlichter nicht aufbringen.

Wortbruch vom THW Kiel?
Zum anderen mischt sich mit Karabatic ein Spieler in einen möglichen Transfer ein, wie es das selten gab. Er beschuldigt seinen aktuellen Verein in aller Öffentlichkeit dem Wortbruch. Er verkündet auf seiner Website, dass er vor allem nach Kiel kam, um mit Zvonimir Serdarusic zusammenzuarbeiten und dass er nicht verhehlt, dass sein Wunsch, wieder mit diesem Coach zu arbeiten, groß sei. "Und wenn ich eines Tages den THW Kiel für einen anderen Verein verlassen werde, ist es nur, weil ich die menschlichen Werte über alles andere stelle", schrieb der 24-Jährige noch während der Weltmeisterschaft im Januar auf seiner Website. THW-Präsident Uwe Schwenker hingegen beteuert, jemals eine mündliche oder schriftliche Zusage gemacht zu haben, dass Karabatic auch in den nächsten drei Jahren beim THW von Noka trainiert werden würde.

Während Jesper Nielsen kurz danach bereits verkündetete, dass man sich einig sei und Karabatic ab 1. Juni das Trikot der Löwen tragen werde, ruderte Löwen-Geschäftsführer Thorsten Storm gleich wieder zurück und nannte die vom THW geforderte Ablösesumme utopisch. Ciudad Real hätte diese Summe wohl aufbringen können, in der deutschen Liga allerdings sind noch andere Summen üblich. 

Nach einem Gespräch hinter verschlossenen Türen mit THW-Präsident Uwe Schwenker, verkündete dieser, dass man sich einig sei und der Franzose, "Stand heute", an der Förde bleibe. Nur einen Tag später dementierte Karabatic eine Einigung öffentlich. Er wollte nicht, dass Schwenker den Fans nicht ehrlich gegenübertritt. Die Pressemitteilung, die die Einigung verkündete, sei nicht mit ihm abgesprochen gewesen. Also legten die Rhein-Neckar Löwen erneut ein Angebot vor. Statt Barem sollte ein Sponsor der Löwen einen Werbevertrag beim THW unterzeichnen. Ein Angebot, das den Vorstellungen des THW so gar nicht entspricht.

Karabatic: THW beeinflusst die Öffentlichkeit
Nikola Karabatic legt indessen nach. Es gehe um Taktik und Beeinflussung der Öffentlichkeit, die Informationspolitik des THW sei einseitig. "Es wird so dargestellt, als würde ich meinen Abschied provozieren und bewusst für Unruhe sorgen. Das stimmt nicht", schreibt er in einer erneuten Stellungnahme auf seiner Homepage. "Es wäre schön, wenn meine Haltung und mein Wunsch respektiert würde, mit Noka, der mich zu einem Weltklassespieler gemacht hat und dem ich viel zu verdanken habe, weiter zusammen zu arbeiten. [...] Meine Liebeserklärung an Kiel, den THW, den Trainer und meine Mannschaft vor zwei Jahren war total ehrlich und kam von Herzen. Aber seitdem hat sich beim THW viel verändert. Damit kann ich mich nicht identifizieren."

Bis in diesem Falle eine Einigung erzielt wurde, wird noch einige Zeit vergehen. Alle Parteien haben kundgetan, wohin es für sie gehen soll. Fraglich ist, ob dieser Streit weiterhin in aller Öffentlichkeit ausgetragen werden muss und die Handballfans so vor zwei Vereinen und dem derzeit größten Handballspieler ihren Respekt verlieren müssen. Anschuldigungen auf Homepages und über nicht abgesprochenene Pressemitteilungen haben im Handballsport eigentlich nichts zu suchen. Und nach all dem Hickhack wäre es vielleicht für alle Seiten am besten, man ließe ihn ziehen. Zu seinem Ziehvater.

(Text und Fotos: Miriam Keilbach)

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