Sport / Fußball 27.04.09
Text: Robert Reiche
Es war ein Morgen wie jeder andere auch. Die Nachrichtenmeldungen handelten von der Krise, der sich ausbreitenden mexikanischen Schweinegrippe, und natürlich von der Tabellensituation des FC Bayern München. Doch gegen 11 Uhr zog sich nur noch eine Meldung durch alle Sender und Internet: Jürgen Klinsmanns Zeit als Trainer beim deutschen Rekordmeister ist beendet.
Der Vorstand um Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeneß und Karl Hopfner sahen sich wegen der Gefährdung des letzten Saisonziels zum Handeln gezwungen. Ohne die direkte Qualifikation für die kommende Champions-League-Saison hätte sich im Bayernkonto ein tiefes Loch aufgetan. Auch die Niederlage des VfL Wolfsburg am Sonntag hatte laut Hoeneß dazu beigetragen, nun „erst recht“ einen Bruch zu vollziehen und vielleicht sogar noch den Meistertitel verteidigen zu können. Nachfolger von Klinsmann wird für die letzten fünf Spieltage Jupp Heynckes, der bereits von 1987 bis 1991 Trainer bei den Bayern war.
Die zweite Dienstzeit Klinsmanns beim FC Bayern währte nur 300 Tage. Das Vorhaben, „jeden Spieler jeden Tag besser zu machen“ wurde bereits nach der durchwachsenen Hinrunde zu den Akten gelegt. Schon zu dieser Zeit war klar, dass Klinsmann den FC Bayern nicht komplett zu Lasten des sportlichen Abschneidens umkrempeln konnte. Titel zählen in der bayrischen Hauptstadt eben mehr als Revolutionen.
Über das Scheitern Klinsmanns kann man nur mutmaßen. Trotz einer unbeständigen Saison sind die Bayern noch immer in Schlagdistanz zum Tabellenführer. Doch zu viele Niederlagen in wichtigen Spielen gegen Bremen, Schalke, Hamburg und Wolfsburg sowie das Ausscheiden in Champions League und DFB-Pokal waren ein deutliches Zeichen. Vielleicht war das eher kumpelhafte Auftreten Klinsmanns mit den Traineransprüchen des FC Bayern nicht kompatibel. Dort schwelgt man wohl immer noch in Erinnerungen an den „General“ Ottmar Hitzfeld oder Felix Magath, deren persönliche Art so manchen Profi das fürchten lehrte.
Nun stellt sich auch erstmals die konkrete Frage nach einem Nachfolger. Ein weiteres Experiment werden die Bayern-Verantwortlichen mit Sicherheit nicht wagen. Der nächste Trainer sollte besonders ein Attribut erfüllen: Härte. Das schon fast lustlose und behäbige Auftreten mancher Spieler war schon ein Indiz dafür, dass man einer seine Position in der Mannschaft als unumstößlich sah. Doch so etwas darf man sich beim FC Bayern schlicht nicht erlauben. Allerdings wird sich Ottmar Hitzfeld wohl kein drittes Mal auf ein Engagement beim „FC Hollywood“ einlassen.
Es bleibt auch abzuwarten ob es der Bayern in den letzten Saisonspielen doch noch schaffen wird, wenigstens einmal in dieser Spielzeit den ersten Tabellenplatz zu belegen. Nach dem 34. Spieltag dürfte es dann auch nicht das lang angekündigte Abschlusszeugnis für Jürgen Klinsmann, sondern für die Verantwortlichen des FC Bayern geben. Doch bei einer Trainerentlassung fünf Tage vor Saisonende muss man sich dort wohl mangelnde Weitsicht und Handlungsbereitschaft vorwerfen lassen. Denn auch ein Trainer kann nur mit dem ihm zur Verfügung stehenden Spielermaterial arbeiten, und selbst das scheint beim FC Bayern einfach nicht mehr den hohen Ansprüchen zu genügen. Es scheint wohl die zweite Revolution innerhalb eines Jahres beim Rekordmeister anzubrechen.
(Text: Robert Reiche)
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