Sport / Fußball 26.10.09
Text: Robert Reiche
Gelb-Rot - Die Fußballkolumne
Viel wurde im Sommer über die Zukunft von Werder Bremen diskutiert. Kann Klaus Allofs ohne die Gelder aus der Champions League eine vernünftige Transferpolitik führen? Ist Thomas Schaaf nach zehn Jahren im Amt noch der richtige Trainer? Und wie kann der Weggang von Spielmacher Diego auch nur annähernd kompensiert werden.
Was die Transfers angeht muss man den Verantwortlichen ein Lob aussprechen. Mit Marko Marin und Claudio Pizarro wurden zwei starke und oftmals unberechenbare Offensivkräfte eingekauft, die sich perfekt in das neue 4-4-2-System ohne Raute einfügen. Pizarro, letztes Jahr noch an Werder ausgeliehen, steht mit Stefan Kießling mit jeweils sechs Saisontreffern an der Spitze der Torschützenliste, und Marin wirbelte mit seinen Dribblings schon so manche Abwehr durcheinander. Einzig die Ausleihe von Marcelo Moreno trägt bisher noch keine Früchte - aber immerhin riss sie auch kein Loch in die Bremer Geldbörse.
Auch Thomas Schaaf zeigt bisher deutlich, dass er noch nicht abgeschrieben werden sollte. Der bereits angesprochene Formationswechsel ging mit einer Neuordnung der Defensivarbeit einher, wobei sich jetzt zwei Mittelfeldspieler dauerhaft mit der Abwehrarbeit beschäftigen. Das gibt den Offensivkräften alle Freiheiten, die sie in den letzten Jahren nur bedingt hatten, denn oftmals führte ein eigener Angriff früher schnell zu Kontergegentoren.
Von dieser Umstellung profitieren aber auch die Abwehrspieler selbst. Nur sieben Gegentore hat Werder bisher auf dem Konto, in den letzten fünf Jahren waren es zu diesem Saisonzeitpunkt immer mindestens zwölf - in der letzten sogar 22. Dabei standen in der letzten Spielzeit die vier gleichen Akteure in der Startformation. Diese Stabilität ist der momentane Erfolgsgarant und so mancher Beobachter sieht jetzt schon Ähnlichkeiten zur Meistersaison 2003/2004. Damals waren sowohl die souveräne Abwehr sowie die starken Offensivfähigkeiten der Schlüssel zum Gewinn des Doubles.
Bisher scheint man in Bremen den Brasilianer Diego nicht zu vermissen. Mesut Özil hat genau das geschafft, wofür er im Winter 2007 eingekauft wurde: Die langfristige Nachfolge von Diego anzutreten. Während in den letzten drei Spielzeiten das gesamte Bremer Spiel auf den genialen Spielmacher ausgelegt und damit leicht auszurechnen war, sieht es jetzt ganz anders aus. Nun sind es ständig drei Kreativspieler, die den gegnerischen Abwehrreihen Kopfschmerzen bereiten können. Diese Überraschungsmomente kombiniert mit der Durchschlagskraft eines Pizarro sind bisher genau das, was das Bremer Offensivspiel kennzeichnet: eine bisher selten erreichte Vielfalt im Spiel nach vorne.
Es ist schon erstaunlich, wie sich der SV Werder Bremen von der bedingungslosen Angriffsmannschaft der letzten Jahre zu einem grundsoliden Gesamtkunstwerk entwickelt hat, in der nicht mehr nur ein einzelner Spieler, sondern die ganze Mannschaft der Star ist. Das Festhalten an Trainer und Manager hat sich einmal mehr bezahlt gemacht - und hieran sollten sich viele andere Vereine vielleicht einmal ein Vorbild nehmen.
(Text: Robert Reiche / Zeichnung: Christina Koormann)
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