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Spitzbergen: Klimawandel und die Eisbären

Ein Besuch im Schnee von Norwegen

Jedes Jahr ist es das gleiche Ritual. Es ist Dienstag, 8. März, als sich gegen 12.30 Uhr die rund 2100 Einwohner von Longyearbyen auf den Treppen des alten Krankenhauses versammeln, um nach Wochen der Dunkelheit die ersten Sonnenstrahlen in Spitzbergens Hauptstadt zu begrüßen. Für wenige Wochen nur werden sie Tag und Nacht haben, wie man sie in südlicheren Breitengraden kennt. Ab dem 19. April wird die Sonne nicht mehr untergehen, „Midtnattsola“ nennen die Norweger das Phänomen.

Eine arktische Wüsteninselgruppe in der Barentsee ist Svalbard, mit 62.000 Quadratkilometern größer als Kroatien, besiedelt von rund 2500 Menschen, die allesamt auf der Hauptinsel Spitzbergen leben, in fünf Dörfern mit drei bis 2100 Einwohnern, durch nicht asphaltierte Straßen verbunden. Dazu gesellen sich 3.000 Eisbären, 10.000 Spitzbergen-Rentiere, ein paar Tausend Walrosse, Robben und Polarfüchse. Spitzbergen, wie die Inselgruppe auf Deutsch genannt wird, gehört zwar zu Norwegen, hat aber ganz eigene Gesetze und Regeln. Alkohol wird hier nur gegen eine Rationskarte verkauft, Schwangere werden vor der Entbindung ausgeflogen, zur Einreise braucht niemand ein Visum und Sozialleistungen gibt es keine.

Spitzbergen

Schutz vor den Eisbären

Mit den Gewehren ist das auch so eine Sache. Während in Oslo über die Bewaffnung der Polizei diskutiert wird, darf auf Spitzbergen jeder ein Gewehr tragen, der keine Einträge im polizeilichen Führungszeugnis hat. Wer Longyearbyen verlässt, sollte sogar eines tragen. Am Ortsausgang gibt es einen Verleih, dort üben Touristen die ersten Schüsse. Grund sind die Eisbären. Kommt ein Eisbär näher als drei Meter an einen Menschen heran, darf er erschossen werden.

Ein Aufeinandertreffen von Eisbären und Menschen gibt es aber nur selten. Zum einen leben die rund 3.000 Eisbären an der Ostküste, während die Menschen den Westen bevölkern. Zum anderen ist es Menschen untersagt, Eisbären gezielt aufzusuchen. Touristische Touren zur Ostküste gibt es zwar, doch ein Guide folgt den Spuren und leitet die Gäste an.

Zukunft von Spitzbergen

Lebten die Einwohner der Insel lange vom Fischfang, ist inzwischen der Tourismus die Haupteinnahmequelle. Doch der Klimawandel ist an kaum einer Stelle so sichtbar wie auf Spitzbergen. Wie lange noch kommen Touristen in der Hoffnung, einen Eisbären zu entdecken? Das Eis schmilzt hier in der Arktis doppelt so schnell als anderswo, die Wassertemperatur stieg in den vergangenen 25 Jahren um zwei Grad.

„Bis zum Jahr 2000 war es völlig normal, dass die Fjorde entlang der Westküste jeden Winter zugefroren waren. Die Robben haben sich darauf aufgehalten und deshalb auch Eisbären“, sagt der Direktor des Norwegischen Polarinstituts, Jan-Gunnar Winther, der Zeitung „Daglig Naeringsliv“. Das Eis ist am Westfjord verschwunden, die Robben schwimmen weiter und die Eisbären bleiben ausgehungert zurück. Dafür tauchen plötzlich Vogel- und Fischarten auf, die man sonst nur aus südlicheren und wärmeren Gebieten kennt, etwa die Makrele.

 

Dem Klimawandel sei Dank

Der vergangene Winter war katastrophal für die Inselgruppe: Die Temperatur 2015/2016 lag zehn Grad höher als im Durchschnitt. An über 20 Tagen zwischen Dezember und Februar wurden über null Grad gemessen. Das Eis schmilzt, der Permafrost lässt nach. Mehr als 20 Millimeter Niederschlag hat Longyearbyen in keinem Monat, daher taut der wenige Schnee, sobald die Sonne herauskommt und auf der Insel zwei, drei Plusgrade erreicht werden. Dann zeigt sich die weniger schöne Seite der Insel, die komplett aus Sand und Gestein besteht und kaum ein Pflänzchen zulässt. Die Zeitung „Aftenposten“ schrieb jüngst von einer „eiskalten Katastrophe.“ Man hat vorgesorgt: Im Global Seed Vault sind zum Erhalt der nahezu gesamten Pflanzenvielfalt 2,25 Milliarden Samen eingefroren.

Doch nicht nur die Tiere auf Spitzbergen leben vom Winter. Auch die Menschen. Denn die Touristen – im vergangenen Jahr kamen 130.000 – wollen mit Schlittenhunden und Schneescootern fahren, sie wollen in Eishöhlen übernachten und Schneeschuhwandern. Lea Steinhovden und Magnus Løge führen Touristen auf Hundeschlitten zu einer Eishöhle. In Kleingruppen krabbeln Touristen in ein enges Erdloch, 25 Meter tief seilen sie sich ab, unter der Erde können sie wieder aufrecht stehen. Die Natur hat hier wunderbare Landschaften aus jahrtausendealtem Eis kreiert. Es entstehen Räume, Zwirbel, Rundungen, Kristalle. Durch das Eis und den Schnee reflektiert das wenige Licht aus dem kleinen Erdloch. Auch wenn das Eis über 2000 Jahre alt ist, es verändert sich jedes Jahr, durch Besucher, Wärme, Wind. „Der riesige Raum, in dem wir uns gerade sammeln, der existierte im vergangenen Jahr noch nicht“, sagt Løge. Früher konnte man durch das kilometerlange System marschieren. Doch nun ist Schluss, vor ein paar Tagen krachte die Decke herunter, keiner weiß, wie stabil das Eis ein paar Meter weiter ist.

Die Eisgrotte, der Gletscher, gefrorene Wasserfälle, die Landschaft, sie erinnern an Disneys Filmhit „Die Eiskönigin“. Die Filmproduktion erklärte, dass man sich von Norwegen habe inspirieren lassen. Den Tourismusverband freut‘s: Seither fragen verstärkt Europäer und Amerikaner an.

Mehr Erfahrungen von Miriam rund um Spitzbergen finden Sie unter “Im Reich der Eisbären”.

Mehr Texte übers Reisen gibt es auf dem Reiseblog der Autorin: miriam-keilbach.com

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Über den Autor

Miriam Keilbach
Redakteurin

Miriam war 2007 im Gründungsteam von backview.eu. Sie volontierte beim Weser-Kurier in Bremen und arbeitet seit 2012 als Redakteurin bei der Frankfurter Rundschau. Ihre Themen: Menschen, Gesellschaft, Soziales, Skandinavien und Sport.

Anzahl der Artikel : 59

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