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„Soziale Einrichtungen werden darunter leiden“

Ein Offizieranwärter über die Zukunft der Bundeswehr

Die Aussetzung der Wehrpflicht ist eines der Top-Themen des gerade begonnenen Jahres 2011. Im Mittelpunkt stehen hierbei die 12 150 jungen Männer, die nun zum vorerst letzten Grundwehrdienst der Bundeswehr eingezogen wurden. Neben ihnen gibt es jedoch noch über 188 000 Berufs- oder Zeitsoldaten, die eine der grundlegendsten Veränderungen der Bundeswehr miterleben.

Einer von ihnen ist der 22-jährige Offizieranwärter Paul*, der sich im Jahr 2008 für 15 Jahre verpflichtet hat. Er durchläuft momentan die fliegerische Laufbahn und ist von seiner Entscheidung immer noch begeistert.
Der Aussetzung der Wehrpflicht steht er kritisch gegenüber, was zunächst nicht verwunderlich scheint. Allerdings gehen seine Bedenken als Erstes weg von der Bundeswehr – in eine andere Richtung. „Soziale Einrichtungen werden sehr darunter leiden, wenn keine Zivildienstleistenden mehr kommen.“ Schon allein aus diesem Grund hält er diesen Schritt für bedenklich. Bei der Bundeswehr würden sich allein dadurch keine so gravierenden Einschnitte ergeben.

Den jungen Männern, die in Zukunft nicht mehr eingezogen werden, entgeht seiner Meinung nach jedoch eine wertvolle Erfahrung. „Die gelebte Kameradschaft, der Zusammenhalt und die Disziplin“, seien in seinen Augen wichtige Vorbereitungen auf das weitere Leben.
Zudem sieht er das Ableisten des Grundwehrdienstes als Gegenleistung für die gute soziale Absicherung in Deutschland. „Jeder sollte sich glücklich schätzen, dass er hier aufwachsen darf und dem Staat damit einen Teil zurückzahlen kann“, erzählte Paul weiter. Diese Möglichkeit wird es in Zukunft nur noch über einen Freiwilligendienst geben, der sich auf eine Dauer zwischen 12 und 23 Monaten beläuft.

Es gibt aber doch einen Aspekt, der Paul nachdenklich werden lässt. Die Umstrukturierung umfasst neben der Aussetzung der Wehrpflicht die Reduzierung des gesamten Personalumfangs. Derzeit umfasst die Bundeswehr 235 000 Soldaten. In Zukunft sollen es nur noch 180 000 sein, wovon nur noch maximal 170 000 Zeit – oder Berufssoldaten sein werden.

„Bislang war ein Job bei der Bundeswehr eine relativ sichere Sache. Jetzt macht man sich schon mehr Gedanken, ob es so problemlos weitergeht.“ Der Anwärter auf den fliegerischen Dienst ist gerade durch eine Prüfung gefallen, was die Sorgen noch zusätzlich verstärkt. Die Verpflichtung auf Zeit ist immer eine einseitige Sache, die vom Soldaten ausgeht. Das bedeutet bei Paul konkret, dass sich die Bundeswehr vorbehält, den Vertrag alle vier Jahre zu prüfen und ihn bei Bedarf auflzuösen. Unmittelbare Angst hat er jedoch nicht, da er noch eine Chance hat, die Prüfung zu bestehen und seinen Weg fortsetzen zu können.

Unklar ist ihm jedoch, wie die angedachten Pläne bei gleichzeitigem Stellenabbau konkret umgesetzt werden sollen, so dass die Bundeswehr davon profitiert. Paul kann schon jetzt von längeren Wartezeiten für die nötigen Aufbau-Kurse berichten. „Verzögerungen sind prinzipiell nichts Neues und müssen mit eingeplant werden. Inzwischen ist es aber keine Seltenheit mehr, dass Offizieranwärter zwei Jahre auf die Fortsetzung ihrer Laufbahn warten müssen.“
Mit diesen Herausforderungen wird sich das Bundesverteidigungsministerium in den nächsten Monaten intensiv auseinandersetzen müssen. Auch wenn viele der Umstrukturierung positiv gegenüberstehen, bedarf es noch mehr Klarheit, um nicht nur die jungen Männer, die der Wehrpflicht in Zukunft entgehen, glücklich zu machen.

Auch Paul hofft, dass die Umstrukturierungen fair und transparent ablaufen. Das Bestehen seiner Prüfung hat er fest im Blick und er ist sich sicher, dass er seine Ziele auch erreichen wird. Denn seine Zukunft sieht er eindeutig bei der Bundeswehr.

* Der Name wurde auf Wunsch des Gesprächspartners von der Redaktion geändert.

(Text: Stefanie Hund)
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Stefanie Hund
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