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„So wie die Songs kommen, so werden sie geschrieben“

Sänger Tim Bendzko im Interview

Der 26-jährige waschechte Berliner hat noch viel vor. Er muss nicht „nur noch kurz die Welt retten“ und „148 Mails checken“, sondern will vor allem durch seine Songs auf sich aufmerksam machen. Er textet, er spielt Gitarre und er singt vom Leben – denn das schreibt bekanntermaßen die besten Geschichten. Tim Bendzko verpackt einfache, aber wahre Worte in schöne Klänge und akustische Akkorde.

back view: Lieber Tim Bendzko, das Lied „Ich kann alles sehen“ spielt darauf an, dass Du schon immer wusstest, dass Du dieses Album einmal herausbringen wirst. Du hast immer daran geglaubt, dass Deine Zeit kommen wird?
Tim Bendzko: Ich habe nicht die typische Biographie eines Künstlers und im Alter von drei Jahren das Gitarre oder Klavier spielen angefangen. Natürlich habe ich immer wieder Sachen für meine Musikkarriere gemacht, aber das Ganze hat sich eher langsam – dafür gesund – entwickelt. Ich habe auf den Tag gewartet und es immer gewusst, ja.

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„Ich werds Dir beweisen, hör mir zu, wenn Du kannst. Wir stehn am Anfang einer Reise und wenn du willst, fängt sie jetzt an.“ (Titel 4: Du warst noch nie hier)

Was war letztendlich der Auslöser dafür, mit der Musik anzufangen und Deine anderen Hobbys wie das Fußballspielen an den Nagel zu hängen?
Es gab keinen entscheidenden Moment dafür. Ich habe mich irgendwann mal gefragt, was ich mit meinem Leben anfangen möchte. Und dann kam ich auf die Musik – weil ich etwas haben will, bei dem ich mich nicht sofort langweile sondern was mir Spaß macht, wovon ich etwas habe. Ich bin eben nur einmal hier und möchte deswegen Sachen machen, die gut für mich sind, mich erfüllen und die mich nicht nur irgendwie erhalten. Nicht um sonst kommt das Wort Beruf von Berufung.

„Ich glaub kein Wort, dass man mir sagt und ich will nicht begreifen, dass der Schein mich betrogen hat. Ich will endlich wieder echten Boden spüren, mich wird nichts und niemand in die Irre führen.“ (Titel 4: Du warst noch nie hier)

Du hast Evangelische Theologie und Nichtchristliche Religionen studiert. Das ist ja relativ ungewöhnlich – wie kamst Du dazu?
Ich bin nicht pauschal gläubig. Ich habe mich aber schon relativ früh gefragt, wie das alles funktioniert, die Welt und das Leben. Ich habe mich dafür interessiert, wie ich das für mich erklären kann, wollte eine Vielfalt von Antwortmöglichkeiten erfahren und Menschen kennen lernen, die sich die gleichen Fragen stellen. Für mich ist das heute aber nicht mehr so wichtig, weil der Versuch, eine Antwort auf alles zu geben einfach zu komplex ist.
Das Studium sorgte dafür, Ordnung zu schaffen und andererseits dafür, dass keine Unordnung mehr aufkommt. Dass ich mir einfach gewisse Fragen nicht mehr stelle, weil es darauf eh keine Antwort gibt.
Tim Bendzko

„Das war das letzte Mal, das letzte Lied. Das war das letzte Mal, dass ich dir sag wie sehr ich Dich geliebt hab. Du mir gefehlt hast. Ich wieder an Dich denke und wieder Zeit verschenke.“ (Titel 6: Das letzte Mal)

Deine Lieder geben viel von Dir selbst preis. Wie gehst Du an einen Song ran? Woher kommen die Ideen und die Inspiration?
Mir kommen die Zeilen immer plötzlich, die ich dann lange vor mir her singe. Wenn ich diese Passage selber gut finde, bringe ich sie aufs Papier und bastele daraus konkrete Strophen. Aber die Ideen kommen eher intuitiv. Die Songs kommen so aus mir heraus. Ich möchte Empfindungen weitergeben, aber das ist meistens kein bewusster Prozess. Manchmal habe ich ein ganz bestimmtes Gefühl in mir und forme dann eine Geschichte, einen Rahmen drum herum und stelle mir zum Beispiel – wie bei dem Lied „Es kommt zurück“ – einen Mann vor, der seine Frau und seine Kunden an der Börse betrügt.

„Wenn Worte meine Sprache wären. Ich hätt dir schon gesagt, in all den schönen Worten, wie viel mir an dir lag.“ (Titel 5: Wenn Worte meine Sprache wären)

Manchmal weiß man zwar, was man sagen will, aber man weiß nicht, wie man es sagen soll. Hat ein Songwriter nicht immer die richtigen Worte parat?
Ja, aber das dauert. Manchmal ist es ein richtiger Kampf, wenn zum Beispiel der Refrain steht, aber die Strophe einfach nicht kommen mag und dann Zeilen aus der Not heraus geboren werden. Es ist immer schwer, die Worte so zu formen, dass man wirklich zufrieden ist, mit dem was man ausdrücken will.

„Ich brauch viel mehr davon. Erst dann fang ich zu leben an. Ich will viel mehr davon, damit ich atmen kann. Weil’s in mir Bilder regnet, vergess ich Raum und Zeit.“ (Titel 3: Mehr davon)

Das Lied „Mehr davon“ möchte Augenblicke und Erinnerungen festhalten. Aber gibt es auch Dinge, die Du endlich loswerden willst, schon lange mit Dir herum trägst und in Songs verarbeitest?
Auf jeden Fall. Beim Song „Das letzte Mal“ singe ich mir zum Beispiel sehr viel von der Seele und verarbeite damit eine Beziehung zu einer ganz bestimmten Frau. Auf der anderen Seite will ich mich an gewisse Dinge auch gerne wieder zurück erinnern, wie bei „Mehr davon“. Deswegen verpacke ich sie in Songs, um sie somit aufzubewahren. Durch das Schreiben verarbeite ich definitiv irgendwas, aber frag mich nicht was.

„Keine Ahnung was passiert ist. Wo kommst Du denn plötzlich her. Dieser Tag  verlangt nur das eine von Dir. Sag einfach ja für diese Reise mit mir.“ (Titel 2: Sag einfach ja)

Du behauptest von Dir selbst, Du wärst ein großer Fan von unsinnigen Herausforderungen. Bist Du der Meinung, man muss ab und zu etwas Neues wagen – um irgendwann an seinem Platz anzukommen?
Auf jeden Fall. Das Lied „Sag einfach ja“ ist vor allem eine Ermahnung an mich selber. Manchmal sollte man einfach ein Risiko eingehen und sich überraschen lassen. Vielleicht kann man das auch mit meinem Einstieg ins Musikgeschäft vergleichen. Ankommen ist ein schwieriges Wort. Ich mache gerade zumindest genau das, was ich immer machen wollte. Ich stehe also sozusagen am Anfang von meiner kleinen Reise, von dem, was ich immer erreichen wollte. Und das ist eine große Erleichterung.

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„Ich hab heut keine Zeit.“ (Titel 13: Keine Zeit)

Wirst Du auch in Zukunft die Denkerpose einnehmen und melancholische Songs verfassen?
Ich habe keinen genauen Plan, wohin es mich verschlägt. So wie die Songs kommen, werden sie geschrieben. Ich lasse mich selber überraschen, vielleicht wird das nächste Album nur aus Rocksongs bestehen, wer weiß das schon. Es bleibt spannend, auch für mich selber und ich bleibe gespannt, wie das alles wird.

„Und ich laufe. Ich laufe davon. Ich laufe so schnell und soweit ich kann. Und erst wenn ich nichts mehr spüren kann, erst wenn ich nichts mehr spüren kann.“ (Titel 10: Ich laufe)

Warum ist der Song „Ich laufe“ der wichtigste auf Deinem neuen Album?
Ich habe an dem Song eine halbe Ewigkeit herum geschrieben. Er zeigt am besten meinen Versuch, einen bestimmten Moment festhalten zu wollen. Wenn ich das Lied auf einem Konzert spiele, habe ich in 95 Prozent der Fälle, genau dieses Gefühl, dass ich beim Schreiben hatte. Es tritt in mir immer wieder genau so auf.

Tim Bendzko, vielen Dank für das Gespräch.
Weitere Informationen zu Tim Bendzko gibt es unter: timbendzko.de

(Interview: Christina Hubmann / Fotos: Sony Music und Screenshot)
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Über den Autor

Christina Hubmann
Redakteurin

Christina Hubmann wollte eigentlich mal Busfahrer werden, ehe sie sich entschloss, doch "irgendwas mit Medien" zu machen. Schreiben tut sie nämlich schon immer gern. Und wie das Leben ohne dieses Internet funktioniert hat, fragt sie sich schon seit Längerem - erfolglos.

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