Du bist hier: Home » Gesellschaft » Meinungen » Silvester – Party des Jahres oder sozialer Feierzwang?

Silvester – Party des Jahres oder sozialer Feierzwang?

Viel Lärm um Nichts

Jedes Jahr wieder treten die gleichen Probleme auf. Nach den besinnlichen Weihnachtsfeiertagen soll die Party stattfinden, die so schnell keiner vergessen wird. Es werden Unmengen Sekt und Böller besorgt, High Heels angezogen und Wünsche fürs neue Jahr formuliert. Jetzt zählt es, beste Laune zum Feiern zu haben.

Silvester ist nur einmal im Jahr und rechtfertigt sich damit, als Party des Jahrhunderts behandelt zu werden. Schon Monate vorher, wenn noch die warmen Sonnenstrahlen nach draußen locken und der Ventilator auf Abruf bereit steht, wird dieser Tag ins Auge gefasst und erste Gedanken über dieses Fest schwirren im Kopf herum. Wenn nicht ein genialer Urlaub auf eine einsame Insel oder in die Partymetropole ansteht, so wird zumindest darüber debattiert, ob lieber zusammen mit Anna und Susi oder dem neuen Typen gefeiert wird.

Ja nicht zusagen
Etwa drei Monate vor dem Fest des Jahres trudeln die ersten Einladungskarten für die Silvesterparty ein. Ist man selbst nicht einer von denjenigen, die ihr Wohnzimmer für einen stilvollen Galaabend hergeben oder den alten Partykeller mal wieder ausräumen – so stehen erste Entscheidungen an.

Da sich aber gerade in der kalten Jahreszeit, wenn es auf den Winter zugeht, wieder erstaunlich viele alte Freunde melden, von denen man schon lange nichts mehr gehört hat, die aber eine überdimensionale Feier planen, fällt die Wahl schwer. Also hält man sich bis zum letzten Moment alles offen, sagt weder zu noch ab – ist weder von der einen, noch von der anderen Idee begeistert.

Erst werden fleißig Einladungen gesammelt und Kleidchen im Onlineshop durchgeschaut, ehe eine dieser grundlegenden Entscheidungen des Ortes des Geschehens getroffen wird. Während dieser Phase hat man vielleicht schon sein komplettes Outfit zusammen und eine genaue Vorstellung davon, wie die Haare am besagten Abend sitzen sollen, aber seinen Freunden und Bekannten gegenüber keine verbindliche Aussage gemacht.

Gleichzeitig hält man sich aber auch offen, den Abend alleine daheim mit einem guten Buch in der Badewanne zu verbringen, weil man den ganzen Stress plötzlich als sozialen Feierzwang empfindet. Man kommuniziert offen, dass es durchaus möglich wäre, dass der Tag im Grunde wie jeder andere auch ist und wie schön es doch wäre, endlich mal wieder vor Mitternacht ins Bett zu kommen.(Foto: Nathalie Krajnik, jugendfotos.de)

Hype um eine mittelmäßige Feier
Dann aber ist er da, der Abend der Abende, die Party aller Partys. Am Buffet ernährt man sich anfangs nur von den kleinen Schnittchen, um ja keinen dicken Bauch im neuen Kleidungsstück zu riskieren und haut sich später aufgrund von akutem Heißhunger doch wieder die Chips und Salzstängchen rein.

Dazu trinkt man Unmengen von diesem tollen roséfarbenen Sekt, von dem alle sprechen und schmiedet heimlich Pläne fürs neue Jahr. Kurz vor zwölf, wenn alle schon leicht angetrunken sind, begibt man sich auf den Balkon, stellt erste Feuerwerkskörper bereit und hält den gekühlten Sekt zum Einschenken bereit in der Hand.

Sobald die feiernde Gesellschaft mit dem Countdown bei „vier“ angekommen ist, stellt man fest, dass man wieder mal nach der falschen Uhr gegangen ist oder die Nachbarn zu früh ihre Böller in den Himmel schießen – was sie mit ihren Kids schon den ganzen Nachmittag zum Üben getan haben.

Ping! Alle stoßen an, verschicken Unmengen SMS-Nachrichten, die das Netz überlasten; man spricht erste Wünsche fürs neue Jahr aus und erhofft sich, dass genau ab diesem Moment alles besser wird. Nach einer halben Stunde in der Kälte und der Feststellung, dass der Baum die Aussicht auf das Feuerwerk versperrt, findet man sich langsam in dem Club ein.

An diesem Abend gehen alle Menschen dieser Stadt in diese Lokalität und nehmen es auf sich, auf dem Weg zur Bar dreimal angerempelt zu werden und dort eine halbe Stunde auf die Getränke warten zu müssen. Nach einem durchschnittlichen Abend und einer durchgeschwitzten Kleidung überlegt man, in die nächste Bar weiterzuziehen – präferiert aufgrund der Unmengen alkoholisierter Leute auf dem Weg dorthin, allerdings, doch schon nach Hause zu gehen und tritt den Heimweg schließlich barfuß an, da die Taxileitung dauerhaft besetzt und die Schuhe unerträglich geworden sind.

Silvester ist gar nicht so schlimm

Egal, wie der Abend letztendlich verbracht wird, erzeugt er jedes Jahr aufs Neue eine Reihe von Entscheidungen, die getroffen werden müssen und es entsteht doch immer wieder ein Hype darum, dem man schwer entgehen kann. Alleine, weil man mindestens noch die kommenden drei Monate danach die Frage beantworten muss, wo man den Silvesterabend verbracht hat.

Doch unabhängig davon, ob man betrunken ins neue Jahr rutscht oder es sich daheim auf der Couch gemütlich macht, beim zehnten Jahresrückblick oder „Dinner for One“ einschläft und Mitternacht verschläft – man muss endlich einsehen, dass sich Dinge nicht grundlegend ändern, nur, weil ein neues Jahr eingeläutet wurde. Auch die Diätprogramme, das mit dem Nichtrauchen und den anderen guten Vorsätzen lassen sich nicht von heute auf morgen umsetzen.

Vielmehr sollte man den Abend wohl wie jeden anderen auch behandeln; sich freuen, wenn er gut verläuft und nicht enttäuscht sein, sobald er nicht den eigenen Vorstellungen entspricht. Es kann auch nett werden, wenn man sich nicht mit Tausend anderen auf dem Time Square in New York zusammenquetscht und der groß angekündigte Galaabend kann auch in die Hose gehen, sobald einfach keine passende Stimmung aufkommt.

Im Grunde ist Silvester eine Gelegenheit, endlich einen guten Grund für ausgelassenes Feiern zu haben und gleichzeitig, sich vor allem zu drücken, indem man das Argument des sozialen Feierzwangs bringt. Und mal ehrlich: Wann sonst bietet ein Abend so viele Möglichkeiten auf einmal?

(Text: Christina Hubmann)
Download PDF  Artikel drucken (PDF)

Schreibe einen neuen Kommentar

You must be logged in to post a comment.

Über den Autor

Christina Hubmann
Redakteurin

Christina Hubmann wollte eigentlich mal Busfahrer werden, ehe sie sich entschloss, doch "irgendwas mit Medien" zu machen. Schreiben tut sie nämlich schon immer gern. Und wie das Leben ohne dieses Internet funktioniert hat, fragt sie sich schon seit Längerem - erfolglos.

Anzahl der Artikel : 55

© back view e.V., 2007 - 2017

Scrolle zum Anfang