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Seltsamer Kauz ohne viele Worte

Kinoecke: Cheyenne – This Must Be The Place

Diese Figur hält man nicht bis zum Ende des Films aus. Nicht diese träge, hohe Fistelstimme, den schlurfenden Gang, das dick geschminkte Drag-Queen-Gesicht dieses Alt-Rockstars. Und dann, bevor man es merkt, hat man diesen seltsamen Kauz doch schon ins Herz geschlossen.


Sean Penn steht groß auf dem Filmplakat. Doch dass Sean Penn hinter der Schminke steckt, ist schnell vergessen. Man sieht Cheyenne, den alternden Rockstar, der in seiner leeren Luxusvilla von einem Zimmer zum anderen schlurft. In dem High-Tech-Backofen bräunt die Fertigpizza, die zart-ironisch von Cheyennes Frau Jane (Frances McDormand) kommentiert wird: „Du bist halt immer wieder für Überraschungen gut.“

Diese Frau ist ein Wunder: Sie ist zupackend, sportlich, praktisch veranlagt und gleichzeitig liebevoll. Im leeren Swimmingpool fordert sie ein ums andere Mal ihren drogengeschädigten Gatten zum Pelota-Spiel heraus. Cheyenne kennt jede Menge seltsame Menschen; die Beziehungen zu ihnen werden jedoch oft nur angedeutet und nicht vertieft.

Als sein jüdischer Vater, mit dem Cheyenne seit Jahrzehnten nicht geredet hat, stirbt, begibt er sich auf die Reise nach dem Mann, der seinen Vater im Konzentrationslager demütigte und heute irgendwo in den USA lebt. Als versuche er, das Verhältnis zu seinem Vater posthum zu verbessern.

Die Reise tröpfelt so dahin, während Cheyenne auf einige skurrile Figuren trifft. Der Vorteil ist, dass man die beeindruckenden American-Dream-Filmbilder länger genießen kann, die mit Licht und Schatten spielen und Cheyenne ein ums andere Mal eher wie Deko aussehen lassen.

Genau wie Cheyenne nur dann etwas sagt, wenn er etwas zu sagen hat, und lieber schweigt, als leeren Small-Talk zu treiben, erzählt auch der Film nur, wenn er etwas zu erzählen hat. Zwischendrin ist viel Zeit für lange Einstellungen. Doch die Zeit ist nicht verloren: Da der Film nicht alles erklärt, was er zeigt, muss der Zuschauer selbst den Faden weiterspinnen – oder er blickt irgendwann nicht mehr im Netz der Beziehungen durch.

Der Film hat seine Längen, besticht aber durch seine Menschlichkeit und die skurrile Hauptfigur. Ein kleiner Selbstfindungsfilm mit schönen Bildern und viel Weisheit.

Bewertung: 4 von 5 Sternen

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(Text: Anna Franz / Zeichnung: Christina Koormann)

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Über den Autor

Anna Franz
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