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Schwarz-rot-goldene Fähnchen schwingen erlaubt

Kommentar zur Fankultur

Warum man auch bei der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine sein „Fan-Sein” ausleben darf, aber dabei nicht so tun sollte, als sei das Verhalten der Ukraine und die Menschenrechtsverletzungen dort egal.

Eine nichtrepräsentative Straßenumfrage in Frankfurt ergab folgendes Bild: Die meisten waren über die aktuellen Ereignisse in der Ukraine informiert. Allerdings waren die wenigsten für einen sportlichen Boykott der Europameisterschaft in diesem Land – ein Boykott durch Politiker wäre aber in Ordnung.

Eine Passantin sagte zum Beispiel, dass es ein wenig heuchlerisch sei, dass man immer nur Menschenrechte fordere, solange das jeweilige Land im Fokus der Medien stehe und nach solch einem Großereignis sofort wieder zum Tagesgeschäft übergegangen werde.
Recht hat sie meiner Meinung nach – wieso sollten Fußballer sich in die Politik einmischen? Wieso sollten wir die EM wegen der unmenschlichen Haft der ehemaligen ukrainischen Ministerpräsidentin Julia Timoschenko boykottieren, wo sie doch selbst gegen einen Boykott ist? Konnte dass alles bei der Vergabe der EM im Jahr 2007 noch keiner ahnen?

Die letzte Frage muss wohl mit „Ja” beantwortet werden. Und es soll ja auch keinem das Fußballerlebnis (egal ob vor Ort oder in der Heimat) verdorben werden. Es gibt auch viele Gründe, die gegen einen EM-Boykott sprechen – abgesehen davon, dass es dafür jetzt sowieso zu spät ist.
Allerdings fällt mir auf, wie unreflektiert einige Sportler sein können, wenn es um „Politik” geht: Bastian Schweinsteiger und Manuel Neuer von einem Reporter vor einigen Wochen zur Situation in der Ukraine gefragt, antworteten beiläufig, dass sie darüber nicht informiert seien und im Moment andere Sorgen hätten.
Und wie wäre es, wenn Phillip Lahm vorm Spiel ein politisches Statement abgibt, das etwas kritisch ist? So wie Anke Engelke jetzt beim Eurovision Songcontest in Baku in einer unterschwelligen Botschaft sagte, dass sie generell für Wahlfreiheit sei?

Polen wirkt neben der schwachen Ukraine als modernes, weltoffenes Land, dass die Gäste der Europameisterschaft gerne willkommen heißt. Diese „Erfolgsstory” sollte man vor lauter Boykott-Diskussion auch nicht vergessen.

Eigentlich haben die Menschen in der Frankfurter Innenstadt es auf den Punkt gebracht: Die Politik muss sich klar bekennen, der Fußball auch. Allerdings gibt es bei letzterem keine „Boykott-Pflicht” – nur ein bisschen mehr Bewusstsein und politisches Interesse wären auch bei Sportlern wünschenswert.
Das fordert übrigens auch der Chef von Amnesty International, Wolfgang Grenz: „Sportler, Funktionäre und Fans müssen sich zur Ukraine äußern”, sagte er im Interview mit der Wochenzeitung DIE ZEIT – recht hat er – zumindest für mich als „Fan”!

Ein positives Signal hat Österreich gesendet: Wir boykottieren, hörte man vom kleinen Nachbarland. Auch die EU hat auch schon über einen Boykott diskutiert und das angekündigte Boykott der EU-Kommission macht deutlich: Damit, lieber Viktor Janukowitsch, ist die EU-Mitgliedschaft für die Ukraine erst einmal in weite Ferne gerückt.
Geschlossen tritt die Europäische Union aber nicht auf: Die Außenministerin der EU konnte sich nur darauf einigen, sich erst in letzter Minute zu einigen. Angela Merkel hat ihr Fähnchen zwar schon in den „Boykott-Wind” gehängt – entschieden hat sie sich aber auch noch nicht.

Und die Zuschauer, die Fans vor den deutschen Fernsehgeräten? Eigentlich wollte ich mir die EM auch anschauen – und werde es bei den Deutschlandspielen vermutlich auch tun – meine „Fan-Pflicht”, mich kritisch zu äußern, habe ich hiermit hoffentlich erfüllt.

(Text: Nina Nickoll)

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Über den Autor

Nina Nickoll
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