Du bist hier: Home » Politik » Deutschland » Scharfmacher und Bombenleger

Scharfmacher und Bombenleger

Die BILD im Fadenkreuz der Roten Armee Fraktion

Der erste Anruf kam um 15:36 Uhr. „In 15 Minuten geht eine Bombe bei euch hoch!“ Eine Minute sp√§ter derselbe Anrufer mit demselben Text. Im Axel Springer-Hochhaus in Hamburg gelingt die R√§umung des Geb√§udes nicht, die RAF-Bomben verletzen insgesamt 38 Menschen. Der Anschlag auf Springer und sein BILD-Imperium war einer der Vorboten des deutschen Herbstes.


Die Au√üerparlamentarische Opposition (APO) rund um Rudi Dutschke hatte sich Ende der 60er-Jahre schon fr√ľh auf die konservative und repressive Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik eingeschossen. Der Protest entflammte zum ersten Mal in voller Gr√∂√üe, als der Schah von Persien mit seinen Pr√ľgelpersern in der BRD zu Besuch war.

Deutsche Studenten und Protestierende gingen an jenem 2. Juni 1967 auf die Stra√üen, um gegen die Iran-freundliche Politik der Bundesregierung zu demonstrieren. Resultat war eine blutige Schl√§gerei zwischen Demonstranten und zahlreichen Schah-Polizisten, die eigens f√ľr dessen Wohlbefinden eingeflogen worden waren.

„Polizeihiebe auf Krawallk√∂pfe“
Nach dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg wurde von der BILD gehetzt, w√§hrend sich die APO immer weiter radikalisierte. Die BILD schrieb nach den Ausschreitungen mit dem Todesfall Ohnesorgs, dass man „Polizeihiebe auf Krawallk√∂pfe“ durchsetzen sollte, „um den m√∂glicherweise doch vorhandenen Grips locker zu machen.“

Anfang 1968 folgte dann die n√§chste Phase des boulevardschen Dauerfeuers: „Man darf √ľber das, was zur Zeit geschieht, nicht einfach zur Tagesordnung √ľbergehen. Und man darf auch nicht die ganze Dreckarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern √ľberlassen.“

Springer-Blatt als Hassobjekt
Von objektiver Berichterstattung kann hierbei keine Rede sein. Die BILD schoss mit verbalen Salven auf die Studentenbewegung und jegliche Art von zivilem Ungehorsam. Auch dadurch r√ľckte das Springer-Blatt immer weiter in den Fokus – vor allem als Hassobjekt.

Als Demonstranten Plastikbeutel mit Mehl und Eiern f√ľllten und auf Politiker schmissen, machte die BILD daraus einen Anschlag mit „Bomben und hochexplosiven Chemikalien“. Die „sprengstoffgef√ľllten Plastikbeutel“ sollten den US-Vizepr√§sidenten treffen.

1972 geht die Bombe hoch
Der Angriff auf Rudi Dutschke vom 11.4.1968, den dieser schwerverletzt √ľberlebte, war auch Ausl√∂ser f√ľr die Anschl√§ge auf verschiedene Druckereien des Springer-Verlages. Jenen Springer-Verlag und seine rei√üerische und polarisierende Berichterstattung machte die Studentenbewegung f√ľr den Anschlag auf Dutschke
verantwortlich.

Die Gewalt kulminierte dann am 19. Mai 1972, als Vertreter der Roten Armee Fraktion (RAF) zwei Bomben in den Toiletten des Springer-Hochhauses in Hamburg platzierten und damit knapp 40 Menschen verletzten. F√ľr die RAF war es ein Schlag gegen ein imperialistisches Schundblatt, das gnadenlose Hetzjagd auf Dutschke, Studenten und Demonstranten machte. kampf

F√ľnf Sprengs√§tze im Springer-Hochhaus
Das Kommando 2. Juni der RAF hatte insgesamt f√ľnf Bomben im Hochhaus versteckt. Als die zwei Bomben detoniert waren, durchsuchte das BKA die √Ėrtlichkeiten und fand einen weiteren Sprengsatz. Nach einigen Stunden wurde das Geb√§ude wieder ge√∂ffnet, doch einen Tag sp√§ter entdeckte man zwei weitere Bomben in der Herrentoilette und nahe des B√ľros von Axel Springer.

Die RAF bekannte sich unumwunden zum Anschlag, sie lie√ü verlautbaren, dass der Springer-Verlag „lieber das Risiko ein[ging], da√ü seine Arbeiter und Angestellten durch Bomben verletzt werden, als das Risiko, ein paar Stunden Arbeitszeit, also Profit, durch Fehlalarm zu verlieren.“ Hiermit rekurriert die RAF auf die vorangehenden Drohanrufe, auf die keine sofortige R√§umung folgte. W√§re das Geb√§ude sofort evakuiert worden, so h√§tte ein Personenschaden vermieden werden k√∂nnen, so argumentierte die RAF.

Eine Geschichte gegenseitiger Ablehnung
Nach dem Anschlag zeigte auch der Spiegel drei Rohrbomben auf dem Titelblatt mit dem schlagkr√§ftigen und plakativen Zusatz: „Bomben in der Bundesrepublik“. Ferner hie√ü es: „Was mit Transparenten („Haut den Springer auf die Finger“), mit Pudding-, Tomaten- und Eierw√ľrfen begann, mit Molotow-Cocktails und Brandschatzung („Burn, warehouse, burn“) eskalierte, ist jetzt bei Raub, Mord und Totschlag angekommen.“

Der Anschlag auf das Springer-Geb√§ude war nur die Spitze des Eisberges in der Auseinandersetzung zwischen RAF und der BILD. Es ist eine Geschichte von gegenseitiger Ablehnung. Eine Ablehnung, die von beiden Seiten stets ohne Argumente und R√§son gef√ľhrt wurde.

BILD verpasst Objektivität
Die BILD schrieb sich selbst im Jahre 2009 von jeglicher Schuld frei, als herauskam, dass Kurras, der Todessch√ľtze Ohnesorgs, von der Stasi engagiert war. Die BILD verpasste die M√∂glichkeit vom Opportunismus-Zug runterzuspringen und beharrte weiter auf der eigenen Sturheit. Denn nun war man der Meinung, dass der Protest, wie ohnehin stets vermutet, von der DDR damals initiiert war.

Kurras also als Scharfmacher f√ľr den westdeutschen Protest? Die BILD h√§tte es gerne so gehabt und konnte sich bis heute nicht vom rein subjektiven Weltbild entfernen. Eine Chance zur objektiven Aufarbeitung wurde ein weiteres Mal vertan.

(Text: Jerome Kirschbaum, Foto: Tobias Mittmann by Jugendfotos)
Download PDF  Artikel drucken (PDF)

Schreibe einen neuen Kommentar

You must be logged in to post a comment.

√úber den Autor

Jerome Kirschbaum
Ressortleiter Sport

Jerome Kirschbaum schreibt am liebsten √ľber Sport, wenn er denn nicht selbst auf einem Platz steht. Seit Oktober 2010 verdingt sich Jerome als Schreiberling f√ľr back view, neben den Leibes√ľbungen widmet er sich sich auch politischen Themen. Im wahren Leben musste Jerome zahlreiche Semester auf Lehramt studieren, um dann schlussendlich doch etwas ganz anderes zu werden.

Anzahl der Artikel : 118

© back view e.V., 2007 - 2017

Scrolle zum Anfang