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Sadhana Village: Wohnen mit Menschen mit Behinderung

Ein Erfahrungsbericht aus einer Gemeinschaft in Indien

Für ein Jahr durfte ich in Sadhana Village eine Didi sein und in einem Wohnheim mit Menschen mit Behinderung in Indien zusammenwohnen.

Alles ist bunt im indischen Sadhana Village: die Wandfarben der Häuser, die Kleidung der Menschen und das Leben. Die Nichtregierungsorganisation (NGO) hat sich für das Wohl von Erwachsenen mit Behinderung verschrieben.

Sadhana Village

Seit 1994 leben circa 30 sogenannte Special Friends in dem kleinen Dorf, aufgeteilt in fünf Häusern mit je einer Hausmutter und einem Vorlunteer (Didi oder Dada). Jeden Tag kommen Frauen (sogenannte „Mawshees“) aus den umliegenden Dörfern und verrichten den Haushalt. Ich war eine Didi und wohnte im kleinsten der fünf Häuser mit fünf Special Friends zusammen. Meine Aufgabe war es, da zu sein, eine Schwester zu sein. Die Sorgen der Specials zu verstehen, sie zu trösten und mit ihnen zu lachen. Mit der Mawshee den Alltag bestreiten und auch ihre Sorgen anzuhören.

Meine Hausmutter meinte immer: „Wir leben zusammen unter einem Dach. Wir können nichts voreinander verheimlichen“. In Sadhana Village hat dieser Satz noch mal ein anderes Gewicht. Es wird alles geteilt: Das von deinem Geld gekaufte Essen, dein Zimmer, dein Bad, manchmal sogar deine Kleidung. Es gibt kein Ich, es gibt nur Wir.

Sadhana Village: Wohnen mal so ganz anders

Der Wohnstil in Sadhana Village war für mich als luxusgewöhnte Europäerin erst mal eine kleine Herausforderung. Man hat neben den Special Friends und der Hausmutter noch viele andere neue Mitbewohner: Vögel, Ratten Spinnen, Geckos und ganze Ameisenkolonien quer durch die Betten.

Nach einer Dusche sucht man vergebens. Die Mawshee drückte mir zuversichtlich einen Eimer mit einem kleinen Becher in die Hand und nickte mir freudig zu. Erst später entdeckte ich die Genialität dieser Konzeption: Man spart nicht nur unglaublich viel Wasser, sondern es ist Bad, Waschmaschine, Wäschekorb und Fußbad in einem.

Die Einrichtung der Häuser ist sporadisch und indisch. Aufgrund der Feuchtigkeit und aus Gründen der Langlebigkeit gibt es nur wenig Holzmöbel. Eher sind die Räume bestückt mit Metallschränke, Metallbetten, Metallsofas, Metalltischen, Metallstühle, Metallgeschirr und Plastikmatten. Die Toiletten sind wohl das aufregendste und meist diskutierteste Thema unter uns Volunteers gewesen. Auch wieder sehr schlicht: Ein Loch im Boden. Es wird sich auf das Wesentliche beschränkt. Der Rest ist verzichtbarer Luxus.

In der Einfachheit Vielfältigkeit entdecken

Obwohl alles so simpel, so einfach, so rustikal ist, ist das Leben in der Gemeinschaft so vielfältig. Jede Woche ist irgendein anderes Ereignis. Sei es, dass plötzlich ganze Schulklassen ohne vorherige Ankündigungen bei uns einziehen und bewirtet werden müssen oder der Strom und damit auch das Wasser für mehrere Tage ausfallen. Manchmal drückt ein Special Friend einen ganz fest und sagt, wie gerne er dich hat. Ein anderes Mal bekommt man für zwei Stunden unverhofft frei und kann den Sonnenuntergang genießen. Wieder ein anderes Mal wird gefeiert, getanzt und gegessen.

Obwohl … gegessen wird immer. Und auch immer das Gleiche, aber doch mit einer gewissen Vielfalt: Chapati (Brotfladen), Baji (Gemüse) und Soup sind unabkömmliche Bestandteile unserer Nahrung gewesen. Ich habe noch nie Gemüse in so einer Vielfalt an Gewürzintensität und Geschmacksrichtungen gegessen.

Am Ende bin ich es wohl auch selbst, die ihre Vielfalt in der Einfachheit entdeckt hat. In Sadhana Village legt man alle Masken, alle Rollen ab, die man in Europa tragen muss. Man braucht das nicht. Man ist einfach selbst. Und das kann manchmal auch unglaublich bunt sein.

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