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Weltfrieden und die Rückkehr der Einhörner

Kolumne “Der ganz normale Wahnsinn”

Amy Graham schreibt hier in ihrer Kolumne regelmäßig über ihren persönlichen Wahnsinn des Alltags. In dieser Ausgabe geht es irgendwie um Politik, Weltfrieden und Einhörner. Was bedeuten die Parolen des Wahlkampfs tatsächlich?

Ganz normale Wahnsinn„Wen wählst du?“, fragt mich die nette Kollegin aus dem Regionalteil, als ich gerade über den Zeitungsartikel von heute Morgen nachdenke, der dreist behauptet, dass mein geliebter Salat dick macht. Denn angeblich soll der Ceasar‘s Salad von meinen errechneten 2050 Kalorien pro Tag bereits 600 verbrauchen. Und bevor ich das Thema auf den wichtigen Salat und mögliche Fettröllchen lenken kann, enthüllt sie mir ihre eigene Meinung: „Bei mir ist es Angela Merkel.“

Mit schlechtem Gewissen stopfe ich mir ein Salatblättchen und ein Stück Parmesan in den Mund und kläre sie kauend auf, dass Merkel zur letzten Wahl gegen den Mindestlohn und die Maut war, und das Teilelterngeld einführen wollte. Auch sollten das Kindergeld erhöht und der Eingangssteuersatz gesenkt werden. Außer zwei Euro Kindergeld mehr hat sie nichts davon erfüllt. Okay, die Maut ist noch nicht ganz durchgewunken, aber sie ist auch nicht vom Tisch.

Was bedeuten also die Parolen auf den Wahlplakaten? Franz Müntefering hat dazu einmal gesagt, dass es unfair wäre, Politiker an Wahlversprechen zu messen. Demnach ist es offenbar nicht allzu wichtig, was gesagt und anschließend in die Tat umgesetzt wird.

Genau dieses Phänomen hat Die Welt vor circa einem Jahr verdeutlicht, und beschrieb, wie die Bevölkerung in den letzten Jahren unter der Führung der CDU steuerlich weiter belastet wurde. Nachweislich versprochen hat die Union eine Entlastung. Laut einer Auswertung der Huffington Post wurden gar 80 Prozent der Wahlversprechen nicht eingelöst. Dieses Gehabe scheint also normal zu sein und deshalb will ich von meiner Kollegin wissen, warum sie nicht auf Martin Schulz oder auf Simone Peter steht? Naja, ich weiß, dass sie keine Bärte mag, aber Schulz hat immerhin ein sympathisches Lächeln. Übrigens dachte ich bei der Frage nicht im Geringsten an einen möglichen Damenbart bei Simone. Ehrlich. Jedenfalls hat meine Kollegin keine vernünftige Antwort parat.

Wenn ich selbst in Berlin im Ledersessel sitzen und etwas zu sagen hätte, würde ich eine auskömmliche Rente einführen und das Bankensystem umkrempeln. Auch würde ich den Einfluss der Industrie auf den Staat gänzlich stoppen, den Waffenexport auf Null reduzieren, ein gerechtes Gesundheitssystem einführen und den Plastikmüll stark eindämmen. Vielleicht würde ich auch mein Lieblings Foundation Double Wear preislich reduzieren lassen, damit sich jede Frau wie Mireia Lalaguna Royo fühlen kann. Zumindest äußerlich. Und für den Ausgleich der Wölfe sollten die Einhörner in die einheimischen Wälder zurückkehren. Außerdem habe ich noch viele tolle Ideen, wie zum Beispiel den Weltfrieden. Aber deswegen gehe ich nicht in die Politik. Für solche schwierigen Dinge sind andere zuständig. Mir reicht bereits die Anstrengung, alle vier Jahre zu entscheiden, wem ich diese verantwortungsvollen Aufgaben überlasse, und wer ungefähr meine Interessen vertritt.

Letztlich muss ich gestehen, dass ich mir noch keinerlei Gedanken darüber gemacht habe, wo mein Kreuzchen landen wird. Auf dem Weg zur Theke, wo ich mir ein stilles Wasser mit möglichst wenig Mineralien organisiere, weil die angeblich vom Körper überhaupt nicht aufgenommen werden können, werfe ich den Download für den Wahl-O-Mat auf dem Handy an und beginne mit den Antworten der 38 Fragen, noch bevor ich wieder am Tisch sitze. Das Ergebnis wird nicht direkt angezeigt. Ich muss zunächst selbst einige bevorzugte Parteien auswählen und erst dann werden die Ergebnisse mit einer möglichen Übereinstimmung verglichen. Mit dem Zurückknopf habe ich nacheinander alle Parteien auswerten lassen. Das ist etwas umständlich, aber die einzige Möglichkeit alle Parteien mit der eigenen Meinung abzugleichen. Und siehe da: Die größte Übereinstimmung erzielte eine Partei, die ich bis gerade überhaupt noch nicht kannte. Für mich ist diese App jedenfalls keine große Hilfe. Aber wer will schon wegen eines Frage-Antwort-Spiels seine Stimme für die kommenden vier Jahre einer Partei geben? Ich werde mich belesen müssen und Fernsehduells ansehen, die möglichst nicht gescriptet sind.

Bei der Überlegung zur Wahl komme ich ins Grübeln und lasse mich schon wieder von meinen vielen Gedanken ablenken. Es geht dabei nicht einmal um meine Stimme, die ich zur Wahl weggebe, sondern ich stolpere über den Begriff der Wahlurne. Sofort bemühe ich Google und erfahre, dass Urne aus dem lateinischen stammt und Wasserkrug, bzw. Lostopf bedeutet. In unserer Sprache ist die Urne aber gleichbedeutend mit dem Aufbewahrungsbehälter für sterbliche Überreste. Da die deutsche Sprache überaus gewissenhaft ist, verwirrt mich diese Erkenntnis ein wenig. Was macht meine Stimme in einer Urne?

Egal, am 24. September muss ich mich entschieden haben. Schließlich leben wir in einer Demokratie, in der das Volk die Macht besitzt und das Recht auf freie Wahlen hat. Ich werde meine Stimme nutzen, und im Anschluss für meine eigenen Projekte kämpfen, wie ich es immer getan habe. Ich engagiere mich gegen die Hainetze, in denen so viele Delfine jämmerlich verenden, und ich werde im Land der Bäume den Regenwald retten, auch wenn es nur ein paar Euro im Jahr sind, mit denen ich Projekte unterstützen kann.

Immerhin bin ich mir sicher, dass ich manche Probleme selbst in die Hand nehmen muss und nicht alles Merkel oder Schulz überlassen kann. Am besten fange ich sofort mit Sport an, um den Salat und überschüssige Kalorien zu verbrennen. Doch gerade kommt mein Chef in die Kantine und tippt aggressiv auf seine Armbanduhr. Ich weiß genau, was er will. Meine Kolumne ist wieder nicht rechtzeitig fertig geworden. Ich werde sie ganz sicher schreiben. Wenn nicht in dieser Legislaturperiode, dann vielleicht in der nächsten – falls er mich wieder für diese Aufgabe wählt. Denn wir alle haben eine Wahl und werden gewählt. Und jeder kann die Welt ein wenig verbessern, auch wenn die Änderung noch so klein ist. Nur sollten wir stets wissen, was wir tun.

Eure Amy Graham

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Über den Autor

Amy Graham
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