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Riskante Strahlung auf Schiene und Straße

Historischer Blick auf die Castor-Transporte in Deutschland

Das stark polarisierende Thema der Energiepolitik hielt die Menschen in den vergangenen Wochen in Atem. Geht es nun um Atomkraft oder um Kernkraft? Allein die Begrifflichkeiten lassen Rückschlüsse über eventuelle politische Neigungen zu. Seit gut 30 Jahren brennt der Streit über den atomaren Abfall in Deutschland.

Zum Verständnis der Thematik Castor-Transporte sollte zunächst die folgende Erklärung dienen: Was heißt Castor? „Cask for storage and transport of radioactive material“, also „Fass zur Lagerung und zum Transport radioaktiven Materials“. Die Behälter haben eine Länge von sechs Metern, einen Durchmesser von zwei Metern und ein Gewicht von 110 Tonnen. Aufgrund der gefährlichen Inhalte, müssen sie strengen Richtlinien und Vorschriften genügen.

Der Castor-Transport von damals bis heute
Unter dem damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer wurde 1955 das „Bundesministerium für Atomfragen“ gegründet – das heutige „Bundesministerium für Bildung und Forschung“. Spätestens zu diesem Zeitpunkt begann die öffentliche und kontroverse Auseinandersetzung mit dem Thema Kernenergie. Das Ministerium setzte sich die „friedliche Nutzung der Kernenergie“ zur Aufgabe. Damals sprach die Politik von einer „Energieversorgung der Menschheit auf ewige Zeiten“.

Von 1977 an brennt nun die Diskussion über den Zwischenlagerstandort Gorleben noch bis heute. In diesem Jahr hat der damalige Ministerpräsident Niedersachsens Ernst Albrecht verkündet, dass in Gorleben ein nukleares Entsorgungszentrum entstehen soll. Damals ging es nicht nur um Gorleben als Zwischenlager, sondern es wurde auch über einen möglichen Standort als Wiederaufbereitungsanlage und Endlager diskutiert.
Die Proteste kamen allmählich ins Rollen und zwei Jahre später hält der Bauer Heinrich Pothmer die berühmte Rede vor 100 000 Demonstranten, bei der er verkündet: „Mein lieber Herr Albrecht, wir wüllt dien Schiet nicht hem!“. Kurz darauf werden die Pläne der Errichtung einer Wiederaufarbeitungsanlage begraben.

Zwei Jahre – bis 1983 – dauert schließlich der Bau des Zwischenlagers in Gorleben. Am 8 Oktober 1984  erreicht der erste schwach radioaktive atomare Abfall Gorleben. Als am 25. April 1995 der erste Castor-Behälter aus dem baden-württembergischen Kernkraftwerk Philippsburg ankommt, wird dieser vom bis dahin größten Polizeieinsatz in der Geschichte der Bundesrepublik begleitet. Zwischenzeitlich, im April 1995, wurde erstmals hochradioaktives Material nach Gorleben transportiert.

Im November 2000 sieht es kurzfristig so aus, als könne Ruhe in Gorleben einkehren, denn die rot-grüne Regierung beschließt den zehnjährigen Stopp der Erkundungen des Zwischenlagers als mögliches Endlager. In dieser Zeit kommen immer wieder Transporte mit dem nuklearen Müll in Gorleben an – begleitet von Protesten und Aufständen. Die nächste Groß-Demonstration findet 2009 statt: ein Anti-Atom-Treck von Gorleben nach Berlin, der mehrere Tage dauert.

Wieso die Entscheidung für Gorleben?
Warum damals Gorleben und keine andere Stadt als Zwischenlagerstandort festgelegt wurde, wird derzeit von der Regierung geprüft. Viele Gegner behaupten, es hätten damals rein politische Gründe zu der Entscheidung geführt, die keinen Raum für ein objektives geologisches Gutachten gelassen hätten. Seit März 2010 gibt es dazu einen „Gorleben-Untersuchungsausschuss“.

Was sich jüngst in der Geschichte der Castor-Transporte ereignet hat, reiht sich eindrucksvoll in die Chronik ein. Die größte Protestaktion bisher, die mehrere Tage andauerte, beschäftigte Gesellschaft und Politik in den vergangenen Tagen mehr denn je und stellte mit seiner Medienpräsenz selbst das brisante Thema Stuttgart 21 in den Schatten.

(Text: Martina Gewehr)
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