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„Ich habe die Massengräber gesehen“

Interview mit Bundeswehrsoldat Hanno Muckenheim

Hauptmann Hanno Muckenheim ist kein knallharter Drillsergeant wie man ihn aus amerikanischen Kriegsfilmen kennt. Vielmehr tritt er als bodenständiger, souveräner und intelligenter junger Mann auf. Mit back view spricht er über seine Auslandseinsätze im Kosovo, den Tod, aktuelle Kriege und Frauen in der Bundeswehr.

back view: Gibt es heutzutage noch genug junge Menschen, die sich freiwillig verpflichten, oder muss die Bundeswehr hier viel Überzeugungs- und Werbearbeit leisten?
Hanno Muckenheim:
Wir müssen grundsätzlich immer für die Leute werben, da es bei uns ja nicht nur auf die Quantität ankommt, sondern eben auch auf die Qualität der Bewerber. Wir stehen immer in Konkurrenz zu dem normalen Arbeitsmarkt und wollen natürlich auch die guten Leute mit Potenzial haben. Deswegen machen wir schon immer Werbung für die Armee. Dafür gibt es speziell die  Wehrdienstberater, die an die Schulen gehen und über den Arbeitgeber Bundeswehr informieren.

BundeswehrWie sieht es aktuell aus? Gibt es durch die Wirtschaftskrise mehr oder weniger Zulauf?
Wie bei fast jeder Armee auf der Welt verzeichnen auch wir durch die Wirtschaftskrise bei der Bewerberzahl einen deutlichen Anstieg. Hier spielt das Stichwort „sicherer Arbeitsplatz“ eine wichtige Rolle. Wer sich nun mal für acht Jahre verpflichtet, der hat auch acht Jahre lang einen sicheren Job.
Bei der Bundeswehr wird eben keiner wegen Kurzarbeit oder Ähnlichem entlassen. Das lockt viele an. Daher haben wir dieses Jahr viele Bewerber, aber in Bereichen der spezialisierten Leute, zum Beispiel bei den Piloten oder Ärzten, haben wir einen riesigen Bedarf, der manchmal schwer zu decken ist.

Welche Rolle spielen hier die Wehrpflichtigen? Entscheiden sich durch den Wehrdienst viele für den Bund?
Ja, etwa 35 Prozent derjenigen, die sich länger verpflichten, also freiwillig Soldat werden, kommen aus den Wehrpflichtigen. Wenn man sich jetzt eine Abschaffung der Wehrpflicht vorstellt, wofür es mit Sicherheit einige Gründe geben mag, muss man bedenken, dass man diese 35 Prozent zusätzlich vom Arbeitsmarkt abwerben müsste. Und dies dürfte sehr schwierig werden, vor allem was die Qualität der Bewerber angeht. Hierzu sieht man Beispiele in Großbritannien. Dort wurde die Wehrpflicht abgeschafft und eine Zeit lang wurde dann einigen Gefängnisinsassen angeboten, statt zum Beispiel vier Jahren Knast – vier Jahre lang in die Armee zu gehen. Jetzt kann man sich als Bürger überlegen, ob man das will oder nicht. 

Zur Person Hanno Muckenheim
Hanno Muckenheim ist 29 Jahre jung und seit 1999 bei der Bundeswehr. Dort beendete er 2002 seine Ausbildung zum Offizier und studierte anschließend bis 2006 Staats- und Sozialwissenschaften. Seine Auslandseinsätze führten ihn unter anderem im Sommer 2006 und 2007 in den Kosovo. Hier war er zur Stabilisierung der Lage als Drohnen-Flieger tätig – er steuerte also vom Boden aus unbemannte Aufklärungsflugzeuge. Heute ist er Jugendoffizier in Stuttgart. Als dieser steht er vor allem jungen Erwachsenen als Ansprechpartner zur Verfügung, betreibt Öffentlichkeitsarbeit für die Bundeswehr und geht so zum Beispiel in Schulklassen und steht dort den Schülern Rede und Antwort. Dabei wirbt er allerdings nicht nur für die Bundeswehr, „das machen andere“, wie er sagt. Aber es wird deutlich, dass ihm seine Arbeit Spaß macht. Er steht hinter der Bundeswehr und ihren Prinzipien, erkennt jedoch auch ihre Probleme und Schwächen. (Das Interview fand am 26. November 2009 statt)

Wie sehen Sie die Berichterstattung von Konflikten in den Medien? Stimmen Realität in den Krisengebieten und die Darstellung in den Medien überein?
In meinen Augen ist das bei den Krisen – genauso wie bei allen anderen Berichterstattungen – meistens sehr subjektiv und selektiv. Natürlich haben wir eine freie Presse und man kann, wenn man sich Mühe gibt, über einzelne Themen auch verschiedene Meinungen finden, aber man muss schon sehr vorsichtig sein. Ich habe schon oft, auch bei großen und grundsätzlich seriösen Zeitschriften wie dem „Spiegel“, den Kopf geschüttelt wenn es um Bundeswehrthemen ging, bei denen ich mich selbst auskenne. Grundsätzlich stimmt es schon mehr oder weniger was man da liest, aber man sollte sich immer die Frage stellen: Was wird vielleicht einfach weggelassen?

War die Mediendarstellung beim Luftangriff auf den Tanklaster in Afghanistan Ihrer Meinung nach korrekt oder wurden auch hier wichtige Fakten weggelassen?

Wenn es um den Oberst geht, der den Luftangriff befohlen hat, kann man allerhand lesen. Aber hat man mal irgendwo gelesen, ob er denn letztlich irgendeine Auswahl an einsetzbaren Mitteln hatte? Also sprich: Konnte er groß entscheiden, zwischen „Schick ich da Soldaten hin oder ein Flugzeug oder lasse ich es gleich bombardieren“? Darüber hat man wenig gelesen, eigentlich fast gar nichts. Dabei hatte er in der Realität, soweit ich weiß, gar keine Wahl, was die Mittel anging. Er hätte entweder gar nichts machen können oder bombardieren. Natürlich kenne auch ich nicht alle Fakten zu diesem Fall. Und das ist in meinen Augen zum Beispiel eine etwas einseitige Berichterstattung.

Welchen Hintergrund hat in diesem speziellen Fall diese kurz gebundene Fassung?
Meiner persönlichen Meinung nach hat dies einen politischen Hintergrund. Wenn man nämlich plötzlich sagt, der hatte ja nicht ausreichende Mittel, dann muss man sich auch fragen: Warum denn nicht? Das liegt eben unter anderem daran, dass die deutsche Regierung entschieden hat, dass gewisse militärische Mittel nicht zur Verfügung stehen. Die Deutschen haben dort unten keine Kampfhubschrauber, keine Artillerie und so weiter. Weil das sieht ja so nach Krieg aus. Also können wir sie auch nicht einsetzen, d.h. wir müssen im Zweifelsfall auf die Alliierten zurückgreifen, und dann stehen uns eben nur Kampfflugzeuge zur Auswahl, die wiederum nur bombardieren können. Ein Hubschrauber könnte da zum Beispiel etwas gezielter wirken, ohne dass gleich der ganze Tanklaster explodiert.
Das sind alles Aspekte, die mir bei diesem Fall zu kurz gekommen sind. Allgemein ist es auch ein bisschen die Aufgabe des mündigen Bürgers, bei allen Themen zu schauen, dass man nicht nur eine Meinung mitbekommt. Ich sage nur: „Bild dir deine Meinung!“

Der Kosovoeinsatz war und ist ja immer noch sehr umstritten. Wie war Ihre Meinung dazu, als Sie selbst dort waren? Empfanden Sie das Eingreifen der NATO als gerechtfertigt oder war der Einsatz nicht zwingend notwendig?

Ich habe ja jetzt moralisch-rechtlich den „Vorteil“, dass mein Einsatz völkerrechtlich abgedeckt war. Darüber musste ich mir also keine Gedanken machen. Was ich vor Ort allerdings gesehen habe, waren die Massengräber und die Friedhöfe mit Geburtsdaten von 6 Monate bis 99 Jahren alt. Hier sind also ganze Familien an einem Tag gestorben. Ich habe auch Bilder gesehen, die die Bevölkerung von diesem Massaker noch hatte. Das konnte also nicht alles nur gestellt sein und es gab eben ansatzweise einen Völkermord und in meinen Augen war es somit gerechtfertigt, dort einzugreifen.
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Wie war im Kosovo die Reaktion der Bevölkerung auf deutsche Soldaten?
1999 hat die Bevölkerung die NATO allgemein ja wirklich als Befreier umjubelt. Das ist auch bis heute mehr oder weniger die Meinung. Mittlerweile gehören wir aber schon fast dazu, für die Bevölkerung ist es nichts Besonderes mehr, dort einen Soldaten zu sehen. Allgemein sind sie uns sehr freundlich gesinnt.

Zu Afghanistan: Sind Sie dort für einen Abzug oder für eine Beibehaltung der Truppen?
Natürlich bin ich so wie fast jeder für einen Abzug der deutschen Truppen aus Afghanistan. Die Frage ist nur: Wann? In meinen Augen gibt es da keine klare Antwort. Afghanistan ist ein so komplexes Thema, dass es da nicht DIE perfekte Lösung gibt und diese gibt es ganz bestimmt auch nicht in den nächsten 2 – 3 Jahren. Wenn man überlegt, dass wir im Kosovo, der ganz andere Voraussetzungen hatte, schon seit 10 Jahren sind oder in Bosnien schon seit Mitte der 90er Jahre, kann man sich vorstellen, wie lange das in Afghanistan dauern wird, welches viel zerstörter ist. Deswegen sage ich: Ja, man muss den Abzug im Auge behalten und man muss letztlich jeden Tag die aktuelle Strategie überprüfen. Aber ich bin auch fest davon überzeugt, dass wir in den nächsten Jahren nicht auf einen militärischen Einsatz verzichten können. Wenn wir uns jetzt zurückziehen, dann bricht dort alles zusammen.

Die Frage, ob in Afghanistan nun Krieg herrscht oder nicht, scheint immer noch unbeantwortet zu sein. Stimmen Sie persönlich denn Verteidigungsminister Gutenberg zu, dass in Afghanistan „kriegsähnliche Zustände“ herrschen oder vielleicht sogar „Krieg“?

Wenn der Minister sagt, dass dort Krieg oder kriegsähnliche Zustände herrschen, dann bin ich ganz froh, dass er das sagt, denn das wird der Lage dort und den Soldaten gerecht. Ich finde, er hat das sehr schön dargestellt, warum das mit dem Begriff „Krieg“ so kompliziert ist. Er hat ja gesagt, dass der einfache Bürger und auch der einfache Soldat es als Krieg empfinden, wenn auf einen geschossen wird und man selbst zurückschießt. Diesen Zustand haben wir dort, zumindest in der Region Kundus. Kriegsähnliche Verhältnisse haben wir also schon, dass er jedoch nicht von Krieg im klassischen Sinne reden kann, liegt einfach daran, dass es dafür rechtliche Definitionen gibt. Völkerrechtlich bedeutet Krieg, wenn zwei souveräne Staaten gegeneinander kämpfen. Und das haben wir so nicht gegeben. Wäre Deutschland im Krieg, dann müsste zum einen der Verteidigungsfall ausgerufen werden und zum anderen läge dann das Oberkommando nicht mehr beim Verteidigungsminister, sondern bei der Bundeskanzlerin. Es gäbe also einige Änderungen. Deswegen ist das Ganze so kompliziert, wir können nun mal im Sprachgebrauch der Regierung nicht von Krieg sprechen.

Werden Soldaten Ihrer Meinung nach vor einem Auslandseinsatz kulturell und psychologisch ausreichend ausgebildet?
Soldaten werden zusätzlich zur allgemeinen Einsatzvorausbildung speziell auf das Einsatzland vorbereitet, bei mir waren das z.B. zwei bis drei Tage. Die gesamte Auslandsvorausbildung kann über ein halbes Jahr lang gehen. Tod und Verwundung werden dort auch thematisiert. Jeder Soldat wird beispielsweise, bevor er nach Afghanistan geht, explizit darauf hingewiesen, ein Testament auszufüllen. Ein junger Mensch hat meistens ja kein Testament, aber so muss man sich schon vorher damit auseinander setzten und das wird auch besprochen. Zusätzlich gibt es Psychologen, die mit auf die Einsätze gehen. Prinzipiell finde ich diese Vorbereitungsmaßnahmen ausreichend.

Spielt die psychische Verfassung von Soldaten, die aus einem Einsatz zurückkommen, seit Afghanistan eine größere Rolle?
Ja. Vorher ging es wenig um das Thema „Posttraumatisches Belastungs-Syndrom“, also dass Soldaten wiederkommen und psychisch ge- oder verstört sind. Dieses Syndrom ist ja schon spätestens seit dem Vietnam-Krieg bekannt, aber die Bundeswehr hatte vor Afghanistan dieses Problem schlichtweg nicht oder nur sehr vereinzelt, weil wir nicht in eine solche Situation gekommen sind. Heute haben wir ein eigenes Zentrum, welches sich nur um solche Soldaten kümmert. Ich kenne zwar keinen, der davon betroffen ist, aber ich denke, dass das so ganz gut funktioniert.

Wie würden Sie reagieren, wenn Sie nach Afghanistan geschickt werden würden? Hat man als Soldat überhaupt ein Mitspracherecht wohin man möchte, bzw. nicht möchte?

Ich persönlich hätte kein Problem damit, nach Afghanistan zu gehen. Zum einen weil ich hinter diesem Einsatz stehe und zum anderen interessiert es mich einfach, wie es vor Ort dort aussieht. Ich rede sehr viel darüber und kenne viele Leute, die dort waren. Dementsprechend fände ich einen Einsatz dort für mich selbst sinnvoll, um mir ein eigenes Bild zu machen. Natürlich ist es gefährlich, aber wer freiwillig Soldat wird, der meldet sich auch freiwillig für die Auslandseinsätze. Das gehört zu unserem Beruf dazu. Wer Feuerwehrmann wird, kann, wenn es brennt, auch nicht sagen: „Oh, jetzt wird es heiß und gefährlich, fahrt ihr mal, ich bleibe hier am Funk sitzen.“
Deswegen ist es grundsätzlich Pflicht zu gehen. Man hat zwar manchmal noch die Möglichkeit mit einem anderen Soldaten Zeitraum oder Einsatzort zu tauschen, aber ohne Befehl und Gehorsam würde es ja sonst nicht funktionieren. Man stelle sich vor, ein Hubschrauberpilot, von denen es nur wenige gibt, weigert sich nach Afghanistan zu gehen, weil es ihm dort zu staubig und zu sandig ist.

Seit 2001 sind auch Frauen Teil der Bundeswehr. Werden diese Ihrer Meinung nach tatsächlich gleich behandelt wie ihre männlichen Kollegen?
Grundsätzlich werden sie gleich behandelt und ich glaube, dass es im Moment keinen anderen Arbeitgeber in Deutschland gibt, der so massiv auf die Gleichstellung der Frau achtet, wie die Bundeswehr. Viele Soldaten sind schon so „groß geworden“, sodass sie die Bundeswehr nur mit Frauen kennen. Natürlich gibt es auch bei uns Soldaten, die es sich nicht vorstellen können, mit einer Frau zusammenzuarbeiten. Doch wenn dann in der Realität die erste Frau auftritt, sind sie dann plötzlich doch ganz nett zu ihr. Mit der Entscheidung, dass Frauen seit Januar 2001 überall tätig sein können, hatten wir und haben wir immer noch manche Probleme, aber es funktioniert relativ gut.
In vielen Bereichen spielt es auch bei der Bundeswehr keine Rolle, ob man Mann oder Frau ist. Beispielsweise spielt das Geschlecht keine Rolle, wenn es darum geht, eine Drohne zu steuern. Nur bei den Spezialeinheiten gibt es aufgrund der körperlichen Voraussetzungen keine Frauen. Es gibt ja auch eine Frauenquote, also dass man immer dann, wenn es zwei Bewerber, einen Mann und eine Frau, mit den gleichen Qualifikationen für dieselbe Stelle gibt, die Frau bevorzugt wird. Ich habe manchmal das Gefühl, es wird in solchen Situationen grundsätzlich die Frau bevorzugt, aber das ist glaube ich eine „Anfangskrankheit“, die man in allen Berufen hatte, in denen Frauen das erste Mal waren. Wir haben derzeit knapp neun Prozent Frauenanteil und angepeilt sind 15 Prozent.

(Interview und Fotos: Julia Jung)
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Über den Autor

Julia Jung
Stellvertretende Chefredakteurin und Ressortleiterin English

Hauptberuflich ist Julia Weltenbummlerin, nebenberuflich studiert sie Politik. Wenn sie nicht gerade durch Australien, Neuseeland, Südafrika oder Hongkong reist, schreibt sie ein paar Zeilen für back view und das schon seit 2009.

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