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„Fernsehen ist Diktatur“

Comedian Serdar Somuncu im Interview

Nach 25 Jahren auf der B√ľhne geh√∂rt Serdar Somuncu mittlerweile fast schon zum alten Eisen. Der 42-J√§hrige z√§hlt zu den umstrittensten Comedians in Deutschland. Im Interview mit Konrad Welzel spricht er √ľber seinen Auftrag auf der B√ľhne, Facebook, Angela Merkel und wieso seine Fernsehauftritte so gut wie immer zensiert werden.

back view: Sie stehen mittlerweile seit 25 Jahren auf der B√ľhne – wer hasst da mehr? Die Welt Sie oder Sie die Welt?
Serdar Somuncu: Das ist schwer zu beantworten. Ich hasse niemanden und ich glaube auch nicht, dass mich viele hassen. Das Hassen ist ein Teil meiner Rolle, welche sich im Laufe der Zeit bei den Zuschauern als Markenzeichen etabliert hat. In meinem B√ľhnenprogramm spreche ich √ľbrigens auch viele Nicht-Hass-Passagen.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat im April geschrieben: ‚ÄěSerdar Somuncu hat ein Problem mit Homosexuellen. Er macht daraus auch keinen Hehl. Aber weil er als Kabarettist auftritt, denken die, die nicht mitlachen, er meint das ironisch.“ Man mag auf solche Gedanken kommen, wenn man irgendwelche Ausschnitte auf YouTube von Ihnen sieht. Aber wer einmal in Ihrem Programm war, wei√ü doch, dass die FAZ hier einfach Ihr Anliegen nicht versteht?
Ach, die FAZ interessiert mich auch gar nicht – wer da sitzt und irgendwas verstehen will oder auch nicht. Mir geht es um Aufkl√§rung der Leute. Sie sollen mit meinem Programm zu selbstst√§ndigem Denken angeregt werden. Und sich eben nicht von irgendwelchen Meinungsmachern f√ľhren und lenken lassen. Und ob ich Schwule weniger mag, als Schwarze oder Behinderte kann jeder selbst entscheiden, der dazu in der Lage ist, zu abstrahieren und meine Rollte getrennt von meiner Person zu betrachten. Erst in der Ma√ülosigkeit der Beleidigung entsteht die Distanz zur eigenen Befindlichkeit. Deswegen diskriminiere ich auf der B√ľhne auch alle – um es niemandem Recht zu machen. Das bedeutet f√ľr mich wahre Toleranz. Bringt aber auch Widerspr√ľche mit sich.

Warum findet man dann solche falschen Einschätzungen auch auf Ihrer Webseite als Pressehinweis?
Weil wir einfach fast alles veröffentlichen. Jeder Zuschauer, jeder Journalist und jeder Leser hat ein Recht darauf, seine eigene Meinung loszuwerden. Das heißt ja dann noch lange nicht, dass auch ich das lese.
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F√ľhlen Sie sich noch oft missverstanden von den Medien und der √Ėffentlichkeit oder ist Ihnen das mittlerweile egal?
Das ist mir erstens wirklich egal. Zweitens gibt es da keinen allgemein g√ľltigen Durchschnitt. Manche finden es richtig was ich tue, manche sind beleidigt. Ich mache meine Selbsteinsch√§tzung als K√ľnstler nicht abh√§ngig vom Urteil des Betrachters. Man kann einem Maler ja nicht vorwerfen, dass einem das Bild nicht gef√§llt. Da muss es schon noch eine gewisse k√ľnstlerische Freiheit geben. Und letztlich geht es mir vor allem um die Freude an der Auseinandersetzung mit mir selbst.

Ist es nicht auch gefährlich, Themen auf Ihre Weise anzugehen? Sie haben doch durch Ihre Hasspredigten sicherlich mehr Feinde als ein Mario Barth, der nur seine eigene Freundin schlecht macht?
Das kann ich so gar nicht sagen. Fakt ist, Mario Barth hat auf jeden Fall mehr Zuschauer als ich. Deshalb wird er auch mehr Feinde haben. Wenn √ľberhaupt welche etwas falsch finden, was ich tue, dann sind es h√∂chstens mal irgendwelche Mullah’s, Nazis oder Schwule, die sich angegriffen f√ľhlen, weil ihr Differenzierungsverm√∂gen sie im Stich gelassen hat und sie mein Programm benutzen wollen, um auf sich aufmerksam zu machen. Aber das ist eine verschwindend geringe Menge. Ich w√ľrde sagen, dass mich 99 Prozent der Menschen in meinem B√ľhnenprogramm auch verstehen.

Sie sagen auf der B√ľhne selbst: ‚ÄěIch kann niemanden kl√ľger oder d√ľmmer machen – die Realit√§t ist immer schlimmer“, aber dennoch ist doch Ihr Anspruch, Menschen zum Nachdenken anzuregen. Warum funktioniert das besser durch laute Diskriminierungen?
Zun√§chst einmal stehe ich auf der B√ľhne nicht zwei Stunden schreiend vorne und fauche jeden an, sondern doziere ja fast nur. Ein Abend mit Serdar Somuncu ist immer eine Mischung aus zwei Dingen. Einerseits reflektiere ich meine Gedanken √ľber Gott und die Welt grob und vulg√§r, wie ich sie empfinde, aber der wesentlichere Teil ist das, was ich daraus schlussfolgere: n√§mlich, dass die Vulgarit√§t und Grausamkeit der Realit√§t durch kein B√ľhnenprogramm zu toppen ist und w√§re es noch so drastisch. Ich gebe also die Realit√§t persiflierend wieder. Ich denke diese Kombination ist das Erfolgsrezept. Wenn ich nur laut diskriminieren w√ľrde, dann w√§re ich ein dummer Clown.

Was sagen Sie dann zu dem Vorwurf, dass Sie nur ein ganz bestimmtes Publikum ansprechen w√ľrden?
Das ist auch so ein Punkt, der √∂fter genannt wird. Jetzt finden die Kritiker keinen Grund mehr, an mir zu m√§keln, deshalb behaupten sie, dass meine Zuschauer immer asozialer werden und verlagern ihre herablassende Arroganz auf mein Publikum. Soll ich mich etwa an den Eingang stellen und sagen ‚ÄěNein, du bist dumm, du kommst hier nicht rein“? Solange mein Publikum nachdenken kann, darf es auch herzhaft lachen. Mein Anspruch funktioniert auch bei anspruchslosen Menschen.

Sie haben auch die T√∂tung von Osama bin Ladens aufgegriffen und sich √ľber die Aussagen der Bundeskanzlerin beschwert. Wieso ist es falsch, einen M√∂rder zu t√∂ten?
Weil es verboten ist. Wir leben schlie√ülich in einem Rechtsstaat und nicht im Wilden Westen. Eine deutsche Bundeskanzlerin, die noch dazu einer christlichen Partei angeh√∂rt, darf sich einfach nicht hinstellen und sagen, dass sie sich √ľber die Ermordung eines Menschen freut. Sowohl das Grundgesetz als auch die zehn Gebote sprechen gegen Mord und Rache – daf√ľr sollte Frau Merkel eigentlich stehen. Diesen Widerspruch prangere ich an, auch wenn es um einen internationalen Terroristen geht.

serdar_text2Sie halten die FDP f√ľr die ‚Äěschlimmste Partei der Welt“ – wird das mit R√∂sler als Wirtschaftsminister besser oder schlechter?
Das ist vollkommen egal – da gibt es nichts mehr zu retten. Die W√§hler stimmen mir ja laut Umfragewerten auch zu. Die FDP bekommt im Moment einfach die Quittung f√ľr ihre verlogene Politik der vergangenen Jahre. Wenn ein Guido Westerwelle vor der Wahl Versprechungen macht – sei es um die W√§hlerstimmen zu gewinnen oder auch nur an der Macht zu bleiben – und die danach nicht einmal versucht einzuhalten, dann ist das Betrug. Ich bin der Meinung, dass wir die FDP als Partei in Deutschland nicht brauchen.

Haben Sie eigentlich einen Comedian als Vorbild?
Nein, ich interessiere mich nicht f√ľr Comedians und ich schaue mir solche Programme auch nicht an.

Sie sagen selbst, dass Sie der ‚Äěmeist gedrehte und am wenigsten gesendete Comedian im deutschen Fernsehen sind“ – ist das wirklich so? Schlie√ülich wei√ü man bei Ihnen doch, was man bekommt?
Das ist auf der einen Seite nat√ľrlich ironisch gemeint – aber andererseits wissen das offensichtlich auch nicht alle. Im deutschen Fernsehen werden gef√§llige K√ľnstler gew√ľnscht. Und bei Leuten wie mir bekommen viele Verantwortliche oft Muffensausen. Es geht im Fernsehen n√§mlich nicht darum, was die Zuschauer sehen wollen, es geht um Geld und Macht. Und wenn meine Kunst den Profit gef√§hrdet, wird zensiert. Fernsehen ist Diktatur.

Und werden Sie dann doch eingeladen, dann wird das nicht gesendet?
Sender wie der WDR zum Beispiel laden mich grunds√§tzlich nicht ein. Bei denen stehe ich auf der schwarzen Liste einiger reaktion√§rer Redakteure, die sich gerne schon mal erlauben, sich √ľber den Geschmack des Publikums hinwegzusetzen und ihren √∂ffentlich-rechtlichen¬† Auftrag einer parteipolitischen R√§son zu opfern. Bei allen Sendern geht es letztlich nur darum, welche Unternehmen und Lobbyverb√§nde dahinter stehen. Wenn es im Anschluss meines Auftrittes einen Werbespot der Bahn gibt, darf ich als K√ľnstler auch nicht √ľber die herziehen.

Wird das vorher schon abgesprochen? Oder einfach im Anschluss zugeschnitten?
Das bekommen die Zuschauer ja nicht mit. Aber es gibt in den letzten Jahren fast keinen Auftritt von mir, der nicht zensiert wurde. Egal welche Sender und welche Shows.

Sie ziehen ja sehr negativ √ľber die Facebook-Generation her, selbst senden Sie aber auch einige ‚ÄěKackw√ľrste“ ins Netz. Es geht also auch nicht ohne?
Nein, aber viele Menschen verlieren sich doch vollst√§ndig in der Isolation dieser Netzwerke. Ihnen wird aus reiner Profitgier suggeriert, Teil einer Gemeinschaft zu sein, dabei kann man Freundschaften nicht √ľber das Netz kn√ľpfen. Grunds√§tzlich ist das Internet wunderbar f√ľr einen schnellen Informationsaustausch. Aber viele verwechseln es mit dem wahren Leben.

Eine letzte Frage, die bei Ihrem B√ľhnenprogramm offen bleibt: ‚ÄěD√ľrfen Veganer einen Schwanz in den Mund nehmen?“. D√ľrfen Sie denn?
Darauf gibt es leider noch keine Antwort. Das wird unter den Veganern tats√§chlich noch in Internetforen heftig diskutiert. Ich werde es aber bekannt geben, sobald es eine L√∂sung gibt – und das dann selbstverst√§ndlich auch √ľber bei Facebook.
 
Vielen Dank f√ľr das Gespr√§ch.

Weitere Informationen zu Serdar Somuncu unter: sommuncu.de
Die DVD zum B√ľhnenprogramm ‚ÄěDer Hassprediger – hardcore live“ ist im Handel erh√§ltlich.

(Interview: Konrad Welzel / Fotos by somuncu.de)


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√úber den Autor

Konrad Welzel
Gr√ľnder und Chefredakteur von back view

Konrad hat back view am 06. April 2007 gegr√ľndet - damals noch in diesem sozialen Netzwerk StudiVZ. Mittlerweile tobt sich Konrad ganz gerne im Bereich Social Media aus und versteht Menschen ohne ein Facebook-Profil nicht - daf√ľr ist er viel zu neugierig!!!

Anzahl der Artikel : 158

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