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„Diese Kinder kennen und haben keine Kinder“

Menschenrechtler J√ľrgen Klimke im Gespr√§ch mit back view

Als Mitglied des Deutschen Bundestags und Beauftragter f√ľr Menschenrechtler der CDU spricht J√ľrgen Klimke mit back view √ľber das Thema Kindersoldaten. Er wei√ü, wieso Kinder in manchen L√§ndern keine andere Wahl haben und wie schwierig die Arbeit von Deutschland aus ist.

back view: Junge Westeurop√§er haben heute meist weder Erfahrungen mit Kriegssituationen noch mit der t√§glichen Angst um ihr eigenes Leben. In welchen Situationen befinden sich Kinder, die als Soldaten in den Krieg ziehen m√ľssen?
J√ľrgen Klimke:
Diese Kinder m√ľssen unvorstellbares physisches und psychisches Leid durchleben. H√§ufig werden sie – insbesondere die M√§dchen – vergewaltigt und sexuell versklavt. Auch Folter, Misshandlungen und Hinrichtungen bei Verweigern der Anweisungen sind auf der Tagesordnung. Durch das Verabreichen von Drogen werden die Kinder gef√ľgig gemacht. Sie geraten so in eine vollst√§ndige Abh√§ngigkeit zu ihren ‚ÄěHerren“. Sie haben keine Ausbildungs- und Entwicklungsm√∂glichkeiten, die sie zu verantwortlichen Menschen in der Gesellschaft erziehen, wenn sie aus diesem Joch der Ausbeutung und Unterdr√ľckung nicht herausgeholt werden. H√§ufig leiden sie unter Sucht- und Infektionskrankheiten.

Haben Eltern oder Familienmitglieder √ľberhaupt eine Chance diesem Vorgehen zu entgehen?
Generell gilt: Neben direkten Anwerbungen sind h√§ufig Zwangsrekrutierungen von Kindern aus √ľberwiegend sozial und wirtschaftlich benachteiligten Bev√∂lkerungsschichten und Waisenkindern die Regel.

In welchen Altersstufen findet diese unfreiwillige Rekrutierung f√ľr gew√∂hnlich statt?
Es handelt sich dabei um Jungen und um Mädchen, die in manchen Fällen nicht älter als 7 Jahre sind.

Erhalten die Kinder eine Art Ausbildung an der Waffe oder werden sie direkt in den Kampf geschickt?
Ja, in der Regel werden diese Kinder an der Waffe ausgebildet.

In welchen L√§ndern ist der Einsatz von Kindern in B√ľrgerkriegen und bewaffneten Konflikten verbreitet?
Nach Sch√§tzungen der UN sind mehr als 300 000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in mehr als 30 L√§ndern als gewaltsam rekrutierte Kindersoldaten in Streitkr√§ften und bewaffneten Oppositionsgruppen im Einsatz. Au√üerdem wurden dar√ľber hinaus bereits mehrere Hunderttausende Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Regierungsarmeen, Paramilit√§rs, Milizen und nichtstaatlichen bewaffneten Gruppen gewaltsam rekrutiert. Beispiell√§nder sind Kolumbien, Angola, Burma, Afghanistan und Indonesien.

juergen_klimke_kindersoldatenWie sieht die aktuelle rechtliche Lage aus?
Die Lebensbedingungen, mit denen sich Kindersoldaten allt√§glich konfrontiert sehen, stehen im krassen Widerspruch zu den von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verk√ľndeten ‚ÄěAllgemeinen Erkl√§rung der Menschenrechte“, zu den Internationalen Pakten √ľber b√ľrgerliche und politische sowie √ľber wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, vor allem aber zum √úbereinkommen √ľber die Rechte des Kindes.

Die Union hat im Jahr 2003 versucht, √ľber einen Antrag im Deutschen Bundestag die Bundesregierung zu verpflichten, das ‚ÄěUN-Fakultativprotokoll zum √úbereinkommen √ľber die Rechte des Kindes betreffend die Beteiligung von Kindern an bewaffneten Konflikten“ von 2000 durch den Deutschen Bundestag ratifizieren zu lassen. Das kann eine Vorbildfunktion f√ľr eine internationale Ratifizierung haben. Aus unserer damaligen Position in der Opposition heraus ist uns das leider nicht gelungen. Damals wollten wir durch den Antrag vor allem auch Aufmerksamkeit auf das Thema lenken. Aktuell sehen wir in erster Linie die Regierungen in den jeweiligen L√§ndern in der Verantwortung zu handeln. Auch die zust√§ndigen deutschen Bundesministerien sind f√ľr das Thema sensibilisiert.
Dar√ľber hinaus setze ich mich daf√ľr ein, dass die bisherige UN-Regelung gepr√ľft wird, die bislang vorsieht, dass bereits 15-J√§hrigen eine Teilnahme an Feindseligkeiten als Soldaten erlaubt wird.

Was kann von Deutschland aus √ľberhaupt getan werden, um das Mindestalter bei Streitkr√§ften weltweit anzuheben?
√úber unsere Botschafter weisen wir in den betreffenden L√§ndern auf die Wichtigkeit dieses Themas hin. Das weitere Vorgehen liegt – wie eben schon gesagt – vor allem in der Verantwortung der einzelnen Regierungen. Auch wenn wir gern mehr tun w√ľrden. Ich bin mir nicht bewusst, dass es irgendwo legale Gesetze gibt, die es erlauben, dass Minderj√§hrige f√ľr die Armee rekrutiert werden.

Aus welchem Grund werden bereits Kinder f√ľr den Dienst an der Waffe rekrutiert?
Der Grund daf√ľr, dass Kinder f√ľr den Kampf versklavt werden, liegt in der neuen Kriegsstrategie vieler Kriegsparteien insbesondere in Entwicklungsl√§ndern und einer eklatanten Missachtung von Rekrutierungsregeln. Au√üerdem ist eine wachsende Anzahl von innerstaatlichen bewaffneten Konflikten zu beobachten, in denen die Grundregeln der herk√∂mmlichen Kriegsf√ľhrung der Berufsarmeen systematisch verletzt werden.

Vor allem die Zerstörung der kindlichen Entwicklung und die Vernichtung der Lebensperspektiven machen den Einsatz von Kindersoldaten so verwerflich. Warum ist es in den westlichen Medien dennoch kaum ein Thema?
Ich denke, Kindersoldaten sind schon ein Thema in den westlichen Medien. Nicht zuletzt durch ehemalige Kindersoldaten wie der Autorin Senait Mehari, die ihre Erlebnisse in einem Buch verarbeitet haben – auch wenn gerade in diesem Fall der Wahrheitsgehalt ihrer Berichte umstritten ist. Aber sicher, trotz der Vielzahl an Katastrophen der Mitmenschlichkeit sollte das Thema mehr in den Fokus der √∂ffentlichen Aufmerksamkeit r√ľcken. Verbrechen an Kindern sind immer besonders abscheulich. Diese Kinder kennen und haben keine Kindheit. Ihre Pers√∂nlichkeitsentwicklung wird erheblich beeintr√§chtigt.

Seit Anfang dieses Jahres sind Sie stellvertretendes Mitglied im Ausschuss f√ľr Menschenrechte und humanit√§re Hilfe des Deutschen Bundestages. Was war ihr Antrieb f√ľr dieses Amt – warum setzen Sie sich gerade daf√ľr ein?
Das Amt erg√§nzt sich sinnvoll mit meiner Arbeit im Ausschuss f√ľr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Unter anderem spielt in beiden Aufgabenbereichen das Ziel einer so genannten ‚Äěgood governance“ – auf Deutsch ‚Äěgute Regierungsf√ľhrung“ – in den Partnerl√§ndern eine wesentliche Rolle.

Zum Abschluss noch ein kurzer Blick auf Ihren Besuch in Tibet. Vor wenigen Tagen sind Sie mit deutschen Menschenrechtsexperten in die tibetische Hauptstadt Lhasa gereist. Wie ist die derzeitige Lage und wie frei durften Sie sich dort bewegen?
Die Tatsache, dass eine Delegation deutscher Menschenrechtsexperten ein Jahr nach den letzten gro√üen Unruhen in Tibet zum ersten Mal wieder von der chinesischen Regierung nach China und Tibet eingeladen wurde, ist an sich ein Erfolg. Sicherlich war die Bewegungsfreiheit eine andere. Ein Besuch in einem Gef√§ngnis in der tibetischen Hauptstadt Lhasa zum Beispiel war nicht m√∂glich. Viele Fragen blieben unbeantwortet. Dennoch: Es ist wichtig, dass der Dialog √ľber die Menschenrechtssituation dort nicht abbricht und Deutschland einen ‚ÄěFu√ü in der T√ľr“ beh√§lt. Besuche wie dieser tragen wesentlich dazu bei.

Vielen Dank f√ľr das Interview Herr Klimke und viel Erfolg f√ľr Ihren Einsatz gegen Kindersoldaten.

(Text: Konrad Welzel / Foto: J√ľrgen Klimke)
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√úber den Autor

Gr√ľnder und Chefredakteur von back view

Konrad hat back view am 06. April 2007 gegr√ľndet - damals noch in diesem sozialen Netzwerk StudiVZ. Mittlerweile tobt sich Konrad ganz gerne im Bereich Social Media aus und versteht Menschen ohne ein Facebook-Profil nicht - daf√ľr ist er viel zu neugierig!!!

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