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„Die Amerikaner sind sehr pragmatisch“

Experteninterview mit Winand Gellner (Uni Passau)

Dr. Winand Gellner ist Inhaber des Lehrstuhls Politikwissenschaften an der Universität Passau. Er studierte u.a. an der New York University und der University of Carlifornia, Berkeley, erhielt ein Stipendium des German Marshall Fund of the United States und lehrte an der Cornell University. Für back view analysiert der USA-Kenner die historische Wahl, die Akteure und das Ergebnis.

Woher kommt die starke Medienpräsenz bei dieser Wahl?
Das liegt an einem Kandidaten wie Obama, da er für die Medien eine unglaubliche Faszination darstellt. Hätte man bei John F. Kennedy die Möglichkeiten gehabt, wie man sie heute mit dem Internet hat, hätte man wahrscheinlich einen ähnlich starken medialen Einfluss gesehen. Obama ist ein Charismatiker, ein Dunkelhäutiger, ein relativ junger Kandidat, der die Jugendlichen bewegt. Diese Begeisterung gab es aber nicht zuletzt, weil das ganze Land den amtierenden Präsidenten abwählen wollte.

Warum wurde die Wahl, inklusive der Vorwahlen, so groß inszeniert?
Das lag an der Polarisierung der Demokraten. Beide Kandidaten waren Unikate, denn mit Clinton hatte die erste Frau und mit Obama der erste Schwarze realistische Chancen, ins weiße Haus einzuziehen. Da dieser Faktor bei der nächsten Vorwahl wegfällt, könnte die mediale Aufmerksamkeit bei kommenden Wahlen wieder zurückgehen. Zudem hatten wir eine Sondersituation, weil bei den Vorwahlen in der Regel entweder ein amtierender Präsident oder der Vizepräsident antritt, der wiedergewählt wird.

Wie lässt sich die Obamania in Deutschland erklären?
Wir Deutschen benutzen Obama als Projektionsfläche für ein gutes Amerika, das man sich wünschen darf. Der Hype ist ein Indiz dafür, dass Deutschland unter der Missachtung durch Bush deutlich gelitten hat. Gerade die jungen Leute sind international orientiert, sie sind offen und wollen einen „guten“ Amerikaner. Man ist den „bösen“ Amerikaner leid und die Vorstellung, dass sich durch einen jungen, charismatischen, linken Kandidaten irgendetwas in der Welt verbessern könnte, spielt eine große Rolle. Mehr Umweltschutz, mehr soziales Gewissen, bessere Krankenversorgung.

Braucht die deutsche Politik einen Typen wie Obama?
Ich würde die Begeisterung mit der gegenüber Willy Brandt vergleichen, der für mehr Reformen wagen, für eine Abkehrung des Nachkriegs-Realismus und als Symbol für den Fortschritt statt. Ob das im Endeffekt tragfähig ist, ist eine andere Frage. Aber dass Figuren dieser Art medial in den Vordergrund gespielt werden können, halte ich für vorstellbar. Nur kann ich in Deutschland derzeit niemanden erkennen, der diese Persönlichkeit, diese Qualität medial vermitteln konnte.

Barack Obama ist der neue US-Präsident. Was nützt uns Deutschen ein Präsident Obama?
Wir haben die Finanzkrise und all die anderen Probleme und die Amerikaner haben sich für einen symbolischen Neuanfang ausgesprochen. Was die Grundstimmung angeht, hat das nicht nur innerhalb der USA, sondern weltweit Konsequenzen. Natürlich werden die Leute sehr schnell realisieren, dass auch Obama keine Wunder bewirken kann. Im Besonderen für Deutschland, aber auch für die Europäische Union bedeutet es, dass wir wieder ernster genommen werden. Die amerikanische Administration wird stärker auf die Allianzpartner zugehen, wird sich stärker abstimmen. Blütenträume, dass wir jetzt mitbestimmen dürften, wann die Amerikaner aus dem Irak und Afghanistan abziehen, sollte man sich nicht machen. Das Trauma „11. September“ und der damit verbundene Kampf gegen den Terrorismus bleibt natürlich bestehen.

Obama fordert von Deutschland mehr Beteiligung in Afghanistan. Wird in den deutschen Medien oft vergessen, dass Obama auch Nachteile für Deutschland bringt? Erwarten wir zuviel?
Es gibt sicherlich eine gewisse Naivität, dass sich mit Obama alles ändern wird. Man darf nicht vergessen, dass man in den USA vor enormen finanziellen Herausforderungen steht. Obama wird versuchen, die sehr kostspieligen Engagements im Ausland zurückzufahren. Aus dem Irak wird man sich relativ schnell zurückziehen und Afghanistan wird man irgendwann in die Selbstständigkeit entlassen müssen, wie auch immer man dann mit dem Iran und Pakistan verfahren wird.

Wie unterscheiden sich denn die Amerikaner in ihrem Verständnis von Politik zu uns?
Die Amerikaner sind sehr pragmatisch. Es gibt, vor allem in der Außenpolitik, immer zwei Perspektiven. Zum einen will man die Welt verbessern, zum anderen die Isolation. Man schottet sich von anderen ab und bezieht sich auf sich selbst. Beide Perspektiven gibt es in der gegenwärtigen polischen Realität. In Deutschland hingegen wird viel über Inhalte, über Ideologien gesprochen, die in den USA in dieser Form überhaupt nicht vorhanden sind.

Obama hat in den USA vor allem junge Wähler mobilisiert, denen zuvor Politikverdrossenheit vorgeworfen wurde. Gibt es die Gefahr, dass sie sich bei Enttäuschung ganz aus dem politischen Geschehen zurückziehen?
Die Gefahr besteht sicherlich. Auf der anderen Seite wissen viele Amerikaner, auch Jugendliche, dass sich das politische Engagement mit der Wahl erledigt hat. Die Wahlkämpfer sollen mobilisieren, es geht nicht um die Inhalte. Nach einiger Zeit wird sich herausstellen, ob die Jugend hinter Obama steht, denn dann sind die ersten Zwischenwahlen. Ich halte diese Begeisterung zunächst für eine positive Sache. Dennoch sollte man realistisch genug sein, um zu wissen, dass in den USA jetzt keine Volksparteien entstehen, in denen auf Dauer politisch gearbeitet wird.

Wenn wir den Wahlkampf Revue passieren lassen. Wer hat den besseren Wahlkampf gemacht?
Ganz klar Obama. McCain hat es durchaus versucht, denn er war bei den Vorwahlen schon kurz mit finanziellen Problemen aufzugeben. Er hat dann noch einmal die Kurve gekriegt, aber er hat es versäumt, insbesondere durch eine gute Vizepräsidentenwahl, seine Schwächen auszugleichen. Und das ist nun einmal, dass er ein alter Mann ist und er unglücklich präsentiert wurde, was bei einem medialen Wahlkampf unverzeihlich ist. Zudem gelang es McCain nicht, so sehr er es auch versuchte, Distanz zu Bush zu bekommen.

Sie sprechen die finanziellen Probleme an. Welche Rolle hatte die Finanzkrise?
Das absolut entscheidende Thema. Bis in den Sommer hinein hat sich Amerika wenig mit dem Wahlkampf identifiziert. Die Kandidaten waren da, man hat sich für die Medienauftritte interessiert. Durch die Dramatik der Finanzkrise, das Zusammenbrechen von Banken, dadurch dass die Amerikaner am Aktienmarkt um ihre eigenen Ersparnisse gebracht wurden, ist das Fass übergelaufen. Obama hat nicht triumphiert und ist auch nicht in hektischen Aktionismus verfallen ist, wie McCain das teilweise tat, als er sagte, dass er seine Kampagne storniere. Obama hat den richtigen Ton getroffen und nun muss man sehen, was er daraus macht.

Was zeichnet den Präsidenten Barack Obama aus?
Obama hat gezeigt, dass er diszipliniert arbeitet und dass er auf Mitarbeiter wie sein Wahlkampfteam hören kann. Insofern wird er auch jetzt als Präsident ein guter Teamarbeiter sein.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit eines rassistischen Anschlags auf Obama?
Er wird in Dauergefahr leben, was aber jeder Präsident tut. In der Tat wird es dramatischer sein als zuvor. Er muss nicht nur vor einem rassistischen Anschlag, sondern auch von sonstigen Attentaten beschützt werden. Auf der anderen Seite ist mittlerweile jeder Politiker gefährdet, was man bei Schäuble und Lafontaine sieht. Nur weil in der letzten Zeit kaum mehr was passiert ist, heißt es nicht, dass die Gefahr nicht bestand.

Wenn es um Attentate geht, sieht man, wie wichtig der Vizepräsident ist. Nun ging Joe Biden im Wirbel um Sarah Palin fast unter. Was ist er für ein Typ?
Ein verlässlicher, außenpolitisch erfahrener Senator, der seit Jahrzehnten zum dem Establishment in der Außenpolitik gehört. Es ist kein Wunder, dass er in der innenpolitischen Auseinandersetzung nicht zentral wurde, das war nicht seine Aufgabe. Obama hat innenpolitisch einige, wenn auch nicht sehr viele Erfahrungen. Biden gibt allen das Gefühl der Sicherheit, dass Obamas Defizite ausgeglichen werden. Biden garantiert solides, realistisches außenpolitisches Verhalten.

Bei Sarah Palin hat man nicht das Gefühl, dass sie Defizite ausgeglichen hat. Viel eher hatte man Angst vor einer solchen Kandidaten, oder wie sehen Sie das?
Die Wahl Sarah Palin ist ein Desaster, eine völlige Fehlentscheidung. McCain hat geglaubt, er könnte diese Hockey Mom für Down-Town-America und für die Frauen sympathisch machen, um Hilary-Wähler auf seine Seite zu ziehen. Er selbst ist politisch nicht rechts außen angesiedelt, während sie eine radikal konservative Position vertritt. Dass sie aber weder intellektuell noch vom Charisma her irgendeinen Wähler gewinnen kann, außer der Kernklientel, die aber ohnehin republikanisch wählt, das hätte man nicht gedacht. Mit gestandenen, glaubwürdigen Politikern wie Romney oder Guiliani hätte McCain bessere Chancen gehabt, denn außerhalb der Basis hat Palin nie einen Fuß auf den Boden bekommen. Über die Interviews, die sie gegeben hat, war ich tatsächlich schockiert. Man muss Angst haben, dass so eine Frau eine solche Position bekommt und viele Amerikaner hatten davor auch Angst. Dieses Duo war so nicht wählbar. Aber dass sie so wenig weiß, derartig schockierend wenig Ahnung hat, das hätte man nicht gedacht.

War ihre Nominierung nicht genug durchdacht?
Palin wurde vom Wahlkampfstab ausgesucht. Sie haben gesehen, dass es dieser Wahlkampf kaum zu gewinnen ist. Mit Palin hat man einen Befreiungsschlag versucht, in dem man wenigstens die konservative Basis binden wollte.

Zurück zum eigentlichen Thema: Welches Erbe hinterlässt Bush?
Ein völliges Desaster. Außenpolitisch ist Amerika isoliert und innenpolitisch steht es vor einem Scherbenhaufen. Er hat so viele Versprechen gebrochen, z.B. die Reform der Versorgungssysteme und ein Obdach für alle.

Was erwartet die USA von ihrem Präsidenten Obama?
Die Hoffnung, dass mit einem neuen Präsidenten auch was wirklich Neues passiert, ist spürbar. Mit Sicherheit hofft man auch, dass Amerika sich finanzpolitisch stabilisieren kann. Aber die Erwartungen an spezifische Präsidentschaftskandidaten sind nicht so groß, wie man sich das hier so vorstellt. Man schätzt das Amt sehr hoch, aber die jeweiligen Präsidenten verlieren oft an Glanz.

Vielen Dank für das Interview Herr Gellner!

(Text: Miriam Keilbach)
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Über den Autor

Miriam Keilbach
Redakteurin

Miriam war 2007 im Gründungsteam von backview.eu. Sie volontierte beim Weser-Kurier in Bremen und arbeitet seit 2012 als Redakteurin bei der Frankfurter Rundschau. Ihre Themen: Menschen, Gesellschaft, Soziales, Skandinavien und Sport.

Anzahl der Artikel : 59

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