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„Das Entwürdigendste meines Lebens“

Auf Tour mit Michael Mittermeiers „Achtung Baby!“

„Wir sind schwanger – ich habe gezeugt!“, stolz und gewohnt selbstironisch blickt Michael Mittermeier bei seinem neuen Programm „Achtung Baby!“ zurück auf seinen anstrengenden Weg zum eigenen Nachwuchs. Aber auch Spitzen in Richtung Politik ließ er nicht aus.


mittermeierbaby„Hallo, ich hätte gerne einen Schlabberlatz“, ein Satz, der von einem Mittvierziger nach einem großen Schluck Bier irgendwie seltsam daher kommt. Mit einem breiten Grinsen steht er vor drei ebenso breiten Tischen und entscheidet sich dann für „diesen pinken Latz da oben“.
Es ist der Merchandise-Verkauf von Michael Mittermeier. Wenige Minuten vor dem Start seines neuen Bühnenprogramms „Achtung Baby!“ sind derartige Szenen keine Seltenheit. Denn passend zum Thema des Abends gibt es T-Shirts, Rasseln, Schnuller und eben auch Baby-Lätzchen in allen Variationen – für klein und groß. In der Halle sitzen dann nämlich keine Kleinkinder sondern eben solche Mittvierziger, die sich das pinke Teil direkt selbst umhängen und stolz in Richtung Bühne blicken.

Michael Mittermeier hat jahrelang über nervtötende „Arschlochkinder“ und „Teppichratten“ philosophiert und sich über deren Eltern lustig gemacht. Seit dem 1. Januar 2008 hat es ihn selbst erwischt. Er wurde Vater eines Mädchens: Lilly. Seine einschneidenden Erlebnisse während und nach der Schwangerschaft hat der Bayer nun in seinem Programm „Achtung Baby!“ verarbeitet. Das Ergebnis ist ein Ausflug in die bunte und manchmal doch erschreckend komische Welt eines Babys.„Kinder kann man verhüten – Eltern  nicht“, erkennt Mitermeier richtigerweise.
Deswegen gibt er auch nicht mehr den „Arschlochkindern“ selbst die Schuld für ihre soziale Unfähigkeit sondern den Eltern. Den Müttern und Vätern, die Kinder in die Welt setzen und noch nicht einmal mit ihrem eigenen Leben klar kommen. Stattdessen täglich im Fernsehen ihre Probleme platt treten und sich dabei auch noch verulken lassen. Selbstironisch nimmt der Comedian dann aber vor allem sich selbst und seine Rolle als werdender Vater auf die Schippe.

mittermeier fotoEineinhalb Jahre haben es seine Frau und er versucht, Nachwuchs zu zeugen. Erfolglos. Deshalb kam Mittermeier nicht dran vorbei, sich einem Qualitätscheck beim Urologen zu unterziehen. „Diese Samenabgabe war das Entwürdigendste, was ich je in meinem Leben gemacht habe“, berichtet der Bayer. „Du bekommst einen Becher in die Hand, dazu ein Heftchen aus den 1970ern. Alle da draußen wissen, was du jetzt machst. Und du sitzt drinnen und weißt, du kannst da jetzt auch nicht mit leerem Becher raus gehen.“

Es war zwar alles in Ordnung mit der Qualität. Aber ein Problem, das den Nachwuchs im Hause Mittermeier erschwerte, war die Tatsache, dass der Möchtegern-Vater viel unterwegs war und ist. Quer durch Deutschland reist er von einer Stadt in die nächste, um die Menschen zu Beglücken. „Da konnte auch keine Rücksicht auf den Eisprung meiner Frau genommen werden.“ Aber der Comedian wusste sich zu helfen und fand eine Lösung für die Familienplanung:  „Ich habe meine liquide Zukunftsmaterie einfach in Eiswürfelbehälter eingefroren“ und im Notfall – also im Falle eines plötzlichen Eisprungs – konnte sich seine Frau davon bedienen.

Auf welchem Wege es dann schließlich doch noch geklappt hat, verriet Mittermeier nicht. Aber die mittlerweile dreijährige Lilly scheint ihm und seiner Frau sichtlich Spaß zu machen und einen neuen Sinn des Lebens gegeben zu haben.

Trotz des abendfüllenden Themas des Nachwuchses und der Schwangerschaft, wagt sich Mittermeier auch wieder an Ausflüge in die Politik. Besonders unbeliebt scheint dabei Philipp Rösler, der neue FDP-Parteichef und Bundeswirtschaftsminister, zu sein: „Hallo! Ich habe den Westerwelle gewählt, weil der den unglaublichsten Gang der Welt hat. Rösler soll mit den Apotheken telefonieren und ansonsten sein Maul halten“.  Allerdings scheint das einzige positive an Westerwelle dann auch wiederum nur sein etwas eigentümlicher Gang mag, welchen er direkt mit viel Gefühl und Genuss nachahmt. Wippend aber doch energisch schreitet er – mit dem Kopf in die Höhe streckend – über die Bühne. Und ein klein wenig Westerwelle steckt tatsächlich in Mittermeier.

Anstatt weiterer Zugaben, bietet Mittermeier im Anschluss seines Programms wie gewohnt dem Publikum die Möglichkeit, dringende Fragen an den Comedian loszuwerden. Dabei nutzt er die Gelegenheit, zu mehr Engagement jedes Einzelnen aufzurufen. Auf die Straße gehen und die Stimme erheben – das ist Devise, die er dabei ausgibt. In der Hoffnung auf eine bessere und friedlichere Welt. „Man sollte es zumindest versuchen, etwas zu bewegen.“

Michael Mittermeier bietet erneut eine gewohnt ironische Reise durch sein Leben und die Politik mit einem ganz besonderen Blick auf die Welt. Verabschiedet wird das Publikum mit einem scheinbar bundesweiten Kinderlied. Der Bayer stimmte nur die ersten Worte an und alle sangen sofort textsicher und strahlend mit: „Alle Leut, alle Leut, gehen jetzt nach Haus, große Leut, kleine Leut, dicke Leut, dünne Leut“. Das pinke „Sabberlatz“ des Mittvierziger ist sichtlich mitgenommen und durchnässt von den Tränen seines Besitzers. Der allerdings hat den Abend genossen und freut sich nun auf seinen eigenen Nachwuchs – für den das Lätzchen eigentlich gedacht war.

(Text: Konrad Welzel / Fotos: Ralph Larmann)


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Über den Autor

Konrad Welzel
Gründer und Chefredakteur von back view

Konrad hat back view am 06. April 2007 gegründet - damals noch in diesem sozialen Netzwerk StudiVZ. Mittlerweile tobt sich Konrad ganz gerne im Bereich Social Media aus und versteht Menschen ohne ein Facebook-Profil nicht - dafür ist er viel zu neugierig!!!

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