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Propaganda, Kriegsspiele und Patriotismus

Die Instrumentalisierung von Kindern im Ersten Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg gilt als der erste totale Krieg der Weltgeschichte und das in allen Bereichen. Das Neue war dabei vor allem die Totalität der Propaganda und der Mobilisierung der sogenannten „Heimatfront“, zu welcher auch die Kinder und Jugendlichen gehörten.

Im Jahr 2014 hat sich der Erste Weltkrieg zum hundertsten Mal gejährt und das Thema, welches lange Zeit von der NS-Diktatur überschattet wurde, ist wieder in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gerückt.

Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen vorwiegend blutige Schlachten in Schützengräben und Giftgaseinsätze als damals neue Form der Kriegsführung. Doch die Menschen an der „Heimatfront“, vor allem die Kinder und Jugendlichen werden bei den Darstellungen meist vergessen.
Und das obwohl die Heranwachsenden sowohl aktiver als auch passiver Teil des „großen Krieges“ waren. Sie wurden ebenfalls von der rollenden Propagandamaschinerie des Staates und allen weiteren Konsequenzen des Krieges, nicht verschont. Alle Lebensbereiche der Kinder waren vom Krieg durchzogen und auch die Kleinsten sollten für den Krieg mobilisiert und instrumentalisiert werden.

Die gesellschaftliche Prägung

Schon vor dem Krieg war die Gesellschaft grundsätzlich eine militarisierte, Kinder wurden in Matrosenanzüge und Uniformen gesteckt und es wurde fleißig salutiert. Während dem Krieg verstärkte sich diese Tendenz und sowohl die Lehrpläne in den Schulen, als auch Schul- und Lesebücher, Zeitschriften und Spielsachen wurden mit Kriegspropaganda infiltriert.

Vor allem zu Beginn des Krieges war die Begeisterung so groß, dass sich viele Jugendliche sogar freiwillig als Soldaten meldeten. Einige versuchten dabei mit allen Mitteln in die Armee aufgenommen zu werden und fälschten sogar ihr Geburtsdatum (16 Jahre war das Mindestalter). Das wurde dann jedoch nicht geahndet, sondern öffentlich gefeiert und wiederum für Propagandazwecke genutzt. Diejenigen die noch zu jung waren, um aktiv an der Front zu kämpfen, sollten zu zukünftigen Soldaten erzogen werden und in anderen Bereichen für den Krieg mobilisiert werden.

„Gold gab ich für Eisen“

Feldpostkarte Erster Weltkrieg

Feldpostkarte In: Hämmerle, Christa: Kindheit im Ersten Weltkrieg. Böhlau Verlag: Köln/Weimar/Böhlau. 1993.

In den Schulen wurden den Kindern nicht nur militaristische Werte und die vermeintlichen Wahrheiten über die feindlichen Nationen nähergebracht, sondern sie wurden auch im wahrsten Sinne des Wortes zur Mithilfe am Krieg mobilisiert. Bereits kurz nach Beginn des Krieges wurden Maßnahmen zur Mobilmachung der Schuljugend für gemeinnützige Tätigkeiten, vom k.k. Ministerium für Kultus und Unterricht, im heutigen Österreich erlassen.
Die Schulkinder wurden während des gesamten Krieges für das Vaterland in die Pflicht genommen wie beispielsweise für patriotische Sammlungen und Spendenaufrufe oder Verwundetenpflege.

Die Aktion „Gold gab ich für Eisen“ stellt dabei das Paradebeispiel dar – die Kinder sollten Gold spenden und sammeln. Diese Aktion war mit über 200 teilnehmenden Schulen in Österreich eine der erfolgreichsten, was mitunter mit dem unter den Schülern verursachten Konkurrenzdenken zusammenhängt. Denn die Ergebnisse der Aktion wurden akkurat in das Sammelbuch der Schule eingetragen und die besonders fleißigen Kinder erhielten als Belohnung einen eisernen Ring.

Doch auch außerhalb der Schule verrichteten die Heranwachsenden Kriegsarbeit, in Form der sogenannten „Liebesgaben“ zum „Kälteschutz“ der Soldaten an der Front. Insbesondere Mädchen strickten dabei Socken, Mützen und Handschuhe für ihre Väter, Brüder und die Vielzahl an Soldaten an der Front. Die Soldaten waren nur mangelhaft mit Winterkleidung ausgerüstet, war man doch im Juli 1914 fest davon überzeugt, dass der Krieg nicht lang dauern würde.

Die Pflicht, fürs Vaterland zu kämpfen

Man muss diesbezüglich anmerken, dass diese Mithilfe am Krieg der Kinder sowohl freiwillig, als auch erzwungen war. Denn durch die allgegenwärtige Propaganda sahen sich auch schon die Kleinsten in der Pflicht ihrem Vaterland patriotisch zur Seite zu stehen.

„Zu Weihnachten gab es Kanonen als Kriegsspielzeug“ (Zeitzeugenbericht von Georg Bernard In: Hämmerle, 1993: S.245). Der gesamte Alltag der Kinder widmete sich dem Krieg. Die Heranwachsenden, vor allem die Jungen, wurden mit allen Mitteln aus dem Propaganda Repertoire zu zukünftigen Soldaten herangezogen und besuchten oft anstatt einer regulären Oberschule eine Kadettenschule in der sie eine militärische Grundausbildung erhielten.

Zu Weihnachten gab es Kriegsspielzeug, wenn es denn wegen der immer größer werdenden Not an der Heimatfront überhaupt Geschenke gab. In Zeitschriften für Kinder wurden Bastelanleitungen für Spiele wie „Kriegsdomino“ und patriotische Theaterstücke oder Lieder publiziert, in welchen Kinder im Spiel Soldaten nachahmen oder zumindest betont wird wie gerne sie Soldaten sein würden.
Dass die kriegsverherrlichende Propaganda auch Früchte trug, wird anhand von Ausschnitten des Zeitzeugenberichts von Karl Sellner deutlich: „Wir Kinder spielten „Krieg“, oft Bezirk gegen Bezirk, ja Straße gegen Straße. Die Polizei mußte oft eingreifen.“ (Zeitzeugenbericht Karl Sellner. In: Hämmerle, 1993: S.256)

Der Struwwelpeter wird zum Bombenpeter

Das Buch- und Pressewesen waren die bevorzugten Trägermedien für die Kriegspropaganda im Ersten Weltkrieg. Ein damals sehr beliebtes Kinderbuch, stellte der „Struwwelpeter“ dar, in welchem Werte wie Sauberkeit und Gehorsam vermittelt wurden und sehr brutal aufzeigt wurde was mit Kindern passiert die nicht gehorchen wollen.
Wäre das nicht schon genug, so wurde während dem Krieg der Titel des Buches in „Der Kriegs-Struwwelpeter“ umgetauft und der Stuwwelpeter selbst wurde zum „Bombenpeter“. Die unartigen Kinder wurden nun durch die feindlichen Nationen repräsentiert und ihre vermeintlich ungeheuren Taten wurden ungeniert dargestellt mit der Intention Gefühle wie Rachsucht und Gehässigkeit bei den Kindern gegen die Feinde zu wecken.

Auch in Zeitschriften für Kinder und Jugendliche hielt die Kriegspropaganda Einzug. Ein Gedicht mit dem Titel „Kindliche Bitte“, welches in der Zeitschrift „Jugendlust“ publiziert wurde, zeigt das Ausmaß der Propaganda die Kindern und Jugendlichen zugemutet wurde:

„Den Vater ruft die Heerespflicht zum heil’gen Kampfe fort;
Nun spricht er noch zu Weib und Kind Manch tröstend Abschiedswort.
Der kleine Hans drückt ihm die Hand,
,Papa, noch eine Bitt‘: Gelt, bring‘ mir, wenn du wieder kommst,
Ein paar Franzosen mit!‘“
(Jugendlust, 8.Oktober 1914: S.16)

Es zeigt sich, dass die Kinder eine große Rolle im Krieg und der Krieg wiederum eine große Rolle für das Leben der Kinder gespielt hat. Man sollte meinen, dass dieser Umgang mit Kindern und ihre Mobilisierung für den Krieg der Vergangenheit angehören und dem damaligen Erziehungs- und Gesellschaftsverständnis geschuldet sind. Doch leider wurde nicht ausnahmslos aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt, was unter anderem die Schätzung der Zahl von 260.000 bis 500.000 Kindersoldaten weltweit, beweist.

(Text: Heidi Bundschus)

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