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„Viele Menschen nehmen so Nachrichten gar nicht ernst“

Interview zur Pressefreiheit in China

Eine junge Chinesin erzählt im Interview, wie sie die Medien im eigenen Land wahrnimmt. Die 26-Jährige studiert in Österreich und kann somit die europäische Öffentlichkeit aus persönlicher Erfahrung mit der in China vergleichen.

backview.eu: Wie würdest du die Pressefreiheit in Österreich und China beschreiben?
Dan Li*: In Österreich garantiert die Verfassung die Pressefreiheit, in China hat die Regelung der Pressefreiheit keinen Verfassungsrang. Die Mainstreammedien gehören in China im Gegensatz zu Österreich dem Staat. Es gibt auch private Zeitungen, die allerdings rechtliche Verpflichtungen haben.

Pressefreiheit ChinaWas kannst du uns über das chinesische Internet erzählen? Benutzt du Baidu, renren und youku?
Ja, ich benutze alle. In China schimpfen wir nicht über das Internet. Wir kennen es nicht anders und erhalten dort auch viele Informationen, allerdings nicht aus dem Ausland. Wir bevorzugen Informationen aus dem chinesischen Internet, auch wenn es dort Nachrichten ausländischer Medien nicht gibt. Streitthemen werden oft nur einseitig behandelt, die Schattenseite fehlt. Sensible, politische und negative Nachrichten sind nach einer unausgesprochenen Regel verboten.

Mithilfe von technischen Tricks erhalten wir allerdings trotzdem Zugang zu Inhalten aus dem Ausland. Viele meiner Freunde machen das, allerdings nicht unbedingt wegen Informationen, sondern um sich zu unterhalten. Ich glaube, europäische Menschen sind in freie, politische Umstände hineingeboren und deshalb mehr an Gesellschaft und Politik interessiert. Für Chinesen gilt das nicht. Es gibt so viele Menschen in China, deshalb denken wir zuerst an die Konkurrenz durch die Anderen. In österreichischen Volksschulen sitzen wahrscheinlich 20 oder 30 Kindern in einem Klassenraum, in China 60 oder 70. Chinesen sind deshalb mehr praktisch orientiert und weniger an Freiheit und Rechten, wir müssen zuerst unser Bestes geben, um Geld zu verdienen und gute Jobs zu erhalten. Jeder möchte einen guten Platz und Karriere machen. Viele Studenten streben deshalb in China hohe Abschlüsse wie den Master oder Doktor an.

Wieso denkst du, hat die Regierung in China repressive Maßnahmen wie die landesweite Firewall oder die Verhaftung dutzender politischer Gefangener durchgesetzt?
Es gibt einen Witz in China: In China ist alles in Ordnung, alles im Ausland ist sehr schlecht. Die chinesischen Medien zeigen eine schöne Seite von China und konzentrieren sich bei der Berichterstattung über das Ausland auf schlechte Dinge. Manchmal denke ich, dass es auch in der westlichen Welt so ist. Das Thema könnte aber auch mit unserem Mediennutzungsverhalten zusammenhängen. Wir schauen oft nur auf die erste Seite der Zeitung, wo die Headline meistens wie ein Slogan verfasst ist und wenig Informationen liefert. Beispielsweise steht dort, dass die heimische Wirtschaft im nächsten Jahr weiter wachsen soll, aber nicht, wie sehr sie schon gewachsen ist. Meiner Meinung nehmen viele Menschen die Nachrichten so gar nicht ernst.

Bekommt die Öffentlichkeit mit, dass politische Aktivisten festgenommen werden?
Sensible Informationen werden auch in China im Internet und bei Gesprächen diskutiert. Oft kommt es vor, dass auf dem chinesischen Twitter in China, Weibu, etwas veröffentlicht wird, was in ein, zwei Tagen plötzlich verschwindet. Auch die am meisten geklickten Posts in den sozialen Netzwerken werden beobachtet und nach sensiblen Wörtern abgesucht.

Wie sieht die Zukunft der Pressefreiheit in China aus?
Ich denke, wir werden in China trotz der Einschränkungen einen geeigneten, wenn auch nicht unbedingt westlichen Weg finden, um mehr Pressefreiheit zu erhalten. Das hängt allerdings auch vom Bewusstsein der Bevölkerung und der wirtschaftlichen Entwicklung ab, sowie wahrscheinlich von anderen Faktoren.

*Name wurde von der Redaktion geändert.

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Über den Autor

Anna Luther

Anna Luther schreibt seit Februar 2015 bei backview.eu und interessiert sich für gesellschaftliche, kulturelle und politische Thematiken. Sie studiert in Wien Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und Philosophie.

Anzahl der Artikel : 37

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