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Papierflieger der Solidarität für Ai Weiwei

Unaufgeforderte, solidarische Spendenaktion für Ai Weiwei

Er hat mit seiner Kunst gegen das chinesische Regime protestiert, musste sein Atelier räumen und eine fast dreimonatige Haftstrafe absitzen. Die jüngste Schikane gegen den Künstler Ai Weiwei seitens der chinesischen Regierung ist die Forderung von Steuernachzahlungen in Millionenhöhe. Viele Chinesen haben gespendet, um den Künstler bei der Begleichung zu unterstützen.


Innerhalb einer Frist von knapp zwei Wochen solle Ai die Steuerrückzahlungen in Höhe von 15 Millionen Yuan, umgerechnet ca. 1,7 Millionen Euro leisten. Eine unvorstellbar hohe Summe, die innerhalb dieser kurzen Zeit zu zahlen ist. Bei Nichtzahlung drohen ihm bis zu sieben Jahre Haft. Bisher erhielt er nach neuestem Bericht des Nachrichtenmagazins „Focus“ Spenden in der unglaublichen Höhe von 8,7 Millionen Yuan, also ungefähr einer Million Euro.


Ai Weiwei: Chinesischer Künstler beugt sich Finanzbehörden – weiter lesen auf FOCUS Online: http://www.focus.de/politik/weitere-meldungen/ai-weiwei-chinesischer-kuenstler-beugt-sich-finanzbehoerden_aid_684636.html

Ai Weiwei stellt international als Konzeptkünstler und Bildhauer aus und gilt als einer der bekanntesten Vertreter der zeitgenössischen chinesischen Kunst. Der 54-jährige Künstler ist politisch und gesellschaftlich engagiert, plädiert für Menschenrechte und freie Meinungsäußerung.

Der von der chinesischen Regierung bekämpfte Dissident Ai hatte zuletzte im US-amerikanischen Magazin Newsweek die Verletzung der Bürgerrechte durch die chinesische Regierung kritisiert und die Regierung versucht seit langem, solche Aussagen zu unterbinden. Nachdem er von April bis Juni inhaftiert war, ist die Steuerforderung der nächste Versuch, Ais Arbeit und Öffentlichkeitspräsenz zu unterbinden.
Er genoß schon während dieser Zeit hohes Maß an Unterstützung, auch in den Kunstkreisen der westlichen Welt. Offiziell beschuldigen die chinesischen Behörden die Firma „Beijing Fake Cultural Development“ der Steuerhinterziehung. Die Forderung richtet sich gegen Ai, als gesetzliche Vertreterin der Firma ist jedoch seine Frau Lu eingetragen, der im Fall einer Nichtzahlung ebenfalls Haft drohen könnte.

Doch Ai Weiwei will keinesfalls aufgeben. Obwohl ihm Interviews mit Journalisten untersagt beziehungsweise nur nach strengen Auflagen erlaubt sind, vermeldete er der Nachrichtenagentur Reuters, er wolle die seitens der Regierung auferlegte Strafzahlung „bis zum Tod“ bekämpfen. Er wolle sich nicht einschüchtern lassen.

Ein Drittel der Forderung gedeckt
Der Kampfgeist Ai Wei Weis scheint ansteckend zu sein, denn in China hat sich eine solidarische Gemeinschaft aus Spendern gebildet, die dem Künstler dabei helfen wollen, die Summe zusammen zu bekommen. Das Besondere: Ai Weiwei hat nicht zu Spenden aufgerufen. Die Spendenaktion kam aus Solidarität zum Künstler und den Idealen, die er vertritt, zustande und entwickelte seitdem eine unglaubliche Eigendynamik.

Zu Beginn der letzten Woche hatten laut eines ARD-Berichts bereits 20.000 Chinesen für Ai Weiwei gespendet. Insgesamt kamen bis dato mehr als fünf Millionen Yuan zusammen, umgerechnet rund 570.000  Euro, also gut ein Drittel der vom chinesischen Steueramt geforderten Summe.
Das entspannt die Situation für Ai Weiwei noch lange nicht, ist aber innerhalb dieser kurzen Zeit ein großer Erfolg. Ai selbst schätze diese Spendenwelle als Ausdruck der Sympathie und Solidarität, sehe die Zahlungen Presseberichten zufolge jedoch als Darlehen an. Der Künstler will die Summe an die Spender zurückzahlen, deshalb wird jede Spende in Listen erfasst und Schuldscheine werden ausgestellt.

Spenden als Statement

Presse und Experten sehen die Spendenbereitschaft aber nicht nur in der Sympathie für den Künstler begründet, sondern werten sie als Statement gegen den Kurs der chinesischen Regierung. Die Welle der Solidarität, die sich in der unglaublichen Summe an Spendengeldern widerspiegelt, resultiert also größtenteils aus dem Protest der Bevölkerung gegen die Regierung. Deshalb ist dieser Affront gegen die chinesische Regierung für die Spendengeber allerdings mit keinem geringen Risiko verbunden.

Auch die englischsprachige Partei-nahe Zeitung „Global Times“ kritisierte die Spendenaktion, da das gespendete Geld als „illegale Mittelbeschaffung“ angesehen werden kann. In China ist Spenden sammeln ohne behördliche Genehmigung nämlich verboten. Aus dem Ausland kann ebenfalls kein Geld angenommen werden. So verwundert es nicht, dass die Chinesen kreativ werden. Laut Tagesschau-Bericht sagte Liu Yanping, Mitarbeiterin von Ais Ateliers, einige Spender hätten ihre Geldscheine sogar zu einem Papierflugzeug gefaltet und in den Hof des Ateliers geworfen, andere Spender brächten ihre Zahlungen persönlich bei Ais Haus oder Atelier vorbei.
Für viele Spender sei ihre Geldgabe jedoch mehr als ein Beitrag, damit Ai Weiwei die ihm vorgworfenen Schulden begleichen könne. Das Spenden sehen viele als eine Art Stimmabgabe- für die demokratischen Werte, die Ai auch durch seine Kunst zu vermitteln versucht.

Die Frist zur Zahlung ist für Ai nun vorüber. Im Gespräch war, dass er das Haus seiner Mutter Gao Ying zur Sicherheit als Pfand angeben wollte, bis er die geforderte Summe beisammen hatte. Ein Pfand akzeptierte die Steuerbehörde allerdings nicht.
Ai hat nun jüngsten Medienberichten zufolge am Dienstag eine Anzahlung bei der Bank eine Garantiesumme, die sich auf 8,5 Millionen Yuan, also ca. 977.000 Euro


Ai Weiwei: Chinesischer Künstler beugt sich Finanzbehörden – weiter lesen auf FOCUS Online: http://www.focus.de/politik/weitere-meldungen/ai-weiwei-chinesischer-kuenstler-beugt-sich-finanzbehoerden_aid_684636.html

Euro beläuft, geleistet. Damit will er nach eigenen Angaben seine Frau vor der Verhaftung schützen. Er wirkt so auch vorerst der Drohung der chinenischen Steuerbehörden entgegen, seinen Fall an die Polizei abzugeben.

Diese erste Einzahlung konnte also bereits durch das Geld der knapp 300.000 Spender gedeckt werden. Durch diese Zahlung, ist es Ai auch möglich, jetzt Widerspruch einzuleiten. Welche Schritte die chinesischen Behörden nun einleiten, und wie und ob sich der Künstler gegen diese weiterhin zur Wehr setzen kann, bleiben abzuwarten, eines ist jedoch sicher: Die überwältigende Unterstützung vieler Chinesen hat Ai Weiwei auf seiner Seite.

(Text: Julia Radgen)
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Über den Autor

Julia Radgen
Ressortleiterin Gesellschaft

Julia Radgen lebt in Mainz und schreibt am liebsten über Kultur- und Gesellschaftsthemen - und interessante Menschen. Sie ist Social Media-süchtig und verzichtet nur freiwillig auf Internet und Handy, wenn sie zu einem Festival fährt. Wenn sie groß ist, will Julia mal Journalistin werden.

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