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Panorama / Rückblick 21.10.09

Schäden, die niemand abschätzen kann

Text: Nina Nickoll

tt_back_viewDie Folgen des Tschernobyl-Unfalls
Der Super-GAU von Tschernobyl ereignete sich am 26. April 1986 - bei dem Simulationsversuch eines totalen Stromausfalls im ukrainischen Atomkraftwerk. Noch bis heute schwebt die sichere Zahl von Langzeitschäden für Mensch und Natur im Dunst der Nuklearwolke.


Am 26. April 1986, um 1:24 Uhr morgens, explodierte der vierte Reaktor des ukrainischen Kernkraftwerks. Mehrere Dampfexplosionen zerstörten das Reaktorgebäude, der Grafitblock, der bei Reaktoren wie in Tschernobyl die Brennstäbe aufnimmt, geriet in Brand. Die herbeigerufenen Einsatztruppen versuchten den Reaktorbrand mit Tausenden von Tonnen Blei, Bor und Beton zu ersticken und das Gebäude notdürftig abzudichten. Innerhalb von wenigen Wochen wurde eine Zone von 30 Kilometern um das Unglückskraftwerk geräumt. Die Bewohner von zahlreichen Dörfern und der Stadt Pripjat mussten sie Hals über Kopf verlassen. Seitdem ist das Gebiet Sperrzone. Hauptursache für diesen Super-GAU sind vermutlich schwerwiegende Verstöße gegen geltende Sicherheitsvorschriften.

Als Super-GAU wird ein Unfall bezeichnet, bei dem stärkere Belastungen auftreten, als beim schlimmsten Störfall, für den die Anlage  ausgelegt wurde. Mit „Super" wird angedeutet, dass die Folgen des größten anzunehmenden Unfalls (GAU) übertroffen werden. Bei der Durchführung des Versuchs, der nachweisen sollte, dass der Reaktor trotz vollständigen Stromausfalls noch ausreichend mit Elektrizität versorgt werden kann, kam es zu einer Katastrophe. Doch welche Kurzzeit- und Langzeitfolgen hatte bzw. hat der Super-GAU für die Menschen, die heute noch dort leben?

Fest steht: Langzeitfolgen des Unglücks sind schwer abzuschätzen. Wegen der Unsicherheit vieler Daten, sind alle Voraussagen über zukünftige Folgen, Strahlenkrankheiten und Sterbezahlen, die auf Tschernobyl zurückgeführt werden können, mit Vorsicht zu betrachten. Doch sicher ist auch, dass zu den bisher am häufigsten beobachteten Folgen des Unglücks Schilddrüsenkrebserkrankungen gehören. Menschen aus Weißrussland, Russland und der Ukraine, die zum Zeitpunkt des Unglücks noch Kinder oder Jugendliche waren, sind am stärksten betroffen. Der Anstieg wird auf die Belastung mit radioaktivem Jod zurückgeführt. Insgesamt wurden in allen drei Ländern bis Anfang 2006 etwa 5 000 Fälle diagnostiziert. Mit weiteren Fällen wird noch über viele Jahre hinweg gerechnet. Aber auch andere Krebsarten, wie Brustkrebserkrankungen, können mit der radioaktiven Strahlung in Verbindung gebracht werden.

Schäden in der Natur
Neben den schwerwiegenden Langzeitfolgen für die Menschen, sind auch die Folgen für Tiere und Umwelt aus dieser Region gravierend. Ein Paradoxes Beispiel: Die Sperrzone erscheint heute auf den ersten Blick als Naturparadies. Elche, Wölfe und Hirsche leben dort. Doch der Schein trügt: Auch mehr als 20 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl begrenzt die radioaktive Strahlung die Zahl der Insekten in der Region. Das hat eine „Volkszählung" von Forschern aus Paris und South Carolina im Zeitraum von 2006 bis 2008 bei Hummeln, Schmetterlingen, Libellen und Grashüpfern gezeigt.

Auch die Säuglingssterblichkeit (Perinatalsterblichkeit) hat in mehreren europäischen Ländern nach dem Vorfall in Tschernobyl zugenommen. So haben Studien der Nichtregierungsorganisation IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung e.V.) und der Gesellschaft für Strahlenschutz für Europa ergeben, dass „Tschernobyl-bedingte" Todesfälle unter Säuglingen in der Größenordnung von 5 000 liegen. Auch genetische Schäden und Fehlbildungen haben nach diesen Studien in mehreren Ländern Europas signifikant zugenommen. In Deutschland ist besonders der Süden Bayerns von den Folgen der Katastrophe betroffen. Dort kam es nach der Katastrophe zu 1 000 bis 3 000 zusätzlichen Fehlbildungen. Viele Forscher nehmen deshalb an, dass es in Europa bisher strahlenbedingt zu mehr als 10 000 schwerwiegenden Fehlbildungen kam.
Der „Wissenschaftliche Ausschuss der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen der atomaren Strahlung" UNSCEAR: United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiation) zählte 12 000 bis 83 000 Kinder, die mit genetischen Schäden in der Tschernobylregion geboren wurden. Ein weiteres Problem bei der Untersuchung der Langzeitfolgen der Reaktorkatastrophe ist, dass viele wissenschaftliche Arbeiten zu den medizinischen Folgen von Tschernobyl aus den betroffenen Ländern Weißrussland, Ukraine und Russland bisher nicht bekannt sind, weil sie nicht aus dem Russischen übersetzt wurden.

Das gesamte Ausmaß der genetischen Schäden lässt sich nur vage abschätzen. Zahlen gibt es zwar viele, aber die Dunkelziffern der Opfer der Katastrophe sind hoch. Und die Anzahl der Menschen, bei denen unsicher ist, ob sie in Folge der radioaktiven Strahlung erkrankten, ist noch viel höher.


(Text: Nina Nickoll)

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