Kultur / Musik & Theater 27.06.09
Text: Konrad Welzel
Rezension zum Bühnenprogramm von René Marik
Seit Monaten gehören die Videofilme von René Marik zu den beliebtesten Clips auf YouTube. Bekannt wurde der Puppenspieler dort mit seinem cholerischen Maulwurf, der einen Sprachfehler hat. Mit weißem Gehstock, Blindenbinde und für Neulinge manchmal nur schwer verstehbare Wortfetzen spielt er sich schnell in die Herzen des Publikums. Oft sind allerdings auch gar keine großen Worte notwendig. Marik schafft es mit nur einer Hand in dem Stoff der Figuren, Gestik und Mimik so überzeugend darzustellen, dass alle im Saal eine fast menschliche Beziehung zu den Puppen aufbauen.
Auf Tour zeigt der diplomierte Puppenspieler allerdings nicht nur seine Stofffiguren wie den Maulwurf, den Frosch und Darth Vader. Mit dem aktuellen Bühnenprogramm "Autschn! Ein Abend über die Liebe" beweist er noch weitere Talente. Im ständigen Wechsel zwischen Puppenspiel und Gesang blicken sich viele Fans von Marik schon zu Beginn überrascht in die Augen: "Der kann ja auch noch singen." Traurig und melancholisch greift er in seinem Gesang ebenfalls das Thema Liebe auf. Im Wechsel zwischen den Puppennummern singt er und zerstört Gedichte. Die Haare zurück gegelt und die Hüfte schwingend schmachtet er das Publikum an - mit starrem Blick und schmalzigen Kitschnummern.
Die kleine Fingerpuppen in den ersten Reihen verraten allerdings schnell, wer der unumstrittene Star des Abends ist: Der Maulwurf. In mitreißenden Minidramen spielt er Hamlet ("Schahein ohoder nahicht scheihein!"), Faust, verliebt sich unsterblich in Gretchen, muss Schneewittchen ("Schneewante!") wachküssen, trifft Rapunzel („Rapante!"), fliegt zum Mond ("Jemand ze Hage?! De' Maulwurfn hier!") und ist bei alledem einfach nur knuffig. Doch seine Angebetete hüstelt ihm immer wieder nur ein ,"Ahühü!" entgegen und verschwindet wieder. Dabei scheint nicht nur der unüberhörbaren Sprachfehler daran schuld zu sein? "Manno!", beschwert sich der plüschige Choleriker mehrmals beim Publikum, "Nik laake!" - und verschwindet mit einem "Tschüssn!" wieder hinter dem Puppenspielaufsteller.
Mariks Komik bezieht sich aus der Situation, in die er seine Puppen schlüpfen lässt. Mit geradezu spielerischer Leichtigkeit bezieht er dabei das Publikum ein und sorgt für beste Unterhaltung. Bezeichnend ist, dass es nicht um soziale Kritik oder hochphilosophische Probleme geht - der Maulwurf ist Kult und deshalb reichen auch schon die schrägen und schwer verständlichen Laute, um Lacher zu ernten.
Ein Fan des Happy Ends ist Marik jedoch wahrlich nicht. Auch oder gerade weil der Abend der Liebe gewidmet ist. Anstatt des langersehnten Kusses seiner Liebe des Lebens (Barbie) zu bekommen - die schließlich mit Ken durchbrennt - nimmt er sich auf der A9 das Leben und verabschiedet sich mit dem Wort: "Autschn!". Das Publikum ist zwar kurz erschrocken und wundert sich über dieses traurige Ende; dennoch ist es der Rolle des Maulwurfs entsprechend.
Dieser unglaublich positive Wahnsinn, den der Puppenspieler in seinen Geschichten und Figuren zeigt, ist wohl das Ergebnis eines ungewöhnlichen Lebenslaufes. Aufgewachsen auf einem Truppenübungsplatz im Westerwald, wo seine Eltern die Kantine betrieben, stemmte er sich mit 16 zum ersten Mal gegen seine Eltern: Nach seinem Hauptschulabschluss sorgte Marik mit dem Abbruch seiner Kfz-Lehre für viel Ärger beim Vater. Unbeirrt machte er den Realschulabschluss nach und verschaffte sich später mit dem Abitur Zugang zu einem Mathematikstudium in Siegen. Nach dem Vordiplom war allerdings auch damit Schluss. Er machte sich auf nach Berlin und lebte sieben Jahre lang in einer knapp dreißigköpfigen WG in Friedrichshain, der Hochburg der damaligen Besetzerszene.
Mit einem Diplom als Puppenspieler gehörte Marik von 1999 bis 2004 zum festen Ensemble des Jenaer Theaterhauses. Dort hatte er eine Chaos-WG mit einem Ensemblekollegen, dem Liedermacher und Kabarettisten Rainald Grebe. Eine Begegnung, die Spuren hinterlässt und Marik zu vielen seiner Figuren und Geschichten inspirierte. In dieser Zeit entsteht auch sein Programm "Autschn! Ein Abend über die Liebe", und ohne den Grebe, sagt Marik, würde es "diesen Schwachsinn nicht geben".
(Text: Konrad Welzel / Fotos: René Marik www.renemarik.de)
|
titelthema |
|
popular im |
Kommentare