Weltenbummler / Süden 22.12.09
Text: Wiebke Meeder
De facto verhält sich der Regenbogenkosmos in Madrid nämlich wie in jeder anderen Metropole auch: er wächst und gewinnt an Farbe. War das Viertel Chueca in den 90ern noch wegen Drogenhandel und Prostitution verschrien, so schlägt dort heute das Herz der schwul-lesbischen Szene. Neben antiken Lädchen wurden Boutiquen eröffnet; neben kleinen Cafés machten nach und nach immer mehr - fast genau so kleine - Clubs ihre Tore auf.
Das Ergebnis: ein wilder Haufen verschiedenster Locations, bei dem für wirklich jeden etwas dabei ist. Den Abend beginnt man am besten mit einem Bier im Angel Sierra direkt am Plaza de Chueca, schlendert dann die Calle Gravina hinauf zur Calle Hortaleza, um sich einen Überblick der verschiedenen Läden zu verschaffen, kehrt bei Mama Ines für einen Cocktai

l oder eine heiße Schokolade mit Sahne ein und geht dann zurück zum Plaza, um sich in eine amüsante Partynacht mit vielen Zwischenstops in diversen Tanzlocations zu stürzen. Für den kleinen Hunger zwischendurch bieten fast alle Bars um den Platz Tapas oder Bocadillos an, die Preise variieren hier zwischen 50Cent für ein Schälchen Oliven und 7-8 Euro für einen guten Teller Muscheln.
Doch zurück zu den Tanzsälen: man kommt in Chueca nicht umhin, die Kopie des aus der US-Serie „The L-Word" bekannten Planet zu besuchen, das sich über drei Etagen erstreckt und in dem sich ein wilder Menschenmix auf der Tanzfläche drängt. Für alle, die gerne schnell mit Muttersprachlern ins Gespräch kommen, ist das Fulanita de Tal ein guter Tipp. Unter anderem in einer Doku über schwul-lesbisches Leben in Spanien zu sehen, wird hier zu verschiedenen Musikrichtungen gefeiert oder sich auf die roten Ledersofas im unteren Bereich verzogen - und das ganz ohne Eintritt, außer es stehen besondere Festivitäten an. Und wenn um 4.30 das Licht angeht: ab ins Escape, ein Fluchtpunkt mit grünem Licht, Musik von Grease bis Abba und Öffnungszeiten bis 9 Uhr. Madrids Partyvolk ist aber natürlich auch fernab festgelegter Clubtouren zu finden, so entsteht gerade für alle Frauen, die Frauen lieben, eine neue Partyreihe im Florida Park. Die Halloween Party dort war beispielsweise ein Highlight aller bisherigen Partynächte in der Hauptstadt Spaniens - und so soll es ab jetzt einmal im Monat weitergehen. Die Location ist ausladend und a
temberaubend im Retiro Park gelegen, die Musik mehr als tanzbar und das Publikum international. Infos über aktuelle Veranstaltungen können über www.cailaclub.com bezogen werden, dort ist momentan auch ein lesbisches Forum für Madrid im Aufbau. Andere Informationen, die sich zum Beispiel der Organisation des Christopher Street Day oder Sportveranstaltungen am Rande des Partymarathons widmen, können unter www.lesmadrid.es eingesehen werden.
Versteckt wird sich also fast 35 Jahre nach dem Tod Francos weiß Gott nicht mehr. In einer Stadt, in der Abtreibungsgegner groß angelegte Demonstrationen organisieren, ist gegenüber Homosexualität überraschender Weise eine sehr liberale Haltung zu finden. Seit 2004 dürfen Mann-Mann und Frau-Frau Paare heiraten; im Gegensatz zu beispielsweise Deutschland erkennt Spanien die „Homo-Ehe" der „Hetero-Ehe" gegenüber als absolut gleichwertig an. Auch dürfen lesbische Pärchen durch künstliche Befruchtung schwanger werden, sowie eine Adoption durch zwei Mamis oder zwei Papis durchaus legitim ist.
Vielleicht ist es auch durch diese gesetzliche Gleichstellung zu begründen, dass die Regenbogen-Gemeinschaft in Madrid nicht so unter sich ist wie man so oft von eben dieser annimmt: So kann man dann auch mal Omi und Opi ein wenig verwundert, aber trotzdem sehr tanzfreudig auf chuecan´schen Tanzflächen beobachten. Auch zu härtesten House-Beats.
Madrid ist und bleibt eben „de puta madre" und ein bisschen verrückt.
(Text und Fotos: Wiebke Meeder)
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