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Oscarprämiertes Meisterwerk aus Argentinien

Julias Kinoecke: In ihren Augen

Als der Oscar für den besten fremdsprachigen Film 2010 an das argentinische Drama „In ihren Augen“ ging, war die Überraschung groß. Dass sich dieser Außenseiter gegen hoch gelobte Filme wie „Das weiße Band“ und „Ein Prophet“ durchsetzen würde, hatte niemand erwartet, setzt Juan José Campanellas Werk doch ganz klassisch auf die Wirkung des Erzählens.

Kinoecke„In ihren Augen“ beginnt mit drei Erinnerungsfetzen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: die verschwommen wirkenden Szenen eines Abschieds am Bahnhof, ein frühmorgendliches Frühstück zweier Liebender und eine brutale Vergewaltigung – Für Benjamin Espósito (Ricardo Darín) drei Möglichkeiten seinen Roman zu beginnen. Alle landen sie im Mülleimer.Als pensionierter Polizeiermittler will Benjamin einen Roman schreiben über jenen Fall, der ihn sein Leben lang nicht mehr los gelassen hat. 1974 wird eine junge Lehrerin in Buenos Aires brutal vergewaltigt und ermordet. Die korrupte Militärregierung Argentiniens will den Fall schnell zu den Akten legen und verhaftet zwei unschuldige Immigranten. Benjamin ignoriert die Drohungen seiner Vorgesetzten und ermittelt mithilfe der jungen Richterin Irene (Soledad Villamilund) und seinem Assistenten Pablo (Guillermo Francella) auf eigene Faust. Es gelingt ihnen, den Mörder zu überführen, dieser kommt jedoch wieder frei, als er freiwillig mit dem System kooperiert.

Durch seinen Roman will Benjamin 25 Jahre später seine Vergangenheit bewältigen und Erinnerungen verarbeiten. Erinnerungen an den Schauplatz des Mordes, die entstellte Leiche, die Gespräche mit dem Ehemann der Toten, der wie besessen nach dem Mörder seiner Frau forschte. Erinnerungen an vertraute Momente mit Irene, an die Flucht vor dem Regime. Benjamin schreibt, um zu vergessen und bemerkt gleichzeitig, dass er nur vergessen kann, wenn der Mörder doch noch seine gerechte Strafe bekommt.

Campanellas Film erzählt vom Umgang mit Erinnerung, der eignen, der fremden und jener, die sich in Akten wieder findet. Er erzählt aber ebenso von der Tiefe menschlicher Beziehungen. Von der unausgesprochenen Liebe zwischen Benjamin und Irene, die nur in Blicken lebt, von der besonderen Freundschaft zwischen dem Ermittler und seinem Assistenten, von der niemals endenden Liebe zwischen Morales und seiner toten Frau. Interessant ist hier, dass der Regisseur die Beziehungen der Männer untereinander ebenso tief erscheinen lässt, wie jene zwischen den Geschlechtern.

Der Filmtitel ist dabei permanent Programm. Man sollte allerdings berücksichtigen, dass die deutsche Übersetzung ein wenig unglücklich gewählt wurde. „In ihren Augen“ meint keineswegs nur die Augen einer Frau. Vielmehr geht es um die Augen aller. Durch seinen Blick in Irenes Ausschnitt verrät sich beispielsweise der Mörder. Benjamin hingegen hofft, dass Irene in seinen Augen die Liebe zu ihr erkennt. Ein wiederkehrendes Motiv sind zudem die vielen Blickwechsel der Figuren.

Bemerkenswert ist vor allem, wie harmonisch die verschiedenen Genres und Erzählebenen miteinander verschmelzen. Bevor die Jagd auf den Mörder beginnt, gibt sich der Film nahezu heiter, als eine Art Bürosatire. Dazu trägt vor allem die herrlich amüsante Spielweise des argentinischen Comedians Guillermo Francella bei. Er verkörpert den harmlosen Trinker Pablo auf eine sehr sympathische Weise, die einige skurrile Szenen entstehen lässt.

Der brutale Mord an der jungen Frau und die daraus resultierende Mörderjagd lassen den Film zum Krimi und später sogar zum Thriller avancieren. Hineingewoben ist stets die unerfüllte Liebe zwischen Benjamin und Irene, die dank herausragender Schauspieler niemals kitschig oder übertrieben wirkt. Sehr subtil wird zudem auf die argentinische Vergangenheit angespielt, auf die Zeit der Militärdiktatur und ihre Folgen.

„In ihren Augen“ ist ein packender und unheimlich berührender Film, der mit seiner Vielschichtigkeit wohl zu den größten des Jahres 2010 zählen dürfte.

Bewertung: 5 von 5 Sternen

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(Text: Julia Hanel / Zeichnung: Christina Koormann)
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