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Ohne iPad ist Weihnachten ein Arschloch

Kolumne “Der ganz normale Wahnsinn”

In der festlich geschmückten Stube brannten die Kerzen auf liebevoll hergerichteten Tannenzweigen. Ein Duft nach Orangen und Zimt lag in der Luft. Selbst die Lichter am Baum waren angezündet und tauchten den silbernen Schmuck in einen Schleier aus glitzernden Sternchen.

Weihnachten Arschloch

Genau wie im Jahr zuvor schmückten Kugeln den Baum, den Opa bereits im Sommer ausgesucht hatte. Manche Kugeln waren seit Jahren gefleckt, andere gerissen oder besaßen auf der Rückseite ein kleines Loch. Doch ich wusste, dass sie noch viele Feste dort hängen sollten, bis ihr Glanz vollständig verloren gegangen war, oder zu viele beim Schmücken abgestürzt waren. Die Anspannung der letzten Tage gipfelte im Höhepunkt vor den weichen Flammen, die sich in den Kinderaugen tausendfach spiegelten. Die besinnliche Zeit war gekommen.

Bereits vier Wochen vorher habe ich mich auf dem Ohrensessel niedergelassen und den kleinen, sauber gefalteten Wunschzettel geöffnet. Neben Schneesternen und Engeln, Glöckchen und einem Holzschlitten für Drei zierten aufgemalte Blumen den Rand. Die bunte Schrift war geschwungen und liebevoll verfasst.

Ein sanftes Lächeln huschte über mein Gesicht.

Liebes Christkind, stand dort geschrieben. Dieses Jahr war ich besonders brav. Deshalb wünsche ich mir ein paar neue Buntstifte, einen Teddy und einen Pullover mit Ärmeln, die lang genug sind. Vielleicht hat der Weihnachtsmann sogar etwas rote Wolle für mich übrig. Das wäre toll. Ansonsten freue ich mich auch über den gleichen, weichen Stoff, wie im letzten Jahr. Für meinen Vater wünsche ich mir, dass er seinen Job behält, und für meine liebe Mutter die duftende Seife, die sie nur zu besonderen Anlässen aus dem Schrank nimmt. Ihre ist so klein geworden, dass sie gerade noch für meinen Peter, die Puppe groß genug wäre.

Jedes Mal, wenn meine Oma von Weihnachten erzählte, entführte sie mich in eine andere Zeit. Sie sagte, dass es ohne ein auswendig gelerntes Gedicht oder ein festliches Lied keine Geschenke gab und erinnerte daran, wie die Kleinen emsig mit der neuen Puppe oder der Lokomotive aus Holz gespielt haben. Anschließend setzten sich alle an den großen Tisch und aßen Brotsuppe und selbstgemachten Apfelkompott.

Erst nach der Weihnachtsgeschichte von Opa, den schweren Fotoalben, mit den verblassten Bildern, die jeweils eine eigene Geschichte besaßen, und den Weihnachtskarten, die der Postmann gerade noch rechtzeitig zugestellt hatte, gab es endlich die leckeren Lebkuchen, Spekulatius und Honigkuchen aus der großen Schüssel. Bereits in der vergangenen Woche hatten sie ihren herrlichen Duft von der Küche in das ganze Haus getragen und heizten die Erwartung an.

Von den Leckereien aßen selbst die Kinder so bescheiden, dass die letzten Stücke mit den Krümeln noch darin lagen, als sich bereits die ersten Schneeglöckchen und Blausterne vor dem Haus zeigten.

Das alles ist Vergangenheit. Heute, also 70 Jahre später, ist nicht mehr viel von der Tradition übrig geblieben, und ich muss mich fragen, ob es jetzt besser ist. Schließlich gibt es überall den gewaltigen Stollen bereits ab Ende September im Supermarkt zu kaufen, und die Werbebeilagen mit den tollen Weihnachtsschnäppchen aus allen Kategorien passen in den Wochen vor dem Fest nicht mehr in den Briefkasten.

Der Wunschzettel trudelt per WhatsApp bei Mutti ein, mit dem ein iPad 9,7 Zoll und ein spezielles Mountenbike beim Weihnachtsmann bestellt wird. Dazu gibt es einen Smiley mit Herzchen und den Link zum Kauf, mit dem Hinweis auf aktuell 23 Prozent Rabatt. Das alte iPad funktioniert zwar noch, hat aber einen Kratzer und ist nicht mehr angesagt. Schließlich ist Weihnachten. Das Fest des Kommerzes. Und am Montag wird in der Schule und bei den Kollegen ausgewertet, was jeder bekommen hat.

Ich atme tief durch und sehe mich um. Durch die Dunkelheit schweben die ersten Schneeflocken an meinem Fenster vorüber und Eiskristalle haben sich an einer Ecke gebildet.

Dieses Jahr habe ich einen winzigen Weihnachtsbaum im Topf aufgestellt. Schön geschmückt steht er etwas verloren vor meinem Fenster. Der besprenkelte Stern auf der Spitze ist aus Plastik und die Lichter blinken unruhig und ändern den Takt. Eine Weile sehe ich den winzigen LED Lämpchen zu und muss an Oma denken. Dann schalte ich ab. Ich bin mir sicher, dass es nicht das ist, was ich will.

Der Duft des Glühweins aus der Küche erreicht meine Nase, und ich hole mir ein Glas, zünde Kerzen an und lasse das Radio mit der schreienden Werbung verstummen. In Gedenken an meine Großeltern krame ich ihr altes Fotobuch hervor und streiche sanft mit der Handfläche darüber, als ich plötzlich weiß, was sie sich gewünscht hätten.

Ich schreibe einen Wunschzettel.

Liebes Christkind. Ich kenne dich nicht und weiß nicht, ob es dich wirklich gibt. Aber ich habe dieses Jahr weniger geflucht und mir weder ein neues Handy noch eine einzige Plastiktüte gekauft. Auch wenn ich noch viel mehr für mich und andere hätte tun können, legitimiert es mich möglicherweise dazu, die alte Tradition aufrechtzuerhalten, und meine Wünsche niederzuschreiben.

Ich wünsche mir, dass sich die Menschen ein klein wenig an die Konventionen der Vorfahren erinnern. Denn sie haben uns etwas bedeutet, und wir haben sie geliebt. Bewahren wir das Andenken als Respekt an ihr Leben in unserem Herzen und im Handeln.

Weiterhin wünsche ich mir Mäßigkeit trotz massiver Kaufanreize, selbst wenn wir es uns leisten können. Wir müssen uns nicht dem Konsum ergeben, und weder die meisten Lichter am Haus besitzen, noch der Tochter das teuerste Geschenk unter den Baum legen. Keine Frage. Das Essen soll etwas Besonderes sein, aber wir müssen nicht darin wetteifern, wessen Braten der fetteste war und bei wem es das längste Menü gab, mit sieben Gängen, Cocktails, edlem Wein und Kaffee mit Schuss.

Zum Abschluss wünsche ich mir ein warmes Herz, das für mich schlägt, und in Güte und Liebe zu mir steht, genau wie zu sich selbst und zu dieser Welt.

Das ist schon alles, was ich wirklich will.

Besinnliche Weihnachten.

Amy Graham

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Über den Autor

Amy Graham
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