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Nur Fußball? Wohl kaum!

Die Ultras Ahlawy, der Protest und die Katastrophe von Port Said
Am Mittwoch, den 01.02.2012 starben in Port Said bei einem Fußballspiel zwischen Al-Masri und Al-Ahly nach Fanausschreitungen nach heutigem Stand 74 Menschen, circa Tausend wurden teils schwer verletzt. Im Internet kursieren grausame Videos, die zeigen, wie eine wilde Meute den Platz stürmt und um sich prügelt. Die Frage bleibt: Ging es dabei überhaupt um den Fußball?


Die Geschichte beginnt am 25.01.2011. Was in Tunesien seinen Ursprung hatte und sich dann langsam über Algerien ausbreitete, erreichte an jenem 25. Januar auch Ägypten. Was wir heute als Arabischen Frühling bezeichnen war der Anfang für eine neue Ära. Eine Ära, die auch von Fußballfans und Ultra-Gruppierungen angestoßen wurde.

Ultras Ahlway unterstützen den Aufstand
Seit dem ersten Tag protestieren und kämpfen die Ultras diverser Fußballklubs an der Spitze der Protestbewegung. Insbesondere die Ultras Ahlawy des Fußballvereins Al-Ahly schrieben dabei Geschichte. Schon seit der Gründung 2007 agieren sie gegen Mubaraks Prügelpolizisten, der ehemalige ägyptische Präsident tat alles erdenkliche, um die Kämpfer von Ahlawy in der Öffentlichkeit zu diskreditieren.

Zwar ist die Gruppe heterogen, hat keine gemeinsame politische Richtung. Doch der gemeinsame Nenner war von Beginn an Mubarak. Er war das Symbol des Hasses, er musste weg – dafür arbeiteten die Ultras Ahlway hart, zusammen mit einem nicht geringfügigen Rest der ägyptischen Gesellschaft. Als der Diktator dann gestürzt war, kaprizierte sich der Protest auf den Militärrat, der – so lautet der Vorwurf – eine demokratische Entwicklung mit allen möglichen Mitteln weiterhin unterminieren würde.

Schulterschluss mit anderen Ultras
Doch die Ultras von Al-Ahly waren im Kampf gegen Regime und Militärrat nicht alleine, auch andere Gruppierungen schlossen sich an. Selbst mit den Ultras vom Erzfeind Zamalek, den Ultra White Knights, wurde der Schulterschluss gemacht. Vereint in der Sache protestiert man immer noch auf dem Tarhir-Platz und kämpft gegen die Unterdrückung. Dabei soll vor allem eine stadionähnliche Taktik verwendet worden sein. Gestählt aus zahlreichen Schlägereien mit Polizisten in zigfachen Stadionblöcken, stellt man sich auch auf der Straße den Regime-Schergen entgegen.

Amr Fahmy, Sprecher der Ultras Ahlway sagte gegenüber den 11Freunden im letzten Jahr: „Wir sind in den Straßenkämpfen eher wie bei den Auseinandersetzungen im Stadion aufgetreten: geschlossen auf die Polizisten los, als sie ihre Knüppel auspackten.“ Als „selbstverständlich“ beschreibt Fahmy den Kampf gegen Mubarak und dessen Erben. Genügend Erfahrung habe man schon auf der Straße gesammelt, da sei es unumgänglich gewesen, zurückzuschlagen und die Protestbewegung zu unterstützen.

Das Stadion als Keimzelle des Protests
Doch nicht nur in Ägypten scheint der Fußball eng verwoben mit der Protestkultur zu sein. Auch die anderen arabischen Diktatoren fürchteten die Unruhen, die vom Stadion aus auf die Straßen zu schwappen drohten. So wurde in Syrien mit dem Aufkeimen der Unruhen sofort der Spielbetrieb eingestellt. Was als reine Vorsichtsmaßnahme daherkommt, wird bei genauerem Betrachten zu reinem Kalkül. Im Fußball fischten seit jeher Regimepolitiker wie auch Oppositionelle um die Gunst der teils frustrierten und isolierten Fanscharen.

Mit der Einstellung des Ligaalltags wurden die potenziellen Unruheherde im Keim erstickt. Denn das Stadion diente als Zelle des Protests und als öffentlicher Ort, an dem man sich noch halbwegs sicher fühlte. Dieses Refugium wurde den Ultras geraubt. Doch die Schließung des Spielbetriebs hatte darüber hinaus auch einen noch pragmatischeren Grund: Die Stadien dienten zur Internierung der Oppositionellen.

Dass die Ultras damit aber vom Stadion direkt auf die Straße getrieben wurden, damit hatten die Diktatoren scheinbar nicht gerechnet. Denn dort nahmen sie auch eine Vorreiterrolle für viele Nachzügler ein. Die bitteren Gewalterfahrungen der Fans und das hohe Gewaltpotenzial entfachten ein Feuer, das auch den Rest der Gesellschaft erreichte, und half, die Grenze zum gewaltvollen, brutalen Protests zu überschreiten. Die Ultra-Gruppierungen senkten die Schwelle und gingen in vorderster Front in Angriffsstellung.

Ein geplantes Verbrechen?
Doch es scheint, als hätten die Ultras Ahlway für dieses Engagement an jenem 01.02.2012 exemplarisch zahlen müssen. Denn was dort in Port Said vorgefallen ist, hat mit einfachen Fanausschreitungen nichts zu tun. Vielmehr drängt sich der Verdacht auf, dass es sich um ein von Staatsseite aus initiiertes Verbrechen handelt.

Die Einlasskontrolle vor dem Stadion sollen so legere wie sonst nie gewesen sein. So sind dann auch die Messer und Schusswaffen aus dem Stadioninnenraum zu erklären. Zudem wurden zahlreiche Sicherheitskräfte schon frühzeitig abgezogen. Und die Ordner, Polizisten und Soldaten, die noch vor Ort für Sicherheit sorgen sollten, zeigten sich verdächtig passiv, als die Unruhen begannen und Fans den Rasen stürmten. Auch der Al-Ahly-Spieler El-Din Ahmed bekräftigt gegenüber Zeit Online: „Natürlich, ganz klar, das ist eine politische Angelegenheit, das war sofort klar.“

Rache für den Protest
Wie die 11Freunde auf ihrer Homepage berichten, sollen sich die Ultras von Al-Masry, dem Gastgeber, schon von den Vorfällen distanziert haben. Man habe damit nichts zu tun. Vielmehr sei man, so heißt es auf 11Freunde.de weiter „von dubiosen Gestalten gezwungen wurden, Karten für das Spiel gegen Al-Ahly abzugeben“. Augenzeugen berichten davon, dass dies keine Fußballfans gewesen seien. Die Befürchtung schwebt in der Luft, dass instruierte Gewalttäter die Karten für das Spiel erstanden, um dann auf Spieler und Fans von Al-Ahly Jagd zu machen und Rache für die Proteste zu nehmen.

Auch die Schussverletzungen im Kopf einiger Fans deuten auf einen geplanten Anschlag hin. Wer auf Krawall im Stadion aus ist, der greift zum Messer oder zur Sitzschale, aber Pistolen und zahlreiche Kopfschüsse waren bis dato glücklicherweise die reinste Mangelware. Auch dass der Polizeichef und der Gouverneur nicht im Stadion weilten, erhärtet den Verdacht des geplanten Vorgehens.

Zudem berichtet der Co-Trainer der ägyptischen Nationalmannschaft Tomek Kaczmarek der Bonner Rundschau, dass er und der gesamte Trainerstab im Vorfeld des Spiels gewarnt wurden und deshalb nicht ins Stadion gegangen sind. Die Frage bleibt: Wenn es nicht geplant war, wie konnten dann wichtige Politiker und Funktionäre gewarnt werden? Von wem wurden sie gewarnt, und wer hat diese Gräueltaten zu verantworten?

Die Fußballfans sind sich einig, dass es sein Racheakt sondergleichen war. Auch die Twittermeldung eines Augenzeugens, die die Zeitung al-Masry al-Youm veröffentlichte, stößt in dasselbe Horn: „Die Polizei öffnet die Tore für Horden von Masry-Anhängern, so dass sie uns erreichen können. Die Ausgänge, die normalerweise offen sind, sind jetzt verschlossen.“

Der Aufstand geht weiter
Der herrschende Militärrat, gegen den sich der momentane Protest wendet, kann die grausamen Vorfälle vom 1. Februar gnadenlos zu seinen Gunsten ausschlachten. Immerhin hat man nun durch die nochmals gestiegenen Unruhen und das Chaos ein Argument mehr, um das überaus umstrittene Notstandgesetz aufrecht zu erhalten. Das Gesetz ermöglicht die grundlose Festnahme von Regimekritikern und anderen unerwünschten Personen.

Doch die vereinten Ultras der ursprünglich verhassten Klubs zogen noch in derselben Nacht gen Tarhir-Platz. Sie protestierten, kämpften, zündelten. Der Aufstand geht weiter, daran wird auch die Katastrophe von Port Said nichts ändern. Denn allein um den Fußball geht es schon lange nicht mehr.

(Text: Jerome Kirschbaum)


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Über den Autor

Jerome Kirschbaum
Ressortleiter Sport

Jerome Kirschbaum schreibt am liebsten über Sport, wenn er denn nicht selbst auf einem Platz steht. Seit Oktober 2010 verdingt sich Jerome als Schreiberling für back view, neben den Leibesübungen widmet er sich sich auch politischen Themen. Im wahren Leben musste Jerome zahlreiche Semester auf Lehramt studieren, um dann schlussendlich doch etwas ganz anderes zu werden.

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