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Näher als du denkst

Litauen & AIDS: Ein Land und sein Kampf gegen die größte Pandemie der Gegenwart

„Dann lass uns reden“, sagt Jonas und bestellt uns beiden noch schnell zwei helle Biere in Weißbiergläsern. Ein neuer Trinktrend in Litauen. „Ich bin seit 14 Jahren infiziert, HIV hab ich mir in Thailand eingefangen. Man denkt nicht viel nach, wenn man jung ist. Und da war das Mädchen, das mir gefallen hat. Dann passierte es einfach.“ Als wir uns am Telefon verabreden, klingt seine Stimme sanft und gutmütig. Doch nun sitzt vor mir ein echter Cowboy aus der Marlboro Werbung. Eine Mischung aus John Travolta und Totti im Körper eines alternden Bodybuilders.

Das Café im Zentrum von Vilnius scheint ausschließlich von reichen Touristen besucht zu sein. Eine Kakophonie der Fremdsprachen verleiht Anonymität in der Menge. Den Treffpunkt hat mein Gesprächspartner selbst ausgesucht, da in Litauen öffentlich über HIV und AIDS nicht laut gesprochen wird. AIDS ist Tabuthema, es kann dich zerstören, das Geschäft rauben, dich aus dem sozialen Leben verbannen. Jonas scheint viel zu verlieren zu haben. Mit den Partnern leitet er eine erfolgreiche Firma, er fährt ein teueres Auto, hat einen guten gesellschaftlichen Ruf. „Neue Litauer“, nennt man solche Menschen.

„Nur meine Frau und ein gemeinsamer Freund wissen von der Sache bescheid. Meine Eltern und Kinder werden davon erfahren, wenn die richtige Zeit kommt“. Plötzlich gibt er zu, dass er sich erstmals einem Fremden outet. Dann schaut er mich über den Rand seiner Spiegelsonnenbrille an und setzt mich in Kenntnis, dass eine Veröffentlichung seines Namens für mich persönliche Konsequenzen nach sich ziehen wird. „Es gab einen Journalisten, der geplaudert hat. Ihm wurden beide Beine gebrochen“. Dann würdigt er mich erneut eines trüben Blickes durch den Rand seiner Sonnenbrille. Der Ruf ist alles in Litauen und AIDS kann ihn schnell zerstören.

AIDS-Bombe im Gefängnis
2002 ist in Litauen die so genannte AIDS-Bombe explodiert. Der baltische Staat mit den etwa 3.6 Millionen Einwohnern war davor das am wenigsten vom HIV und AIDS betroffene Land in der gesamten Region. Nach dem ersten diagnostizierten HIV-Fall 1988 bis zum Jahr 2001 gibt es den offiziellen Angaben zufolge in Litauen insgesamt 338 HIV-Infizierte: Der niedrigste Wert in Europa. Doch als 2002 eine der insgesamt 14 Haftanstalten des Landes untersucht wird, ermitteln die Ärzte im Alytus Gefängnis im Süden Litauens innerhalb nur weniger Wochen 300 HIV-Infizierte.

Fast genauso viel wie in 13 Jahren im ganzen Land davor. 90% der Infizierten haben sich durch intravenösen Drogengebrauch angesteckt. Die Gefängnisse sind hoffnungslos überfüllt, es fehlt an Drogenprävention, so dass bis zu 30 Insassen sich eine Spritze teilen müssen. Eine Explosion auch im gesellschaftlichen Bewusstsein. Doch die Konsequenzen sind fatal: Es sind Stimmen zu hören, die fordern, die Insassen zu isolieren. Den Verantwortlichen fehlt es an Präventions- und Integrationskonzepten.

In der Öffentlichkeit breitet sich die Einstellung aus, dass HIV und AIDS das ausschließliche Problem der Gefängnisse ist. Aus Protest gegen ihre Lebensbedingungen und unzureichenden Schutz vor HIV-Infektionen tritt im Juni 2002 nahezu die Hälfte der litauischen Häftlinge in einen Hungerstreik. Doch es geht ihnen dabei nicht um die Solidarität mit den infizierten Gefangenen: Sie wollen die Verlegung der Infizierten in die anderen Gefängnisse verhindern.

Menschen wie jeder andere
„In Litauen wird diese Krankheit stigmatisiert.  Sie wird den Gefängnisinsassen, Prostituierten, Junkies und Homosexuellen zugeschrieben, aber ich denke, dass in diesem Jahrhundert jeder erkranken kann“. Der Reggaesänger und Botschafter der weltweiten Anti-AIDS Kampagne in Litauen Hokshila Andrade ist ein neues Sternchen im Pophimmel des baltischen Staates. Ein Weltenbummler, der Afrika. Lateinamerika, Asien bereiste und AIDS hautnah erlebte.

„AIDS ist näher als du denkst“, steht zurzeit nahe zu an jeder zweiten Litfasssäule im Zentrum von Vilnius. Darunter ein Bild von Hokshila in der Menge lachender afrikanischen Kindern. „Wir Litauer sind ein glückliches Volk, das Recht auf Bildung und medizinische Behandlung hat. Doch das wird leider nicht geschätzt. Wir sollten uns selbst und andere schützen, mehr Toleranz anderen gegenüber haben“. Der 25 Jährige ist sich sicher, dass die Situation in Europa und Afrika nicht verglichen werden kann.
„Es gibt in Litauen kein Mangel an Informationen über die tödliche AIDS Gefahr und über die Infektionswege, doch manchmal erinnert mich die Einstellung der Litauer an die der Afrikaner“. Die Bevölkerungsumfragen zeigen, dass ein durchschnittlicher Litauer nicht wollen würde, einen Alkoholiker, Gefängnisinsassen, Ausländer oder HIV-Infizierten als Nachbar zu haben. „Ich kann es aber nicht gerechtfertigen. HIV-Infizierten und AIDS-Kranken sind einfach Menschen wie jeder andere“.

Erfolgloser Erfolg
Nach offiziellen Angaben sind in Litauen gegenwärtig 1156 Menschen mit dem HIV infiziert. 113 davon haben das AIDS-Stadium erreicht. Nur etwa zehn Prozent der Infizierten haben sich durch heterosexuellen Geschlechtsverkehr angesteckt. „Diese Zahlen können sehr schnell irreführen“, behauptet Direktor des litauischen AIDS Zentrums Dr. Saulius Caplinskas, „je besser wir arbeiten oder je weniger Infizierten registriert werden, desto weniger Aufmerksamkeit genießt dieses Problem in der Öffentlichkeit und bei den Verantwortlichen in der Politik, desto weniger finanzielle Unterstützung bekommen wir.

Es ist ein Problem mit einem Januskopf.“ Dr. Saulius Caplinskas ist ein unangefochtener Spezialist dieses Bereiches, der das AIDS-Zentrum seit seiner Gründung 1989 führt. „Wenn es über HIV-Infektion und AIDS diskutiert wird, wird es zu selten über das Verhalten der Menschen gesprochen. HIV und AIDS ist eine Verhaltenskrankheit. Ein Drogensüchtiger in Deutschland verhält sich nicht genauso wie ein Drogensüchtiger in Litauen tun würde. Schon die Drogen, die konsumiert werden, sind anders.
Dazu kommen die unterschiedlichen sozialen Bedingungen, finanzielle Lage oder Gewohnheiten und das Denken. Und wie sieht der grenzübergreifende Kampf  gegen HIV und AIDS? Auf dem internationalen Niveau wird dieses komplexe Problem nivelliert: Gleiche Lösungsansätze werden sowohl in Afrika als auch in Litauen, Deutschland oder Russland gesucht. Dieselbe Message wird weltweit verbreitet. Und was passiert jetzt? Der Kampf gegen AIDS wird verloren!

In der Vytenio Straße 59 in Vilnius befindet sich ein grauer, fünfstöckiger Plattenbau, in dem das litauische Aids Zentrum sein Laboratorium hat. Das Haus steht in einem Viertel, der von Invasion der deutschen, italienischen und polnischen Rentner-Touristen verschont bleibt. Das Terra Incognita der europäischen Kulturhauptstadt von 2009. Im Sommer finden hier regelmäßige monatliche „Untersuche Dich“ Aktionen, die die öffentliche  Aufmerksamkeit wach halten sollten.

„Wenn es kein Ereignis gibt, bauen wir unsere eigenes auf“, erzählt stolz Dr. Saulius Caplinskas,  „mit Hilfe solcher Veranstaltungen bieten wir der litauischen Bevölkerung eine Möglichkeit, sich kostenlos zu untersuchen. Es ist außerdem absolut anonym, so dass auch Menschen aus kleineren Orten zu uns kommen.“ Es werden stets einige neue HIV-Infizierte „entdeckt“. Doch August bleibt erfolglos – es wird kein einziger HIV-Infizierte oder AIDS-Kranke ermittelt. „Daran liegt der größte Erfolg unserer Arbeit“, so Saulius Caplinskas.

Am Rande der Wahrnehmung
Etwa 20 Kilometer östlich von der Hauptstadt Vilnius liegt das geographische Zentrum des europäischen Kontinents. Darauf sind viele Einwohner Litauens stolz. Doch das Zentrum der europäischen Aufmerksamkeit ist das Land nicht. In der gesamteuropäischen Perspektive liegt Litauen immer noch am Rande der Wahrnehmung. Für viele Westeuropäer ist dieser baltische Staat ein ziemlich unbekanntes, kleines Land irgendwo im Osteuropa.

Die Litauer mögen es aber nicht besonders, Osteuropäer genannt zu werden. Viel lieber sind ihnen die Bezeichnungen Nordosteuropäer, neue Europäer, Balten oder schlicht und einfach Litauer. Ein Osteuropäer ist eine Bezeichnung, an der etwas intuitiv und unausgesprochen Negatives klebt. Wenn man versucht, das Unausgesprochene auszusprechen, könnten möglicherweise Begriffe wie Armut, Billigarbeiter, Menschenhandel oder auch Mafia, Prostitution und AIDS auftauchen.
„HIV und AIDS kennt aber keine Staatsgrenzen und wählt seine Opfer nicht nach ihrer Nationalität aus“, schließt unser Gespräch der HIV-Infizierte Jonas ab, „Angst zu haben hilft nicht. Jeder sollte sich der Gefahr bewusst sein und sich selbst und die anderen schützen. Da ist jeder nur vor sich selbst verantwortlich!“

(Text: Darius Cerniauskas)
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