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„Nein, ich bin nicht bei Facebook“

Über ein Leben ohne Social Network
Für viele gehören sie zum Alltag – für die meisten ist es Routine, sie mehrmals täglich abzurufen – für einige sind sie bereits zur Sucht geworden. Die Rede ist nicht von E-Mails, sondern von Social Networks, die mittlerweile allgegenwärtig sind und vor denen sich kaum mehr jemand retten kann.

Allein das größte Soziale Netzwerk, Facebook, hat nach eigenen Angaben fast 600 Millionen angemeldete Nutzer weltweit. Laut Facebook loggen sich 50 Prozent der aktiven User jeden Tag in das Netzwerk ein und der Durchschnittsuser hat 130 Freunde. Angesichts dieser Zahlen, erscheint es als Rarität, in keinem Sozialen Netzwerk angemeldet zu sein.

Und doch gibt es solche Ur-Menschen, wie Mark, 24 (Name und Alter von der Redaktion geändert),  die sich gegen das Social Networking wehren und in keiner Plattform ein Profil angelegt haben. Er ist kein Internet-Boykotteur. Er nutzt es regelmäßig, um sich zu informieren oder via Instant-Messenger mit seinen Freunden zu chatten. Doch gegen eins wehrt sich Mark vehement: eine Mitgliedschaft in einem sozialen Netzwerk.

back view wollte wissen, wie es sich ohne Facebook, StudiVZ und Co. lebt und, ob er das Gefühl hat dadurch etwas zu verpassen. Das sieht Mark nicht so: „Wichtige Dinge, die mich interessieren und, die ich wissen will, bekomme ich auch so mit“, meint der Student. In den Social Networks würden seiner Meinung nach sowieso viele Oberflächlichkeiten ausgetauscht und statt Informationen gebe es „dummes Geschwätz“. Das sei wie Small Talk in der realen Welt, meint der 24-Jährige und darauf verzichtet er liebend gern.

Das war jedoch nicht immer so. Mark war fünf Jahre lang im StudiVZ angemeldet und nutzte die Plattform regelmäßig, wenn auch nicht exzessiv. Im vergangenen Jahr tat er, was momentan bei Usern zum Trend wird: Er löschte sein Profil im Studentennetzwerk. Gründe gab es für ihn mehrere. Zum einen sei der mangelnde Datenschutz ausschlaggebend gewesen. „Es wurde immer mehr durch die Medien bekannt, dass Daten der Nutzer verkauft wurden und selbst die privaten Nachrichten gespeichert wurden“, meint der 24-Jährige.

Er habe in dieser Zeit viele Medienberichte darüber gelesen und die Situation verfolgt. Zum anderen wurde ihm immer klarer, dass das Verfolgen von Pinnwänden, Fotos und Statusmeldungen eine große Zeitverschwendung sei. „Man vergeudet damit Zeit, die man anderweitig nutzen kann“, so Mark. Diese Bedenken hätten sich bei ihm im Laufe der Zeit entwickelt und führten schließlich 2010 dazu, dass er das Profil löschte. Doch fehlt ihm wirklich nichts?

Mark meint ganz klar Nein. Er habe nicht das Gefühl, dass er etwas verpasse oder Kommunikation unter Freunden ihn nicht erreiche. Es passiere ihm allerdings öfter, dass andere ihn dazu bringen wollen, sich bei Facebook und Co. anzumelden. „Viele wollen einen überreden, dass man sich in Social Networks anmeldet“, erzählt Mark, er habe auch schon Einladungen per E-Mail geschickt bekommen.

Einen gewissen gesellschaftlichen Druck oder Gruppenzwang erkenne er auf jeden Fall, „dem ich aber nicht nachgeben werde“, ergänzt er entschlossen. Darüber hinaus gäben sich viele Benutzer in den Social Networks anders als sie sind und sich im normalen Leben verhalten würden. Dies schreibt Mark der „Maske des Anonymen“ zu, hinter der sie sich im Internet  verstecken können. „Sehr viele präsentieren sich dort selbstdarstellerisch, das ist mir zuwider.“

Dass diese Netzwerke die persönlichen Daten ihrer User preisgeben und verkaufen, ist für ihn inakzeptabel. „Ich bin mir bewusst, dass damit ein Geschäft betrieben wird“, betont er. Die generelle Idee des Social Networkings sei „vielleicht gar nicht mal schlecht“, denn man könne auf schnellem Wege miteinander kommunizieren, die Nachteile überwiegen für ihn allerdings. Laut Facebooks eigenen Angaben verbringen dessen User insgesamt über 700 Milliarden Minuten pro Monat auf der Plattform. Marks Appell an übermäßige Facebooknutzer lautet deshalb, lieber raus zu gehen – das wahre Leben zu genießen – und es nicht mit „schwachsinnigen Oberflächlichkeiten“ zu verschwenden.

Vielleicht ist es keine schlechte Idee, wenn man sich bewusst macht, wie viel Zeit man auf Facebook und Co. verbringt, damit man nicht irgendwann da sitzt, wie in der Schlussszene des Films „The Social Network“: Ständig mit dem Finger auf der F5-Taste, um zu sehen, was sich im virtuellen Leben tut, während das reale an einem vorbeizieht.

(Text: Julia Radgen)


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Über den Autor

Julia Radgen
Ressortleiterin Gesellschaft

Julia Radgen lebt in Mainz und schreibt am liebsten über Kultur- und Gesellschaftsthemen - und interessante Menschen. Sie ist Social Media-süchtig und verzichtet nur freiwillig auf Internet und Handy, wenn sie zu einem Festival fährt. Wenn sie groß ist, will Julia mal Journalistin werden.

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