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„Liebes Tagebuch…“

Über Geheimnisse in persönlichen BĂŒchern

Sind Geheimnisse nur deshalb Geheimnisse, weil ich sie niemandem verrate? Sind sie weniger geheim, sobald ich sie einem Objekt anvertraue und ist ein Tagebuch ĂŒberhaupt der richtige Ort dafĂŒr? Ja, denn dann schwirren die Gedanken zumindest nicht mehr leer in meinem Kopf herum.

tagebuch
Liebes Tagebuch,

es ist anstrengend ein solches Buch wie dich zu fĂŒhren. Es kostet mich unheimlich viel Zeit. Ich schaffe es nie, mich jeden Abend hinzusetzen und Dir alles zu erzĂ€hlen. Ich muss alles niederschreiben, weil du mir sonst nicht zuhören kannst. Meine Hand ist abends mĂŒde.

Es ist manchmal schwer, ein solches Buch wie dich zu fĂŒhren. Du bist sehr schweigsam, hörst nur zu, antwortest nie. Wie soll ich wissen, was du denkst? Woher soll ich wissen, ob ich alle wichtigen Stichpunkte genannt habe und die ZusammenhĂ€nge auch noch hinterher herstellbar sind?

Es ist nicht gerade einfach, zu wissen, was du denkst. Du zeigst keine Reaktion, bist sehr geduldig, aber lĂ€sst mich nicht spĂŒren, wenn ich mich in meinen Gedanken verirre. Es ist eine fĂŒrchterlich einseitige Beziehung – du wartest nur darauf, bis etwas von mir kommt.

Es ist verrĂŒckt, wie viel Vertrauen ich dir schenke. Ich kann dir alle meine Geheimnisse verraten, heißt es. Geheimnisse, wozu brauche ich die schon. Gibt es so etwas eigentlich noch? Sind wir heute nicht alle wie ein offenes Buch, weil wir auf Online-Plattformen so viel von unserem Leben preisgeben?

Es ist mutig von mir, dir mein Herz auszuschĂŒtten. Ich mĂŒsste dich verstecken, hĂ€tte ich dir wirklich Geheimes erzĂ€hlt. Ich mĂŒsste dich zwischen Kleiderhaufen oder unter die Matratze stecken, möchtest du nicht gefunden werden.

Es fĂ€llt mir nicht leicht, deine Existenz nicht zu hinterfragen. Möchte ich spĂ€ter wirklich noch mal mein Erlebtes nachlesen, kann ich mich jemals noch mal in diese eine Situation hineinfĂŒhlen und brauche ich das ĂŒberhaupt?

Liebes Tagebuch. Du magst vielleicht anstrengend sein, du kostest mich unheimlich viel Zeit, Du liegst einfach nur herum und wartest, bis ich dich mit Inhalten fĂŒlle. Aber du bietest mir auch Platz, mir alles von der Seele zu schreiben. Du urteilst nicht, du schĂŒttelst nicht entsetzt den Kopf oder analysierst kritisch meine Situation.

Nein, du wartest vielmehr, bis ich alle meine Gedanken sortiert habe. Ich kann durch dich Vergangenes im Auge behalten und ĂŒber die Zukunft philosophieren. Und ich kann dir all die vermeintlichen Geheimnisse erzĂ€hlen, die dann gar keine Geheimnisse mehr sind.

(Text: Christina Hubmann / Foto: Mariesol Fumy by jugendfotos.de)

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Über den Autor

Christina Hubmann
Redakteurin

Christina Hubmann wollte eigentlich mal Busfahrer werden, ehe sie sich entschloss, doch "irgendwas mit Medien" zu machen. Schreiben tut sie nÀmlich schon immer gern. Und wie das Leben ohne dieses Internet funktioniert hat, fragt sie sich schon seit LÀngerem - erfolglos.

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