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Mit Jürgen Klinsmann kam die Wende

Interview mit der Sportpsychologin Dr. Ines Pfeffer

Die frischgebackene Speerwurf-Weltmeisterin Christina Obergföll hat einen, die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ebenfalls: einen Sportpsychologen. Nicht mehr nur die körperliche Stärke ist im Wettkampf entscheidend, das Mentale ebenso, um im entscheidenden Moment seine Top-Leistung abzurufen. In Leipzig, an der sportwissenschaftlichen Fakultät der Uni Leipzig, lehrt Dr. Ines Pfeffer. Die 38-Jährige gibt innerhalb des Studiums der Sportwissenschaften die theoretische und praktische Ausbildung in der Sportpsychologie. Mit Sandra Arm spricht die 38-Jährige über Techniken der Motivation, den Unterschied zwischen Sportpsychologe und -therapeut und wie man als Breitensportler den richtigen Fachmann findet.

 

Frau Pfeffer, wann haben Sie sich zuletzt richtig motivieren müssen?

Ines Pfeffer: Das passiert mir ständig, vor allem wenn es um die regelmäßige körperliche Aktivität geht. Ob im Leistungssport oder im Freizeit- und Fitnessbereich gibt es wohl niemanden, der dieses Gefühl nicht kennt – bevor es zum Trainieren geht, den inneren Schweinehund zu überwinden. Das ist ein ganz normales Gefühl, das jedoch keinen davon abhalten sollte, es immer wieder zu probieren.

 

Wie schaffen Sie es, den inneren Schweinehund zu überwinden?

Ich weiß, dass ich mich nach dem Sport besser fühle und versuche mir dieses Gefühl ins Gedächtnis zu rufen. Ich sitze überwiegend am Computer und wenn ich wenig Zeit habe zum Sporttreiben und ich längere Zeit nicht aktiv war, dann merke ich, dass meinem Körper die Bewegung fehlt. Zum Stressabbau gehe ich dann gerne Laufen, Radfahren oder ins Fitnessstudio. Außerdem motiviert mich Musik, die mich beim Laufen unterstützt.

 

Welche Techniken zur Motivation gibt es?

Es gibt generelle Techniken, die langfristig wirken. So wie im Bereich er Zielsetzung. Es geht darum: Was will ich erreichen und in welchem Zeitraum. Die großen Ziele werden auf kleine Zwischenziele heruntergebrochen. Ein Zwischenschritt könnte sein, dass ich nie vergesse, wofür ich das mache. Es gibt auch Techniken, die kurzfristig wirken. Sie sollen in den Situationen helfen, in denen ich merke, dass die Motivation, zum Training zu gehen, in diesem Moment fehlt. Außerdem gibt es individuelle Techniken.

 

Wie sehen diese individuellen Techniken aus?

Indem ich mir beispielsweise bewusst vor Augen führe, welche Gedanken gehen mir momentan durch den Kopf, die ich dann versuche umzudeuten oder einfach zu stoppen. Oder ich entwickle Strategien, in dem ich mir sage: Ich fange mal an, gehe wenigstens für 15 Minuten joggen – ein bisschen ist besser als gar nicht.

 

Wie sieht die Arbeit eines Sportpsychologen aus?

Er beschäftigt sich mit zwei übergeordneten Themen: Sportpsychologie im Leistungssport und im Gesundheits- und Freizeitbereich. Bei letzterem geht es vordergründig darum, wie kann ich Menschen motivieren, regelmäßig Sport zu treiben. Außerdem: Welche Effekte hat regelmäßige Sportaktivität auf die psychische Gesundheit. In den Bereich des Leistungssports gehören die systematischen MethodenTrainingsverfahren, die der Leistungsoptimierung und Leistungsstabilisierung dienen.

 

Wie ist es zu erklären, dass immer mehr Leistungssportler auf die Hilfe von Sportpsychologen zurückgreifen?

Es wird immer mehr erkannt, dass der Erfolg im Leistungssport nicht mehr nur auf das körperliche Training zurückzuführen ist, sondern die mentalen Seite ebenfalls eine übergeordnete Rolle spielt. Lange Zeit existierte die vorherrschende Meinung, dass man die mentale Seite nicht trainieren kann. Wer es mental als Leistungssportler nicht schafft, der hat dort auch nichts zu suchen. Diese Meinung gibt es zum Teil heute noch, aber sie hat sich relativiert. Es setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass die mentale Seite genauso dazu gehört, um optimale Leitungen zu erbringen. Es ist genauso wie das körperliche Training, ein kontinuierlicher Prozess, der parallel im Jugendalter ansetzen und dann weitergeführt werden sollte.

Pfeiffer2Seit wann ist in Deutschland diese Entwicklung zu beobachten, dass die Sportpsychologie immer mehr in den Vordergrund rückt?

Ausschlaggebend war meines Erachtens Jürgen Klinsmann. Als er Nationaltrainer der deutschen Mannschaft wurde, hat er erstmals im Fußball  einen Sportpsychologen  engagiert. In den männlich dominierten Sportarten wie Fußball war die Ablehnung bei dem Thema immer besonders groß. Klinsmann hat einen großen Beitrag dazu geleistet, dass die Sicht auf die Sportpsychologie etwas positiver verlief und jedem klar wurde, dass es keine Therapie ist, bei der die Sportler auf der Couch liegen und über ihre Probleme reden.

 

Dennoch wird Sportpsychologie oft mit Therapie gleichgesetzt.

Das Problem sehen wir ebenfalls. Und ein Sportpsychologe macht keine Therapie. Es geht viel mehr darum, mentale Fähigkeiten zu trainieren, die dem Athleten helfen sollen, seine Leistung zum Wettkampfhöhepunkt abzurufen. Da möchte niemand mehr dem Zufall vertrauen, wenn der Leistungshöhepunkt ansteht und es an dem Tag X um die Medaillen geht, zu riskieren, dass er einen schlechten Tag erwischt.

 

Worin unterscheiden sich Sportpsychologen und -therapeuten?

In der klinischen Psychologie liegt der Schwerpunkt auf psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Burn-Out und Angststörungen. In der Therapie wird versucht, diese Störungen zu behandeln. In der sportpsychologischen Beratung geht es vordergründig um die drei übergeordneten Themen: Motivation fördern, Emotionen regulieren sowie Aufmerksamkeit und Konzentration lenken. So geht es beim Emotionen regulieren beispielsweise darum, einen optimalen Vorstartzustand zu erreichen. Was mache ich, wenn ich zu sehr nervös bin? Im Bereich der Aufmerksamkeit: Wie schaffe ich es, trotz äußerer Störeinflüsse im Stadion wie Zuschauer und Medien, auf mich und meine sportliche Tätigkeit fokussiert zu bleiben.

 

Wenn große Wettkämpfe wie Weltmeisterschaften oder auch Olympische Spiele anstehen, dann hört man oft den Begriff der mentalen Stärke. Was ist damit gemeint?

Ganz einfach ausgedrückt: Dass ich in der Lage bin, dann wenn es darauf ankommt, meine Leistung abzurufen. Es gibt zum Beispiel den Begriff des Trainingsweltmeisters. Es gibt Sportler, die sind im Training, wenn sie entspannt und locker sind, immer in der Lage hohe Leistungen zu erbringen. Sobald sie aber während des Wettkampfs in eine Drucksituation geraten, alle schauen auf einen, gelingt ihnen das nicht mehr.

 

Gibt es auch den umgekehrten Fall, dass es Athleten gibt, die ohne Hilfe auskommen?

Ja. Sie schaffen es alles auszublenden, einfach rauszugehen und ihre Leistung im entscheidenden Moment abzurufen. Es gibt Sportler, die dazu nicht ohne Weiteres in der Lage sind und daher Unterstützung in Form von Strategien, die ihnen bei der Umsetzung helfen sollen, benötigen.

 

Wie sehen diese Strategien aus, wenn ein Sportler die gute Leistungen aus dem Training nicht im Wettkampf umsetzen kann?

Das hängt stark vom Athleten ab, da diese sehr individuell auf den Athleten zugeschnitten sind. Wir haben eine Reihe von evaluierte Strategien, auf die wir zurückgreifen können. Zuerst sind es Diagnostik, Beobachtungen, Befragungen und Fragebogeninstrumente, die wir einsetzen um etwas über den Athleten herauszufinden. In dem wir beispielsweise nach den Ursachen forschen, weshalb er nicht in der Lage ist, seine Leistung abzurufen. Das könnte unter anderem eine ausgeprägte Wettkampfängstlichkeit sein. Wie sie vielleicht jeder kennt, vor mündlichen oder schriftlichen Prüfungen. Das ist dann nicht nur ein bisschen Aufregung, sondern überschäumende Ängstlichkeit. Stressbewältigungsverfahren können helfen, im Vorfeld besser damit umzugehen.

 

Was kann ein Sportler tun, wenn im Wettkampf plötzlich negative Gedanken aufkommen?

Das ist genau das, was ein Sportpsychologe im Vorfeld versucht, mit einem Athleten zu trainieren. Er forscht nach der Ursachen. Vielleicht gab es in der Vergangenheit einen schlechten Versuch, dann ist es in der Regel immer so, dass genau dann wieder die negativen Gedanken aufkommen und die Abwärtsspirale einsetzt. Nach der Diagnose kann der Sportpsychologe zusammen mit dem Athleten anfangen zu überlegen, was machen wir in Zukunft, um mit solchen Situationen besser umzugehen. Das heißt, den Athleten zu sensibilisieren, das wahrzunehmen. Er soll lernen zum Beispiel durch Gedankenstopp oder durch das Ersetzten von negativen Gedanken durch positive, motivierende, die vorher erarbeitet werden und dem entgegenwirken.

 

Wie viel mehr Leistung lässt sich durch sportpsychologische Maßnahmen herausholen?

Das ist schwer messbar, weil die sportliche Leistung sehr komplex ist und die mentale Seite  ein Baustein von vielen ist.

 

PfeifferVor dem Start sieht man einen Sportler, der sehr in sich gekehrt und konzentriert ist. Was geht da im Kopf vor sich?

Das ist schwer zu sagen. Generell ist es so, dass die Athleten damit beschäftigt sind, Störeinflüsse auszublenden, ihre Routinen einfach verfolgen, die sie haben, bevor sie an den Start gehen. Oder bei Würfen, die Pause zwischen den einzelnen Versuchen kann sehr lange sein, sich abzuschotten, zu entspannen, herunterzufahren, um die Energie kurz vor dem nächsten Versuch wieder zu steigern und in den Wurf mitzunehmen. Für den Athleten ist es wichtig zu wissen, dass er nicht den kompletten Wettkampf auf 180 sein kann. In dieser Situation muss er lernen, wann es nötig ist, die Energie herunter- und wieder hochzufahren.

Das Rennen wird im Kopf entschieden“, heißt es. Wie wichtig ist die Psyche?Sie ist sehr wichtig, um im entscheidenden Moment die Leistung abzurufen. Das körperliche Training ist bei allen Athleten, die in der Leistungsspitze unterwegs sind, sehr gut ausgeprägt. Den Unterschied macht häufig das Mentale aus.

 

Wie wichtig sind Rituale im Sport?

Die sollte man den Athleten nicht nehmen. Wenn sie daran glauben, dann können sie auf jeden Fall das Selbstvertrauen stärken und Sicherheit geben.

 

Wenn Sie hören beziehungsweise auch lesen, dass immer mehr Spitzenathleten mit Sportpsychologen zusammenarbeiten, was geht in Ihnen vor?

Ich freue mich, denn jede Erwähnung stärkt unser Berufsfeld. Es ist eine schöne Rückmeldung, denn seit Jahren arbeiten wir darauf hin und versuchen es zudem in die Stützpunkte zu integrieren. Es freut mich insbesondere, wenn die Athleten berichten, dass ihnen die Arbeit mit einem Sportpsychologen Sicherheit und Selbstvertrauen gibt und das sie die Arbeit stärkt. Eben auch vor dem Hintergrund der Entwicklung der Sportpsychologie in Deutschland. In Amerika ist es so, dass jeder seinen Sportpsychologen hat.

 

Inzwischen drängen immer mehr sogenannte „Mentalcoaches“ und „Motivationstrainer“ auf den Markt. Wie kann man als Breitensportler den richtigen Fachmann finden?

Ich würde genau hinterfragen: Welche Ausbildung hat er, was ist die Philosophie, welches Verständnis hat die Person von sich selbst als psychologischer Berater und was sind die Methoden, die er anwendet. Ein weiteres Qualitätskriterium ist, das jemand über eine fundierte, psychologische und sportwissenschaftliche Ausbildung verfügt.

 

Müssen Sie Ihre Studenten für die Sportpsychologie motivieren?

Das Interesse bei den Studenten ist noch sehr unterschiedlich. Einige interessieren sich sehr dafür, andere wiederum sehen den Sinn, den Nutzen und die Notwendigkeit nicht. Die muss man ein bisschen motivieren, wobei es immer besser ist, wenn die Motivation aus einem selbst kommt. Von außen Motivation zu erzeugen, ist immer schwierig.

 

Spüren Sie dennoch im Vergleich zu den vergangenen Jahren eine erhöhte Resonanz der Studenten, die die Vorlesungen und Seminare besuchen?

Die Kurse, die wir anbieten, sind Pflichtkurse. Seit ich vor zehn Jahren hier angefangen habe, ist das Interesse größer geworden. Vor zehn Jahren war es so, dass die Sportpsychologie ein bisschen belächelt wurde. Diese Einstellung hat sich sehr verändert, aber sie ist trotzdem noch geteilt. Es gibt die engagierten Studenten, die nach dem Bachelorstudium der Sportwissenschaften das Ziel haben, sich auf die Sportpsychologie zu spezialisieren. Dafür gibt an der Martin-Luther-Universität in Halle den Master für Angewandte Sportpsychologie, der einmalig in Deutschland angeboten wird und Weiterbildungen der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (asp).

 

Haben die Studenten während des Studiums die Möglichkeit mit Sportlern zusammenzuarbeiten?

Das ist nicht der Fall. Dafür braucht es eine fundierte Ausbildung als Sportpsychologe oder sportpsychologischer Berater. Im Rahmen des sportwissenschaftlichen Studiums an der Uni Leipzig ist die Sportpsychologie nur ein ganz kleines Fach neben Pädagogik, Biomechanik, Medizin und Trainingswissenschaften. Das heißt, die Studenten haben im Laufe des Bachelorstudiums zwei Vorlesungen und ein Seminar. Das reicht nicht aus nicht, um die Studenten auf die Sportler loszulassen. Was die Studenten ausführlich vermittelt bekommen, ist eine sportwissenschaftliche Ausbildung – das Wissen über die Sportarten. Sie erlernen Strategien, Fertigkeiten und Fähigkeiten, die sie später mit Athleten anwenden können.

 

 

Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehört die Trainer-Athlet-Interaktion im Wettkampf- und Leistungssport. Was kann man sich darunter vorstellen?

Wir erforschen das Thema im Nachwuchsleistungssport vor dem Hintergrund, dass eine positive Trainer-Athlet-Interkation dazu führt, dass die Kindern gern zum Sport gehen, positive Erfahrungen sammeln und lange beim Sport dabei bleiben. Wir schauen uns die Bedingungen an, unter denen die Zufriedenheit der Athleten besonders positiv ist. Auch unter dem Aspekt der Leistungsentwicklung. Gerade im Kinder- und Jugendsport sollte die Persönlichkeit der Athleten nicht ausgeklammert werden, soziale Unterstützung gehört dazu, positives Feedback geben und gute Kommunikation zwischen dem Trainer-Athlet. Der Trainer sollte als Ansprechpartner zu Verfügung stehen, weil die Athleten  viel Zeit in der Trainingsgruppe verbringen.

 

(Text und Fotos: Sandra Arm)
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