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Mit dem Lineal getrennt

Unnatürliche Ländergrenzen als Erbe des Kolonialismus

Wer an Ländergrenzen denkt, dem fallen wahrscheinlich vor allem natürliche Grenzen ein. Gebirge oder Flüsse – von der Natur geschaffen. Doch meist lassen sich Kulturkreise überhaupt nicht von Grenzen umbinden, sie sprengen vielmehr jeden Rahmen. Und ebenso oft sieht man beim Blick auf die Landkarte absolut unnatürliche Ländergrenzen, die wie mit dem Lineal gezogen sind.


Es war im Jahr 1884. Damals trafen sich zahlreiche Kolonialherren in Berlin und debattierten über die Aufteilung der Rohstoffe Afrikas. Insgesamt 13 europäische Staaten wie auch die USA entschieden über die Köpfe der afrikanischen Herrscher und der Bevölkerung hinweg, wie die Ausbeutung in Afrika perfektioniert werden sollte.
Vor allem Portugal sah seinen Einfluss in dieser Region schwinden und agierte als Triebfeder der Berliner Konferenz. Es ging vor allem um die Verteilung der Bodenschätze. Damals wie heute sind die afrikanischen Länder reich bestückt, aber auch ebenso massiv ausgebeutet. Resultat waren derart künstliche Grenzen, die auch heute noch aussehen, als seien sie mit einem Lineal gezogen.

Ohne jegliche Raison

Ein Lineal, ein Bleistift und eine Landkarte – dazu der europäische Gusto – entschieden über Nachbarschaft und Feindschaft. Kulturkreise wurden voneinander durch Grenzen separiert, um die Bodenschätze unter den reichen Nordstaaten aufzuteilen. So sind Mali und Niger auch heute noch durch eine 1.500 kilometerlange Linie voneinander getrennt, die jeglicher Raison entbehrt.

Ein Blick auf die heutige Landkarte genügt, um das Erbe des Kolonialismus in Afrika zu erkennen. Schnurgrade Grenzen, die sich durch den Kontinent ziehen. Keinerlei Krümmung ist zu erkennen, keinerlei Logik und noch weniger Empathie sind dabei zu erahnen.
Denn als nach dem Zweiten Weltkrieg und der Atlantik-Charta der Kolonialismus sukzessive abflaute, blieben diese surrealen Grenzen bestehen. Auch die Afrikanische Union beließ es dabei. Die logische Konsequenz waren ethnische Anfeindungen, Gebietskämpfe und eine grassierende Heterogenität.

Der Irak – ein Kunstgebilde
Auch der Irak, der mal an der Seite der Sowjetunion, mal auf Seiten der USA und mal im Sinne der Islamisten agierte, ist ein absolut künstliches Gebilde, das drei Bevölkerungsgruppen zwangsweise vereint. Kurden, Schiiten und Sunniten lebten Anfang des 20. Jahrhunderts noch in eigenen Provinzen, sollten dann aber im neugegründeten Irak vereint werden.
Heute noch streiten sich die Gruppen um Einfluss und Macht. Anerkennung und Akzeptanz sind bis dato noch nicht zu erkennen, was auch eine Konsequenz des irakischen Kunstgebildes ist. Das Nachbarland Israel treibt diese Politik noch auf die Spitze. Dort werden im Westjordanland und dem Gaza-Streifen die Palästinenser eingebunkert, ohne dabei Rücksicht auf Moral und Logik zu nehmen.

Doch dieser Umstand ist auch dem UN-Teilungsplan von 1947 geschuldet, der das Land recht willkürlich zwischen Juden und Arabern aufteilte. Auch hier ging es primär um die Verteilung von Rohstoffen und fruchtbarem Boden.

Wer also grundsätzlich künstlich Bevölkerungen voneinander trennt und mit anderen Gruppen zusammenmischt, der mag im westlich-ökonomischen Denken rational handeln. Doch die moralische Instanz, das Über-Ich, müsste und sollte dabei laut aufschreien. Es sind immerhin noch Menschen und Schicksale, die dort verschoben werden. Auch wenn es im stillen Kämmerlein mit einem Lineal und einem Bleistift getan wird.


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(Text: Jerome Kirschbaum)
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Über den Autor

Jerome Kirschbaum
Ressortleiter Sport

Jerome Kirschbaum schreibt am liebsten über Sport, wenn er denn nicht selbst auf einem Platz steht. Seit Oktober 2010 verdingt sich Jerome als Schreiberling für back view, neben den Leibesübungen widmet er sich sich auch politischen Themen. Im wahren Leben musste Jerome zahlreiche Semester auf Lehramt studieren, um dann schlussendlich doch etwas ganz anderes zu werden.

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